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Schweigen tut weh : Eine deutsche Familiengeschichte / Alexandra Senfft

Die Gräuel der Nazizeit, verbunden mit Konzentrationslagern, Judenverfolgung und Vernichtung und dem von den Deutsche vom Zaun gebrochenen Zweiten Weltkrieg mit Millionen Toten wurden bis weit in die Nachkriegszeit gerne unter den Teppich gekehrt. Alte Nazis stiegen in der jungen, boomenden Bundesrepublik durch lang gepflegte Seilschaften wieder auf, über den Krieg wurde kaum gesprochen und von der Judenvernichtung hatte angeblich niemand gewusst. So wie der öffentliche Umgang mit der dunklen Zeit von 1933-1945 war auch der private Umgang damit nicht selten von Schweigen, Verdrängung und Beschönigung gekennzeichnet, obwohl schon in den 1950er Jahren wie leider auch wieder heute in Anbetracht unbelehrbarer Neonazis, nationalfetischistischer Europaverächter und geschichtsvergessener Rechtsradikaler Brechts Worte aus dem Epilog des Arturo Ui galten und gelten: „Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch“.

In „Schweigen tut weh“ berichtet die Alexandra Senfft vom Umgang ihrer Familie mit den Verbrechen ihres Großvaters Hanns Ludin, der während des Zweiten Weltkrieges als SA-Gruppenführer und Repräsentant des Deutschen Reiches in Slowenien für die Deportation und den Tod von über 60.000 slowakischen Juden mitverantwortlich war und als Kriegsverbrecher 1947 in der Tschechoslowakei hingerichtet wurde.

Von seiner Witwe Erla von Jordan wird fortan die Legende des „Guten Nazis“ gewebt und die wahre Rolle Ludins im Völkermord durch das nationalsozialistische Deutschland massiv verdrängt. Alexandra Senfft stellt aber ihre 1933 geborene, ausgesprochen intelligente Mutter Erika in den Fokus des Buches, die in den Nachkriegsjahren zur profilierten Linken in Hamburg wird, aber zugleich unter Depressionen und Sucht leidet, da sie um ihren Vater mit seinen zwei widersprüchlichen Seiten nicht zu trauern vermag. Ihre Ehe scheitert, andere Beziehungen erweisen sich als wenig stabil und der Alkohol führt sie schliesslich nahe an den Abgrund, bis sie an den Folgen eines Unfalls mit 64 Jahren stirbt. Zentral für das Unglück Erikas ist dabei das Ringen um die Wahrheit: während Erla weiterhin den Mythos aufrechterhält, Hanns Ludin wäre unschuldig gewesen, verzweifelt Erika daran, dass die Wahrheit nicht ausgesprochen und verdrängt wird.

In der Familiengeschichte, die Alexandra Senfft – gestützt auf zahlreiche Briefe ihrer Mutter – vor uns ausbreitet, spiegeln sich nicht nur das tragische Schicksal der Tochter eines Nazitäters und die Nachkriegszeit, sondern auch der lange gepflegte Umgang mit diesem dunklen Teil der deutschen Geschichte. Gerade in Verbindung mit allgemeineren Büchern über Kriegskinder und Kriegsenkel von Sabine Bode und andere wird für uns Nachgeborene sehr viel deutlicher, wie die Nazi- und Kriegszeit und der nachfolgende Umgang damit unsere Eltern, aber auch unsere Generation geprägt haben. Senfft schreibt dabei sehr einfühlsam und differenziert und arbeitet nicht nur die traurige Geschichte ihrer Mutter Erika auf, sondern widmet sich auch dem widersprüchlichen Charakter ihres Großvaters Hanns Ludin. Verdrängung, Schuld und Traumatisierung prägen die Familiengeschichte bis in die Enkelgeneration – und es scheint, als habe erst Erikas Tod Bewegung in die Familie gebracht. So erschien zwei Jahre vor diesem Buch 2005 der Dokumentarfilm von Malte Ludin über seinen Vater: in „2 oder 3 Dinge, die ich von ihm weiß“ setzt er sich in Interviews mit seiner Mutter und den noch lebenden Schwestern mit den Taten seines Vaters auseinander.

Alexandra Senfft Buch berührt durch die mutige und empathische Aufarbeitung der eigenen Familiengeschichte tief und zeigt auf, wie widersprüchlich die Rolle der Frauen bei solchen Familiengeheimnissen sein konnte: wo Erla an der Legende weiterstrickte, zerbrach ihre Tochter Erika letztlich an der nie ausgesprochenen und doch so offensichtlichen Wahrheit. Zugleich wird sichtbar, welchen Schaden die Verdrängung, das Schweigen über begangenes Unrecht in nachfolgenden Generationen anrichten konnte. Ein ausgesprochen lesenswertes, aufrichtiges und beeindruckendes Buch!

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