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Artgerecht ist nur die Freiheit : eine Ethik für Tiere oder Warum wir umdenken müssen / Hilal Sezgin

Wir dürfen das Tier nicht von vornherein als „Nutztier“ ansehen und auf dieser Grundlage überlegen, wie wir ihm sein derzeit unzumutbares Los ein wenig erträglicher machen können. Sondern jedes Tier hat a priori das Recht auf den Vollzug seines eigenen Lebens. Wenn wir über Einschränkungen und Zumutungen, Wohl und Schutz sprechen, dürfen wir nicht vom „Nutztier“, sondern müssen vom freien Tier her denken. (S. 189)

Die Diskussionen um Tierrechte und eine Ethik für Tiere sind in den letzten Jahren – nicht nur aufgrund der üblichen Mißstände und Skandale in der Lebensmittel- und Agrarindustrie – immer wieder aufgeflammt und haben mittlerweile weite Teile der Gesellschaft erreicht. Dabei ist eine immer stärkere Ausdifferenzierung der verschiedenen Aspekte der Diskussion zu beobachten, verbunden mit einer größeten Argumentationsschärfe und einer umfassenderen Einbeziehung unterschiedlichster Tierarten vom Fisch über den Schimpansen bis hin zum sogenannten Nutz- oder Haustier.

Hilal Sezgin, die Philosophie studierte, als Buchautorin und Journalistin arbeitet und einen Gnadenhof in Norddeutschland betreibt, setzt sich in „Artgerecht ist nur die Freiheit“ auf sehr differenzierte Weise mit Tieren und ihren Rechten auseinander. Während sie sich im ersten Kapitel mit dem Begriff Ethik im Tier-Mensch-Verhältnis allgemein auseinandersetzt, geht sie im zweiten Kapitel der Frage nach, ob wie Tiere quälen dürfen, wagt die Abwägung zwischen menschlichen Interessen (Krankheit) und tierischen – und stellt damit letztlich fast alle Formen von Tierversuchen in Frage.

In „Dürfen wir Tiere töten“ beschäftigt sie sich mit der Frage, welchen Wert tierisches Leben für uns hat und haben sollte, ob wir Tiere tötehn dürfen und warum die Lebensmittelindustrie alles tut, um das massenhafte industrialisierte Töten aus dem Bewußtsein des Konsumenten zu halten. Dabei problematisiert sie auch die Haltungsbedingungen, die industriegerechte Züchtung von Tieren und das Leid, dass Tiere in der Tötungsmaschinerie erfahren.

Es folgt mit „Dürfen wir Tiere töten“ eine Reflexion über Tier- udn Menschenwohl und eine ausgesprochen scharfsinnige Erörertung dessen, ob wir Tieren die Freiheit nehmen dürfen, um sie zu nutzen. Dabei zeigt sie auch auf, welchen Belastungen, aber auch welchen potentiellen Vorteilen Tiere ausgesetzt sind, die ihrer Freiheit beraubt wurden, um als Nutz-, Haus- oder Zootiere menschlichen Interessen zu dienen. Dabei geht sie immer vom frei lebenden Tier aus und entlarvt dabei einmal mehr die beschönigenden Maßstäbe der Agrarindustrie und der adminsitariven Normen, die Tieren zum überwiegenden Teil nur so viel Platz zugestehen, wie es eben geht, um die ablaufenden Prozesse und die wirtschaftlichen Interessen nicht zu gefährden. Deutlich macht sie dies am Beispiel von Schweinen und Hühnern.

Im letzten Kapitel „Wie können wir mit Tieren leben“ versucht sie ein mögliches Verhältnis von Mensch und Tier in der Zukunft auszuloten, dass nicht von Ausbeutung und Qualen gekennzeichnet ist. Dabei macht sie nochmals deutlich, dass es bei der tierethischen Diskussion wie auch beim ethisch begründeten Veganismus beieibe nicht nur um das Essen geht, sondern darum, dass der Mensch sich anmaßt, die Verfügungsgewalt über alle Mitlebewesen zu haben. Sezgin glaubt zwar nicht, dass sich der menschliche Speziezismus so bald überwinden lässt, hält aber dagegen, dass auch Sklaverei oder Folter einst normal waren und nur durch langjähriges Engagement vieler abgeschafft wurden.

Sezgins Buch ist kein Rundumschlag gegen bestehende Verhältnisse, sondern ein ausgesprochen differenziertes, hoch philosophisches und trotzdem sehr gut lesbares Buch. Sie teilt auch nicht polemisch aus gegen die Lebensmittel- und Agrarindustrie, sondern zeigt auch die blinden Flecke bei jenen auf, die vermeintlich auf der guten Seite stehen: den Biobauern oder dem Metzger von nebenan, die alle von sich behaupten, es eben doch ein bisschen besser zu machen als die anderen.

Dabei kann man zu durchaus eigenen Schlüssen kommen – wer regelmäßiger Zoogänger ist wie wir, wird sich bei Sezgins Argumentation sicher in Frage gestellt sehen – wobei die Sache gerade hier vielleicht auch nicht so eindeutig zu entscheiden ist (bzw. WIR sie für uns nicht so eindeutig meinen entscheiden zu können, da wir den Zoos durchaus auch eine Aufgabe im Bezug auf das Bewußtsein für den Tierschutz zuschreiben, die sicher mit den Rechten der Tiere auf Freiheit nicht unbedingt in Einklang zu bringen ist.).

