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Gretchen : Roman / Einzlkind

Es war ja ihr erstes Rendevouz. Mit dem Tod. Und wie bei jedem ersten Mal , war sie ein wenig aufgeregt. Aber das würde sich schon wieder legen, sobald sie sich näher kennengelernt haben. Als Wienerin wurde ihr das Abfahren ja in die Wiege gelegt. Mit rosa Schleifchen und besten Wünschen für die Zukunft. Für Feiglinge war da kein Platz, die wurden einfach unter den Teppich gekehrt. Dabei gab es doch nichts Größeres. Unheimlich und faszinierend zugleich. Immer schon. Wenn auch nur für eine sehr, sehr kurze Zeit. Und das ist das Ärgerliche am Tod, dachte sie, dass man ihn nicht genießen kann. (S. 231-232)

Nein, natürlich ist sie einem nicht sympathisch, diese exzentrische, arrogante, trinkfeste, durch und durch verschrullte 75jährige Theaterintendantin in Designerkleidern, um die die Welt sich zu drehen scheint, auch wenn diese Welt mittlerweile nur noch aus nachhilfebedürftigen Gelegenheitsgangstern und dem revolutionsplanenden „Salon der Debütanten“ besteht. Außerhalb dieser Aktivitäten terrorisiert die rosinenhassende Alte alles und jeden, bis sie eines Tages alkoholisiert mit ihrem Jaguar in einer Polizeinkontrolle gerät und ihre gerechte Strafe kassiert: sie soll auf der abgelegenen Insel Gwynfaer mit den in ihren Augen grenzdebilen, inzestgeschädigten Eingeborenen innerhalb von vier Wochen ein Theaterstück auf die Beine stellen. Und schon bald sorgt Gretchens Anwesenheit dafür, dass sich auf der langweiligen Insel eine Kulturbetriebsamkeit entwickelt, die dem einschlägig Interessierten wie ein derbe Persiflage auf die deutschsprachige Theater- und Feuilletonwelt erscheinen muss, dem Normalsterblichen aber ebensolches Vergnügen bereitet.

Am Ende und zu seiner eigenen Überraschung hat der Leser Gretchen tatsächlich ins Herz geschlossen, diese faule, Sauf- und Drogengelagen nicht abgeneigte, gottgleiche Prinzipalinnenlegende, die ihre besten Jahre hinter sich hat und doch am Ende einen Abgang findet, der ebenso theatralisch wie respektheischend ist. Ein Roman von hoher sprachlicher und humoresker Virtuosität, der von so unerwarteten sprachlichen Innovationen wie „Impertinente Flauschigkeit“ geradezu strotzt. Der unter dem Pseudonym „Einzlkind“ schreibende Autor, der mit „Harold“ ein fulminantes Debüt vorlegte, gehört für mich zur Zeit aufgrund seines virtuosen Umgangs mit der deutschen Sprache und seiner absurd-komischen Geschichten zu den erfrischensten Stimme der deutschsprachigen Literatur. Ein wunderbares Buch und eine treffende Satire auf den Feuilletonbetrieb, das ich sehr gerne empfehle.

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