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Glaube / Ansgar Beckermann

So wie kein möglicher Zweck es rechtfertigen kann, ein unschuldiges Kind zu töten, kan auch kein möglicher Zweck zur Rechtfertigung einer unterlassenen Hilfeleistung herangezogen werden. Unterlassene Hilfeleistungen können nur durch Unvermögen entschuldigt werden, und das kann es bei Gott nicht geben. (S. 131)

Ich habe ja schon einige Bücher zum Thema gelesen, aber Ansgar Beckmanns „Glaube“ war ein besonderes intellektuelles Erlebnis. Der Philosoph, der sein Buch Demokrit, Epikur und Lukrez „mit seinem wunderbaren Lehrgedicht De rerum natura“ gewidmet hat, untersucht in seinem Buch akribisch Gründe, die für oder gegen Glauben sprechen. Im Gegensatz zu manchen Theologen, die Glaubensdinge generell der Überprüfbarkeit naturwissenschaftlichen Denkens entzogen sehen, ist Beckermann davon überzeugt, dass alles auf seine Rechtfertigung untersucht und rational diskutiert werden kann – auch religiöse Überzeugungen. Dabei hebt er sich durchaus von der seinerzeit sicher notwendigen, aber einer sachlichen Diskussion im Wege stehenden Polemik Dawkins oder Hitchens ab, die mit ihren Büchern Atheismus stark und durchaus gewollt provokativ in die öffentliche Diskussion brachten.

Beckermann geht subtiler und akribischer vor: er untersucht Religion und Glaube mit allen Instrumenten, die ihm als Philosophen und naturwissenschaftlich denkendem Menschen zur Verfügung steht, diskutiert epistemische und nicht-epistemische Gründe für den Glauben, sucht nach empirischen, ontologischen und kosmologischen Belegen für die Existenz des Übernatürlichen, um sich dann der teleologischen Argumentation zu widmen mit dem Fokus auf Hume, Darwin, dem sogenannten „Intelligent Design“ oder der neuesten Ausflucht von Evolutionsgegnern, dem „Fine Tuning“.

Natürlich darf auch das Problem des Übels, die Theodizee, in seinen Untersuchungen nicht fehlen. Beckermann diskutiert das Problem anhand zahlreicher Beispiele und kommt letztlich zu dem Schluss, dass ein angeblich allmächtiger Gott im Angesicht alles Leids dieser Welt vor einem Gericht keine stichhaltige, ihn vor Verurteilung schützende Begründung dafür geben könnte, warum er das Leid nicht verhindert.

Die Existenz von Übeln, die durch keinerlei Konsequenzen gerechtfertigt werden können, spricht vielmehr gerade gegen die christliche Gottesvorstellung, der zufolge Gott nicht nur allmächtig und allwissend, sondern eben auch vollkommen ist. (S. 132)

Am Schluss wendet er sich einer objektiven Betrachtung religiöser Wahrnehmungen zu, die oft von Gläubigen als naturwissenschaftlich nicht erfassbarer Beweise für die Existenz Gottes angeführt werden. Beckermann geht zu Recht davon aus, dass jede Art von Wahrnehmung sich letztlich nachweisen liesse, weil es keinen Grund dafür gäbe, warum sich religiöse Wahrnehmungen einem solchen Nachweis entziehen sollten.

Beckermann hat ein intellektuell anspruchsvolles und dennoch ausgesprochen gut und verständlich geschriebenes Buch verfasst, für dessen Lektüre man sich unbedingt Zeit nehmen sollte. Wohltuend nüchtern seziert er die einzelnen Begründungselemente für Religion und Glauben, diskutiert dabei deren Postulate und Argumente unter Bezug auf alte und neue Autoren von Epikur bis Augustinus, von Descartes bis Hume, von Plantinga bis Swinburne und legt so seine Schlüsse nachvollziehbar dar. Der Fokus liegt zwar auf dem christlichen Glauben: Beckermann macht aber dennoch mehr als klar, dass seine Argumentationen auf jedwede Art von Religion und übernatürliche Kräfte gemünzt ist.

Besonders schön für mich war, dass ich hier erneut Verweise auf und Zitate aus Lukrez Gedicht „De rerum natura“ fand – einem Gedicht, dass einem bei der Lektüre religionskritischer Bücher wieder und wieder begegnet. Bemerkenswert auch, dass Beckermann zwar dem Glauben an Gott und Götter jedwede Begründung abspricht, durchaus aber nachvollziehen kann, dass jemand gerne an einen Gott glauben möchte, ja es auch Atheisten nachvollziehen können, sich im Angesicht der Ausgesetztheit des Menschen gegenüber eines gleichgültigen Universums Götter zu wünschen, die dem Erwachsenen den Schutz bieten, die er als Kind von seinen Eltern bekam. Letztlich kommt er zu dem Schluss:

Wir müssen entscheiden, wie wir leben wollen. Und wenn wir nicht in einer Welt leben wollen, in der Selbstsucht und Eigennutz alles bestimmen, dann müssen wir dafür kämpfen, dass Nächstenliebe und Solidarität eine Chance haben. Und: wir müssen uns Freunde und Gefährten suchen, mit denen wir unsere Ziele voranbringen und mit denen wir ein friedvolles und emotional befriedigendes Leben führen können. (S. 160)

Wer sich mit Gottesbeweisen und Religion auseinandersetzten möchte, kommt an Beckermanns Buch „Glaube“ nicht vorbei. Auch dem leidenschaftlichen Skeptiker bietet Beckermanns Buch intellektuell anspruchsvolle Lektüre, an der sich der eigene Verstand trefflich schärfen lässt.

Was spricht für die Existenz Gottes oder anderer übernatürlicher Kräfte? Nüchtern gesehen nichts. (Buchumschlag).

2 thoughts on “Glaube / Ansgar Beckermann

  1. Das klingt nach einem wirklich interessanten Buch, zumal ich kürzlich ein Buch von Jim Holt über das Rätsel der Existenz las, das sich teils mit ähnlichen Fragen auseinandersetzte. Darin äußert sich der Theologe Richard Swinburne zur Theodizee, indem er sagt, Gott habe uns Menschen mit freiem Willen geschaffen, und daher sei es ihm logisch nicht möglich zu verhindern, dass dieser freie Wille auch zum Bösen verwendet würde. Tja, das ist schon eine sehr spezielle Sichtweise.

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    • Liebe Petra,
      Jim Holt! War mit schon aufgefallen im Buchladen wegen der Pfeife auf dem Buchdeckel … muss ich also auch noch lesen. Ja, die Theologen und ihr Geschwurbel, wenn sie in der argumentativen Falle sind und dann gleich in die Logikfalle tappen. Und das Böse fällt natürlich auch vom Himmel – äh kocht aus der Erde hervor. Seltsamer Gott. Vom freien Willen mal ganz abgesehen, der ja auch Mythos ist … so kann ich mich jetzt zum Beispiel nicht dagegen wehren, mit ein fettes Müsli zuzubereiten😉
      Liebe Grüsse von
      Jarg

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