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Spuren : eine Reise durch Australien / Robyn Davidson

Wenn die Menschen anfangen würden, ihre Phantasien zu leben, wenn sie sich weigern würden, die sinnlose Langeweile hinzunehmen, die ihnen als das Normale angeboten wird, könnte man sie nicht mehr so leicht unter Kontrolle halten. (S. 272-273)

Alice Springs, Australien, in den 1970er Jahren. Die junge Robyn Davidson ist mit einem Ziel ins rauhe Alice Springs gezogen: sie will die Wüste mit Kamelen durchqueren. Das ist ihr – vielleicht naiver – Lebenstraum, der ihrem Dasein neuen Sinn geben soll, und dafür nimmt sie einiges in Kauf: einen Job in der Kneipe, die Schindereien durch Kurt, einen Anbieter von Kameltouren, bei dem sie zwei Jahre schuftet und vieles über Kamele erfährt und ihre zum Teil üblen Unterkünfte bis hin zu einem halbverfallenen Haus.

Endlich, mit siebenundzwanzig Jahren, bricht sie mit ihrem Hund Diggity und vier Kamelen in Richtung Westküste auf. Obwohl sie eigentlich nicht über die Reise schreiben wollte, geht sie zur Finanzierung einen Vertrag mit National Geographic ein, besteht aber darauf, dass der Fotograf Rick Smolan für die Bilder zuständig ist, den sie in Alice kennengelernt hat. In neun Monaten wandert sie mit den Tieren über 4000 km durch die Wüste und lässt nach und nach alles hinter sich, auch wenn die Verfolgung durch nervige Presseleute und ihre Unerfahrenheit ihr den Weg zunächst erschweren. Immer wieder hat sie Zweifel an der Reise – und auch die Kamele machen – neben mancher Reisebegegnung – unerwartet Schwierigkeiten.

Doch Davidsons Reise wird am Ende nicht nur eine Reise zu sich selbst: sie erfährt die australische Wildnis mit ihrer Hitze, ihrer menschenfeindlichen Landschaften und giftigen Tiere auf eine sehr ursprüngliche Weise, zeitweise auch durch die Begleitung eines älteren Aborigines namens Mr. Eddie. Dabei erkennt sie, wie wenig es zum Glücklichsein braucht und kommt trotz aller Probleme und auch tragischen Ereignisse am Ende verändert im Westen an.

Ihr Bericht für National Geographic stieß auf so großes Interesse, dass Davidson beschloss, ein Buch daraus zu machen. Dabei stützte sie sich im Wesentlichen auf ihre Aufzeichnungen und veröffentlichte schliesslich 1980 ihren Reisebericht, der auf nachhaltige begeisterung stiess und schliesslich, über dreissig Jahre nach der eigentlichen Reise, verfilmt wurde und 2014 in die Kinos kam.

„Spuren“ ist ein ungewöhnliches Reisebuch, was auch die Autorin der Rückschau so empfindet: es wirkt über weite Strecken roh und ungeschliffen, doch zugleich so unmittelbar und authentisch, dass man sich ihm kaum entziehen kann. Fasziniert folgt man dem Bericht vom Aufbruch nach Alice Springs und die harte Zeit dort, bis schliesslich nach Aneignung der notwendigen Kenntnisse über Kamele zwei Jahre später der ersehnte Trip nach Westen beginnt. Dabei sind Davidsons Schilderungen so unmittelbar, dass man fast meint an ihrer Seite zu gegen, den Staub zu schmecken und die Entbehrungen, um im nächsten Augenblick zumindest ansatzweise ihre tiefe Begeisterung über einen besonderen Augenblick in der öden Einsamkeit nachempfinden zu können. Ihre Schilderungen der Aborigines, die in den 1970er Jahren erst begannen, sich aus der Unterdrückung zu befreien, sind dabei von besonderer Eindringlichkeit, wird doch sowohl der Respekt vor den Leistungen und der Kultur der australischen Ureinwohner spürbar wie das Entsetzen und die Traurigkeit über ihren durch Unterdrückung und Alkohol bedingten Niedergang.

Ein besonderer Reisebericht, der auch nach über dreissig Jahren nichts von seiner Faszination verloren hat.

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11 Kommentare zu “Spuren : eine Reise durch Australien / Robyn Davidson

  1. Danke für den Tip.
    Seit ich bei Dir mitlese (auch wenn ich nicht immer kommentiere ), werden meine Wunschzettel nie leer. 🙂
    Ich hab mich schon gefragt, wie findest Du all diese oft außergewöhnlichen Bücher und Filme bzw. wodurch wirst Du darauf aufmerksam?

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  2. Weil mein Leben jährlich auch durch die Bahnen der Langeweile seine Kreise zieht, lese ich als Ausgleich gern Bücher von solch mutigen Menschen, die den Ausbruch gewagt haben..
    Grade lese ich „In die Wildnis“ von Jan Krakauer, der über einen jungen Mann bereichtet, den es allein in die Wildnis von Alaska zog.
    Seine Begründung war ähnlich wie die von Alice Springs;-)
    Ich werde mir deine Buchempfehlung als nächstes nach Hause tragen und lesen:

    LG Ostseemaus

    http://www.amazon.de/In-die-Wildnis-Allein-Alaska/dp/349225067X

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  3. Gefällt mir sehr! Wenn du Lust hast, sieh dir auch den Film irgendwann mal an. Robyns außergewöhnliche Reise ist auch auf der Leinwand beeindruckend umgesetzt. Mir gefiel die Verfilmung sogar besser als das Buch (was ziemlich selten vorkommt). Seitdem mag ich irgendwie Kamele – ganz besonders, ihre stoische Art. Und auch Robyns Botschaft des Loslassens von allen Dingen …

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