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Der Körper meines Lebens : Roman / Daniel Pennac

Was für ein Genuß aber doch, in Bäume zu klettern! Besonders in Buchen und Eichen. Der ganze Körper entfaltet sich. Hände und Arme entreißen dich dem gewohnten. Dieser rasch gefundene Halt! Dieser richtige Griff! Es geht nicht um Höhe, geht nicht um irgendeinen Alpinismus (vermutlich würde mir in den Bergen schwindelig), sondern um die freie Durchquerung des Laubwerks! Wo befinden wir uns? weder auf dem Boden noch in den Lüften, sondern im Herzen der Explosion. Wie gern würde ich auf den Bäumen leben. (S. 97)

Der 1923 geborene Erzähler dieses Buches ist zwölf Jahre alt, als er beschliesst, nicht nur seinen schwächlichen Körper zu stählen, sondern genauestens über alles zu berichten, was mit seinem Körper zu tun hat. So schreibt er schliesslich über die Jahre seine Lebensgeschichte konsequent aus der Sicht und im Spiegel seines Körpers und der Körper der anderen. Sein Tagebuch, datiert und bei dem jeweiligen Eintrag stets auch mit dem Alter seines Körpers in Jahren und Tagen ergänzt, begleitetet ihn – macnhmal für Jahre ausgesetzt, bis ins hohe Alter.

Zu Beginn ist der Erzähler, dessen Vater aufgrund der Weltkriegsfolgen sterbenskrank ist, spindeldürr. Seine Mutter, die ihm gegenüber distanziert ist, gibt ihm keinen Halt und in Alltagssituationen, die ihn in die Enge treiben, sucht er oft die Gesellschaft seines hilflosen imaginären Bruders Dodo: lediglich die Kinderfrau Violette vermag mit ihrem rauhen Charme dem Jungen eine emotionale Basis zu schaffen, in der er wachsen kann. Der Tod des Vaters, ein vorübergehender Hungerstreik und die durch den Onkel herbeigeführte Wende führen ihn schliesslich zu Muskeltraining, inspiriert durch eine anatomische Studie, die fortan in seinem Spiegelrahmen hängt, und zum Entdecken des sich verändernden eigenen Körpers, der wachsenden Muskeln, der pubertären Veränderungen, denen er sprachlich angemessenen Ausdruck zu verleihen sucht. Dabei wird deutlich, dass der Ich-Erzähler seinem Körper mit großer Neugier, aber auch Respekt begegnet, wie in dieser Passage über die damals noch verpönte Selbstbefriedigung auf feinhumorige Art deutlich wird:

Wie diese Apotheose des sinnlichen Fühlens verdammt wird, spiegelt sich in der Hässlichkeit des dafür gebräuchlichen Wortschatzes. „Wichsen“ klingt nach Sauberkeitswahn, „sich befingern“, als betaste man sich nach einer Krebsgeschwulst, „sich einen runterholen“ ist einfach zu blöd und „masturbieren“ widerwärtg (irgendwie hat dieses Verb, selbst auf Latein, etwas Schwammiges), „sich berühren“ wiederum besagt nichts. „Haben Sie sich berührt“, fragt der Priester im Beichtstuhl. Natürlich! Wie sollte ich mich denn sonst waschen? Langes Gespräch mit Étienne und den Kumpels. Ich glaube, ich habe den passenden Ausdruck gefunden: „sich in der Hand haben“. wenn mich künftig ein Erwachsener ermahnt, sich solle mich besser in der Hand haben, kann ich es ihm versprechen, ohne lügen zu müssen. (s. 91)

Der Protagonist wird erwachsen, geht in die Résistance, erlernt einen Beruf, von dem wir nie genau erfahren, was es ist, sammelt auf überraschende Art erste sexuelle Erfahrungen, heiratet seine geliebte Frau Mona, bekommt Kinder und schliesslich Enkel. Offensichtlich ist es ein glückliches Leben, auch wenn es von Schicksalsschlägen überschattet ist. Auch die Reflexion über dieses Leben steht ganz im Fokus des Körperlichen. So kommt ihm bei der Geburt einer Enkelin etwa die überraschende Erkenntnis:

Das ist das Überraschenste: Unsere Kinder existieren seit jeher. Kaum sind sie auf die Welt gekommen, können wir uns unser eigenes Leben schon nicht mehr ohne sie vorstellen! Natürlich erinnern wir uns an eine Zeit, in der es sie nicht gab, wir noch ohne sie lebten, aber ihre physische Gegenwart wurzelt sich mit einer Plötzlichkeit und Tiefe in uns ein, dass es uns vorkommt, als existierten sie schon immer. (S. 266)

Wachsam beobachtet er seinen Körper bei alltäglichen Verrichtungen, nimmt den Körper der anderen intensiv war und sieht dadurch die Welt auf eine verblüffend handfeste Weise gespiegelt. Dabei spart er sexuelles Empfinden ebenso wenig aus wie Krankheit, Gebrechlichkeit und das Älterwerden:

Manche Veränderungen unseres Körpers lassen mich an Straßen denken, durch die man seit Jahren geht. Eines Tages ist ein Laden geschlossen, das Schild abmontiert, die Fläche leer, der Gewerberaum zu vermieten, und man fragt sich, was war da früher drin, das heißt letzte Woche? (S. 273)

