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Die Regeln des Sommers / Shaun Tan

Nie die Regeln verletzen. Schon gar nicht, wenn du sie nicht verstehst. (Zitat)

Die Geschichten von Shaun Tan, die sich im Grenzbereich zwischen Bilderbuch und Graphic Novel bewegen, sind für mich etwas absolut besonderes: der australische Illustrator und Schriftsteller schafft in seinen Werken eine ganz eigene Atmosphäre voller Widersprüche, Befremdungen und subtiler, nicht auf das offensichtliche zielender Anspielungen. In den von ihm geschaffenen Welten spiegelt sich die reale Welt der Menschen wie in einem seltsamen Zerrspiegel: sie sind gleichzeitig befremdend wie vertraut, verbinden auf verstörend-berührende Weise beruhigende und beunruhigende Elemente, universelle Emotionen mit scheinbar lokal verorteten Befindlichkeiten und Riten.

Auf Jargsblog begeistere er bereits mit „Die Fundsache“, den „Geschichten aus der Vorstadt des Universums“, „Ein neues Land“ und „Der rote Baum“. Mit „Die Regeln des Sommers“ erhielt ich zum Geburtstag jetzt ein neues Buch von ihm.

Es geht um Regeln. Niemand weiß, wer sie aufgestellt hat. Aber die zwei Jungs in dem Buch müssen ihnen ganz offensichtlich folgen und geraten sich dabei immer mehr in die Haare – bis sie sich am Ende der nicht linear und mit Brüchen erzählten Geschichte daraus befreien, wieder zueinander finden und deutlich wird:

Nie einen Sommertag verpassen. Das wär’s.

Tan spielt auch hier meisterhaft mit dem Unerwartetem, dem Kontrast, dem Widerspruch und erzeugt so eine geradezu existentielle Atmosphäre, in der der karge, fast nüchterne Text von den ausdrucksstarken Bildern überlagert wird, bis die vordergründig harmlose, tatsächlich offensichtlich immer bedrohlichere und fantastisch übersteigerte Geschichte um die zwei den Regeln folgenden Jungs sich am Ende auflöst. Den Bildern Tans mutet dabei etwas Magisch-traumhaftes an, mit der er auf eine ganz elementare, sprachferne Ebene der inneren Wahrnehmung zielt und so eine starke Wirkung beim Betrachter erzielt, der man sich kaum entziehen kann.

Obwohl das Buch im gewand eines Bilderbuches daherkommt, ist es doch wesentlich mehr, zielt auch auf dem erwachsenen, an künstlerisch anspruchsvoller Graphik interessierten Leser und gehört sicher nicht zu den leicht konsumierbaren Kinderbüchern mit einer einfachen, platten Botschaft, wie man sie so häufig sieht. Im Gegenteil: auch dieses Buch von Tan fasziniert auf eine ganz eigene Weise und bewegt bei jeder Lektüre neue Gedanken, Gefühlssplitter und Assoziationen beim kindlichen und erwachsenen Betrachter. Man mag die Einstufung des Verlages, dass Buch sei ab sechs Jahren geeignet, nun durchaus kritisieren und das Buch als zu düster für Kinder betrachten. Fakt ist, dass Kinder in dem Alter sehr gebannt und fasziniert von solchen Bilderbüchern sein können, auch und gerade weil sie spüren, dass Fragen offen bleiben und Raum für das eigene zwischen den zugleich befremdlichen und seltsam vertrauten Bildern bleibt.

Den Zwillingstest jedenfalls hat dieses Buch mit Bravour bestanden und gehört für ich ganz eindeutig zu den schönsten Bilderbüchern in diesem Jahr.

2 thoughts on “Die Regeln des Sommers / Shaun Tan

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