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Wo soll ich suchen / Dota und die Stadtpiraten

Und bei Gewitter geh ich nicht baden.
Und bei Sturm schwimm ich nicht zu weit raus.
Und meide die Eichen und finde
den anderen unter den Gleichen.

Wo soll ich dich suchen? Wo soll ich dich suchen?

Da wo die feinen Bläschen aufsteigen?
Da wo die Vögel plötzlich aufgeflogen sind?
Da wo die Weiden sich übers Wasser neigen?
In den Wellentälern bei Wind?
Da wo der Wald am allertiefsten ist am Steilhang?
Beim südlichen Weg zu der Burg?
Am Himmelsstrand auf meinem Badetuch im warmen Gras?

Wo soll ich dich suchen?

Es gibt sie zum Glück immer wieder: Musik, die man fast beiläufig entdeckt in der ganzen Fülle dessen, was es heute so an Musik gibt, sich zunächst ohne große Erwartungen anhört, um dann überrascht innezuhalten und nach dem ersten Durchgang noch einmal genauer hinzuhören, Details zu entdecken, tiefer zu geniessen und sich zu freuen, dass man ganz offensichtlich auf eine musikalische Perle gestoßen ist – vielleicht gar eine, in denen ein feines lyrisches Ich durch sorgfältig gemachte Texte schimmert und einen nahezu direkt anzusprechen scheint. Wenn mir das passiert, neige ich ja bekanntermaßen zu akustischen Exzessen und das entsprechende Album wird zu jeder passenden und unpassenden Gelegenheit über die Ohrschnittstelle konsumiert.

So ging es mir auch mit dem Album „Wo soll ich suchen“ von Dota (vormals „Dota und die Stadtpiraten“), einer Berliner Band um die 1979 geborene Musikerin Dorothea „Dota“ Kehr, die sich stark an Bossa Nova und Jazz orientiert und schönsten deutschsprachigen Singer/Songwriter-Pop mit chansonhafter Note hervorbringt. Bemerkenswert sind dabei nicht nur die oft federleichten manchmal aber auch rockig-treibenden Songs, begeleitet von Gitarre, Kontrabass, Schlagwerk, E-Bass, gelegentlich angereichert mit Flügelhorn, Akkordeon und Geige: die Texte von Dota zeichnen sich durch hohe sprachliche Präzision, ausgesprochen lyrische Wendungen und inhaltliche Treffsicherheit aus.

Da geht es um Sommer und Liebe, um Sehnsucht und Melancholie, Mensch und Gesellschaft, um Drachensteigen, Vögel und Wind, um die Sehnsucht, die Traurigkeit und die Lebenslust. Ganz wunderbar ist dabei der eingängige, poetische Titelsong „Wo soll ich suchen“, der sich ganz um Sehnsucht dreht, wunderbare Bilder schafft. Im federleichten, zartmelancholischen „Sommer“ unterstützen Bläser und ein durch Kartons und einen Lederkoffer ersetztes Schlagwerk die Wirkung des Stücks. Wunderbar und fröhlich ist das Lied „Konfetti“, in dem auch textlich die Begeisterung Dotas (die schon in Ecuador und Brasilien lebte) für brasilianische Musik zu spüren ist.

So stell ich es mir vor, ich seil mich ab,
ich spring die letzten Meter,
weil das Drahtseil nicht reicht.
Kein Kränze, keine Kerzen, nur
Konfetti. Und bitte sorg dafür, dass
sie João Bosco spielen,
dann gibt ́s Schnaps und großen
Schmaus. Schnaps und großen
Schmaus.

Und wann hat man zuletzt einen deutschsprachigen Song wie „Hoch oben“ gehört, in dem man Wind und Regen auf der Haut zu spüren scheint beim Lauschen und tief eintaucht in dieses Lied über das Fallenlassen, das Loslassen.? Wie überhaupt Dota die Gabe haben, mit Text und der facettenreichen, geschickt arrangierten Musik Geschichten zu erzählen, bei denen die Bilder und Filme im Kopf ganz von selbst entstehen und man manchmal sogar das Gefühl hat, einen Duft, einen Geruch wahrzunehmen – vielleicht den vom Meer, vom Moor oder vom Wind. Nimmt man die Texte der Songs für sich, könnte man sie für vertonte Gedichte halten, so wunderbar kondensieren die Gefühle und Assoziationen in den Worten. Die Musik selbst reicht vom reduzierten akustischen Stil, bei dem man sich unwillkürlich am gedanklichen Lagerfeuer wiederfindet, bis zu größerer, in die Beine gehender Opulenz und Rhythmik.

Wie nennt die ehemalige Kleingeldprinzessin ihre Musik? „Jazz/Bossa Nova-beeinflusster Liedermacher-Pop“ (Quelle: Laut.de). Besser kann man es nicht ausdrücken. Ein wundervolles Album und für mich die Musik dieses Sommers mit einer jetzt schon ganz klar zu vergebenen Nominierung für Jargsblogs Beste 2014.

2 thoughts on “Wo soll ich suchen / Dota und die Stadtpiraten

    • Dann wünsche ich viel Freude beim Hören dieses feinen Albums, liebe Dina und liebe Buchfeen.
      Herzliche Grüsse aus dem Brezelparadies (Hohenlohe) von
      Jarg

      Gefällt mir

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