Im Spiegel seines Körpers wachsen und reifen in ihm aber auch Einsichten und Weisheiten über sein Leben und das Leben der anderen, die bis hin zu Einordnung weltgeschichtlicher Ereignisse erreichen. Trotz zunehmenden Verfalls bleibt für ihn am Ende die Erinnerung des Körpers lebendig, ja gewinnt nicht selten die Oberhand, obwohl der Körper, den sie erfüllt, nicht mehr derselbe ist. Mit wachsendem Alter und dem unerbittlich nahenden Ende spürt er zunehmend die vergangene Zeit und sieht sie in der Gegenwart des alternden Körpers gespiegelt:

In mir schnellt sehr oft das Kind hoch. Und überschätzt meine Kräfte. Diesen Kindheitsausbrüchen sind wir alle ausgesetzt. Selbst die ältesten unter uns. Das Kind fordert seinen Körper bis zuletzt ein. Es gibt nicht klein bei. Diese Wiederaneignungsversuche sind so unvorhersehbar wie ein gegnerischer Überfall. Die Energie, die ich in solchen Augenblicken entfalte, gehört zu einer anderen Zeit. (S. 289)

Pennac ist ein wunderbarer Roman gelungen voller Weisheit, feinem Humor und einem nicht selten bissigen Blick auf das Tier Mensch in seinem Alltag. Mit der Fokussierung der Erzählung auf den Körper bewegt er sich zugleich im Gegensatz zur westlichen Tradition, Körper und Geist getrennt zu sehen und macht in den Reflexionen des Protagonisten über sein gewöhnliches Leben aus der Sicht seines Körpers deutlich, dass beides untrennbar ist, Körper und Seele eins sind und miteinander leben und am Ende gemeinsam sterben.
Während wir dem nach eigenem Bekunden atheistisch eingestellten Protagonisten durch sein Leben oder vielmehr das Leben seines Körpers folgen, erfahren wir in ebenfalls durch starke Körperlichkeit geprägten Rückblenden mehr über seine Kindheit und das ihn stark prägende Verhältnis zum früh gestorbenen Vater. Dabei gelingen Pennac Passagen von großer Schönheit.

Seine Hand noch immer auf der meinen, die statt eines Bleistifts nun einen Federhalter hielt ließ er mich anstelle von Margeriten Buchstaben nachfahren. So lernte ich schreiben: indem ich statt Blütenblättern nun Unter- und Oberlängen umsäumte. Fahr sie sorgfältig nach, sie sind die Blütenblätter der Wörter! (S. 182)

Der Verdienst dieses Romans liegt darin, sich gänzlich von dem oft zur Emotionalität, ja Sentimentalität neigenden Genre Tagebuch abzuheben: Pennac schreibt oft nüchtern, fast lakonisch, gefärbt mit leisem Humor und sanfter Melancholie und schafft es eben dadurch, seiner Geschichte große Authentizität und Intensität zu verleihen. Unwillkürlich sieht sich der Leser in Anbetracht der Reflexionen des Protagonisten mit dem eigenen Leben und der Erinnerung daran konfrontiert. Dabei ist der Erzähler unerhört offen – ob es um Krankheiten, Sexualität oder allgegenwärtige körperliche Vorgänge, um Angst, Sehnsucht oder den Tod geht. Von großer, sanfthumoriger Poesie sind nicht nur die Schilderungen seiner ersten sexuellen Erfahrungen, sondern auch die Beobachtungen und Reflexionen über seine Frau Mona über die Jahre und Jahrzehnte, die für mich zu den schönsten fiktiven Liebeserklärungen zählen.

Ein wunderbares Buch, erfrischend, skurril und übermütig, über das menschliche Leben und Sterben in seinem Widerspruch, seiner Schönheit und seiner Komik, weise und unerhört wahr, das ich jedem nur wärmstens empfehlen kann.

10 thoughts on “Der Körper meines Lebens : Roman / Daniel Pennac

  1. Pingback: Blogbummel November 2014 | buchpost

  2. Ich vergöttere Daniel Pennac, und trotzdem ist dieser Roman an mir vorbei gegangen! Schleunigst werde ich ihn lesen müssen, oder zumindest schonmal anschaffen und in mein Regal stellen, damit ich weiß, dass ich jederzeit könnte. Vielen, vielen Dank für den Hinweis! Kennst Du seine Malaussène-Romane? Falls nicht, kann ich die Dir nur ans Herz legen, sie sind wirklich phantastisch. Und eins noch: Das mit den Kindern, die irgendwie immer schon da waren, kenne ich. Genau dieses Gespräch habe ich vorgestern noch geführt. Ich glaube das ist es auch, was Leute meinen, wenn sie sagen: Alles ändert sich. Oder?

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    • Liebe Desirée.
      Pennac steht nach diesem Roman auch ganz oben auf meiner Leseliste … bisher kannte ich noch nichts von ihm.
      Das mit den Kindern hat mich auch berührt und getroffen, als ich es im Buch las: genauso ist es – und war es bei mir auch, als ich die winzigen Zwillinge vor fast neun Jahren in den Armen hielt und da plötzlich diese neue Welt war, als wäre sie immer schon da gewesen. Magie der Realität!! Kinder verändern alles und wegdenken kann man sie nicht mehr, wenn sie einmal da sind!
      Liebe Grüsse zum Wochenende von
      Jarg

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  3. Danke für diese großartige Rezension, die Lust auf das Buch macht. Ich kenne noch nichts von dem Autor, hatte mir das Buch aber in einem spontanen Anfall vergangenen Monat gekauft … nun werde ich es wohl auch möglichst bald lesen müssen!

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    • Liebe Mara,
      danke für die freundlichen Worte zur Rezension! Dann wünsche ich Dir viel Freude mit dem Buch … ich denke, es lohnt sich ungemein und bereichert die eigenen Gedanken nachhaltig.
      Liebe Grüsse von
      Jarg

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