Als Vegetarier sind mir viele Gedanken, die Sezgin hier ausführlich und in stringenter, abwägender und praxisnaher Argumentation ausführt, nicht fremd. Trotzdem hat Sezgin recht, wenn sie dem Normalvegetarier von nebenan, der auch Eier und Käse isst, die unangenehmen Seiten seines diesbezüglichen Konsums ebenso vor Augen hält wie dem Biokostkäufer. Ganz sicher wird das nicht jeden Vegetarier jetzt zum Veganer und jeden Fleischesser zum Vegetarier machen. Aber Sezgins Buch ist derart lebensnah geschrieben und neben den phiosophisch ausgefeilten Gedankenketten mit so viel Praxisbeispielen angereichert, dass es einem die Folgen des eigenen Handelns im Bezug auf Tiere sehr bewußt macht und das offenbart, was hinter verschlossenen Türen stattfindet und von uns nicht gesehen werden will. So gibt es uns die Gelegenheit, unser eigenes Handeln zu hinterfragen und vielleicht zumindest im Bewußtsein, dass Milchkühe früh von ihren Kälbern getrennt werden und darunter ganz offensichtlich stark leiden, den eigenen Milchkonsum zu reduzieren. Schnell merken wir nach der Lektüre, dass nicht nur die anderen sich die Welt schön reden, sondern auch wir selbst – und mehr, als uns lieb ist.

Eben dort setzt Sezgin an: bei jedem Einzelnen von uns und den Handlungsmöglichkeiten, die er im Bewußtsein des millionenfachen Leids von Tieren hat und ergreifen kann. Ein ausgesprochen anregendes und dabei gut lesbares Buch, das lange nachwirkt und allen, die bei dieser Diskussion um das Leben und die Rechte von Tieren auf der Höhe sein wollen, sehr ans Herz gelegt werden kann.

12 thoughts on “Artgerecht ist nur die Freiheit : eine Ethik für Tiere oder Warum wir umdenken müssen / Hilal Sezgin

  1. Tiere zu töten ist die primitivste Form der menschlichen Ernährung, der Mensch folgt immer noch dem Gesetz der Wildnis (der stärkere schlägt den schwächeren),von der Natur so angelegt zur Förderung der Evolution . Über die lange Zeit der Entwicklung des Lebens auf diesem Planeten hat sich der Mensch am weitesten entwickelt und hat damit eine neue Kulturstufe erreicht die ihn verpflichten auch die früheren Verhaltensweisen zu verbessern.
    Wir sind von der Natur ins Leben gerufen worden wie die Eintagsfliege auch und das Teilen wir mit allen anderen Lebewesen auf diesem Planeten. Die andere Entwicklung des menschlichen Gehirns mit seinen außerordentliche Fähigkeiten wurde von der Natur bestimmt nicht entwickelt um zu zerstören sondern um etwas größeres aufzubauen. Wir müssen die Polarität in der Natur zum Pluspol hin entwickeln. Viele Grüße Willy

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  2. Tiere zu töten ist die primitivste Form der menschlichen Ernährung, der Mensch folgt immer noch dem Gesetz der Wildnis (der stärkere schlägt den schwächeren),von der Natur so angelegt zur Förderung der Evolution . Über die lange Zeit der Entwicklung des Lebens auf diesem Planeten hat sich der Mensch am weitesten entwickelt und hat damit eine neue Kulturstufe erreicht die ihn verpflichten auch die früheren Verhaltensweisen zu verbessern.
    Wir sind von der Natur ins Leben gerufen worden wie die Eintagsfliege auch und das Teilen wir mit allen anderen Lebewesen auf diesem Planeten. Die andere Entwicklung des menschlichen Gehirns mit seinen außerordentliche Fähigkeiten wurde von der Natur bestimmt nicht entwickelt um zu zerstören sondern um etwas größeres aufzubauen. Wir müssen die Polarität in der Natur zum Pluspol hin entwickeln.

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  3. Lieber Jarg,
    das klingt mal nach einem weniger hysterischen denn sachlich differenzierendem Buch zum Thema. Dass das Thema wichtig ist, ist keine Frage – und das wir uns und unser Verhalten und unsere Haltung dazu sehr infrage stellen müssen ist wohlwahr. Allein, bisher bin ich zu dieser Problematik auf allzu viele, ja ich möchte sagen, hysterische Dogmatiker gestossen. Da ich aber mit Dogmatikern egal welcher Art nicht mehr rede, finde ich es sehr schwierig, über das Thema in einen Dialog zu kommen. Da scheint die Autorin dieses Buches einen anderen Weg zu gehen, deshalb dank für den Hinweis.
    Liebe Grüße, Kai

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    • Lieber Kai,
      das mit den Dogmatikern kenne ich ja auch zu genüge: das sind diese Diskussionen, wo immer jemand gewinnen will. Furchtbar. Sezgin ist da wohltuend anders und erarbeitet sich und ihrem Leser ihre Argumente wirklich sehr schlüssig und abwägend, so dass die Haltung, die sie am Ende in den meisten aufgeworfenen Fragen einnimmt, gut begründet erscheint und zur eigenen Auseinandersezung anregt. Auch wenn man sich ihr vielleicht nicht in allem anschliessen mag, wird das Buch so auch zu einem intellektuellen Genuss bei einem Thema, bei dem der einen oder anderen Seite gerne der Schaum vor dem Mund steht. So sieht man sich am Ende angeregt vor all diesen Fragen und ist geneigt, selbst zu denken und sich selbst eine eigene Haltung zu erarbeiten. Was mehr kann man sich wünschen?
      Liebe Grüsse von Jarg

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