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Wie werde ich ein guter Diktator : schnell aufsteigen, lange bleiben, viel Geld machen / Mikal Hem

Leider wird es immer schwieriger, sich internationale Wahlbeobachter vom Leib zu halten. Die UN und andere zwischenstaatliche Organisationen fühlen sich verpflichtet, Wahlen unter autoritären Regimen zu kontrollieren. Doch machen Sie sich nicht zu viele Sorgen. Durch aktiven Lobbyismus können Sie freundlich gesinnte Observatoren gewinnen. Gut geeignet sind Kontrolleure aus Ländern, die selbst ein Interesse daran haben, dass Wahlbetrug nicht auffliegt. Dies können andere Diktaturen sein oder Länder, die vom Wohlwollen Ihrer Regierung oder den Rohstoffen Ihres Landes abhängig sind. (S. 44)

Vor einigen Jahren sah es ja noch so aus, als würde der altehrwürdige Beruf des Diktators langsam aussterben. Auch fand man bisher keinerlei Handreichung für die Ausbildung in diesem vergleichsweise seltenen, dafür meist mit langjährig guten Beschäftigungsaussichten und Verdienstmöglichkeit ausgezeichneten Beruf, der aus unverständlichen Gründen in den Angeboten der Agentur für Arbeit bisher fehlte. Was unverständlich ist: halten sich Diktatoren doch im Schnitt länger an der Macht als demokratisch gewählte Politiker, was die Sozialkassen doch erheblich entlastet.

Das könnte sich jetzt ändern, denn der norwegische Journalist und Blogger Mikal Hem legt mit „Wie werde ich ein guter Diktator“ eine Berufskunde vor, die anhand zahlreicher Best-Practice-Beispiele aktueller und bereits in vielfältiger Hinsicht abgetretener Diktatoren in das Berufsfeld einführt und dabei wesentliche Merkmale, Fähigkeiten und Soft Skills herausarbeitet.

Ausführlich beschreibt Hem, wie man Diktator wird (am besten durch einen Putsch) und sich an der Macht hält, welche Möglichkeiten des unbedingt notwendigen Personenkultes sich eröffnen, wie sich Geld scheffeln und adäquat und zur Steigerung des eigenen Ansehens wieder ausgeben lässt. Auch auf die sinnvolle Familienplanung (meistens verbunden mit Frauenauswahl ohne Ende) wird eingegangen, auf die weiterhin bestehende Notwendigkeit, seine weisen Gedanken für Volk und Vaterland in Buchform zu pressen und natürlich, wie man in Kleidung und Architektur, Stadtplanung und Landschaftsbau den passenden, zur Machtsicherung beitragenden Stil findet. Es fehlen auch nicht wesentliche Hinweise darauf, wie man durch geschicktes Teilen seine Herrschaft sichert – und wann man sich besser aus dem Staub macht.

Sehr überzeugend legt Hem dar, das es durchaus unterschiedliche Ausprägungen des Berufsfeldes gibt. So unterscheidet sich der klassische afrikanische Potentat meistens schon in der pompösen Kleidung von dem eher in schlichtes Tuch gekleideten asiatischen Ursupator oder dem arabisch gewandeten Wüstensohn mit unbeschränkter Macht. Auch kann der Architekturstil von barocker Fülle bis hin zum Betonbrutalismus und moderner, zumeist ins Gigantische reichenden Stahl- und Glasästhetik reichen, gerne dargereicht von renommierten internationalen Architekturbüros.

Hem reichert seine Berufskunde mit allerhand Beispielen aus der bizarren Welt der Diktatoren an und bietet dabei auch noch fundierte Exkurse etlicher regionalhistorischer Zusammenhänge und Strukturen, etwa bei Nordkorea oder Ruanda. Ob Nordkoreas Kims, Gaddafi, Bokassa, Sultan Bolkiah von Brunei, ob Mao Zedong oder Mobutu Sese Seko oder Gabuns bizarre Kulte feiernder Omar Bongo – Hem zeigt an zahlreiche Beispielen, wie Diktatoren geschickt ihre Macht sichern und jedwede demokratische Veränderung im Keim ersticken. Der vorgründig als Satire daherkommende Titel, der auch durchaus humorvoll und spitzzüngig geschrieben ist, entpuppt sich dabei bei genauer Lektüre als grundsolide recherchiertes Buch über die Mechanismen totalitärer Machtsicherung in modernen Zeiten, der die Diktatoren als Objekte seiner Neugier in jeder Hisicht sorgfältig seziert, ihr historisches Umfeld beleuchtet – und sie hernach der Lächerlichkeit preisgibt.

Ein sehr empfehlenswertes Buch für alle, die an Politik interessiert sind, wissen wollen, warum sich Diktaturen immer noch behaupten können – und wie absurd es in ihnen zugehen kann.

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17 Kommentare zu “Wie werde ich ein guter Diktator : schnell aufsteigen, lange bleiben, viel Geld machen / Mikal Hem

    • Cool. Nach meiner kurzen Zeit als charismatisch-nationalistischer Diktator wurde ich straffrei abgesetzt und landete als Standesbeamter in Rottweil. Man kann es schlechter treffen 😉
      Schöner Test! Danke für den Link und herzliche Grüsse von
      Jarg

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      • Na ja, dazu hält man sich eine Garnison loyaler Kanonenfutter, wenn es zur Eskapaden ausartet. 😀
        Nach dem Motto: Ihr geht voran, ich durch die Tunnels zum Hubschrauber he-he
        Liebe Grüße, Gregor

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      • Korrekte Taktik! 🙂
        Die habe ich ja total vergessen. 🙂
        Und die sind ja auch sehr praktisch, wenn z.b. Wahlen sind oder der Diktator sich an das niedere Volk richten will/muss. 🙂
        Ich glaub, ich werd mir das Buch auch besorgen 😀

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      • Genau. Während die Diktatorduplikate allgegenwärtig vorbereitete Reden halten und Dinge ansehen, kann man selbst dann am Privatstrand liegen …

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  1. In Ihrer Beschreibung, stört mich schon der Vergleich von den unbedeutenden Despoten Afrikas, mit z.B. Mao Tse-tung. Ich bezweifel, dass der Autor – außer ein paar chauvinistischen Schmunzeleien – intelligente Einsichten dieser sehr vielfältigen Regime zu bieten hat. Lächerliches gibt es in der BRD genug.
    Wenn meine oberflächliche Vermutungen dem Autor unrecht tun, tröste ich mich damit, dass es in meinem Leben – unbesehen – noch zu vieles, wesentlich wichtigeres zu lesen gibt. 🙂
    Nette Grüße

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    • Keine Sorge. Chauvinistische Schmunzeleien findet man in dieser sorgfältigen, wunderbar satirisch überspitzen Analyse von Dikaturen und Diktatoren samt der Gemeinsamkeiten großer und kleiner Despoten von Omar Bongo bis Mao nicht. Und lesen muss man es auch nicht – auch wenn ich es durchaus als nennenswerten intellektuellen Gewinn betrache, das getan zu haben 😉
      Herzlich grüsst
      Jarg

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