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Jargsblogs beste Bücher: Nachlese Sachbücher 2014

Bei den Sachbüchern, aus denen es diese Auswahl zu treffen galt, war die Bandbreite sehr hoch: sie reichte von Tierrechten über Philosophie, Humanismus, Evolution, Medizin bis hin zu Büchern, die Poesie in der Wissenschaft suchen oder die Faszination meist unaussprechlicher menschlicher Organe zum Thema hatten. Da ich überraschenderweise letztes Jahr mehr Romane gelesen als Sachbücher, war die Auswahl am Ende nicht so schwer.

Ganz oben steht für mich Michael Schmidt-Salomons „Hoffnung Mensch“: Schmidt-Salomon ist ein wunderbares und tief berührendes Buch gelungen, das mit zahllosen Belegen den Glauben an guten Seiten und die Potentiale der Spezies Mensch unterstützt und aufräumt mit dem schlechten Bild, das viele Religionen und Kulturpessimisten vom Menschen zeigen. Anregend und intellektuell brilliant geschrieben, begeistert das sprachlich schöne Buch auch mit seiner Verständlichkeit und Anschaulichkeit: begeistert haben mich besonders die wunderbaren, zugleich sachlichen und unerwartet poetischen Passagen im Kapitel über Kunst und Musik, die ich in einem philosophischen Buch dieser Klasse nicht erwartet hätte.

Lars Myttings Buch „Der Mann und das Holz“ gehört unbedingt und aus rundweg radikalsubjektiven Gründen auf diese Liste. Würde ich auf dem Dorf leben und einen Wald besitzen, wäre dieses Buch vermutlich meine Lieblingslektüre. Beides ist leider nicht der Fall und ich habe zwar schon ganze Wiesen mit der Sense gemäht, aber noch niemals Holz gemacht. Dennoch: ein wunderbares kulturgeschichtliches und ausgesprochen sinnliches Buch nicht für Holzfällerinnen und Holzfäller, sondern für alle, die Holz lieben und wissen, das Holzfällen, Holztrocknen und Holzfeuerung durchaus eine Kunst sind.

Wer mich kennt, weiss, dass ich unter anderem Reisebücher liebe. Martin Hecht ist mit „Irgendwie hatten wir uns das anders vorgestellt : der Traum vom perfekten Urlaub“ eine Reisebuch der etwas anderen Art gelungen: ich erwartete mehr oder weniger lediglich ein solides Buch über missglückte Reise und darüber, wie man es besser machen könnte. Im schlimmsten Fall hätte ich eines jener Bücher erwischt, die bissig über alle möglichen Dienstleistungen herziehen, nach dreissig Seiten jedoch unglaublich zu langweilen beginnen. Doch das Buch von Martin Hecht erwies sich als weitaus mehr: es ist überaus amüsant, verfolgt sein Thema trotzdem mit großer Ernsthaftigkeit und entwickelt dabei eine erhebliche Tiefe. Am Ende möchte man sich Hechts Thesen zum gelungenen Urlaub am liebsten gerahmt an die Wand hängen, so einleuchtend scheinen sie als Grundprämissen geeignet nicht nur für den Urlaub, sondern für die freie Zeit, die wir mit uns und anderen verbringen. So wird aus einer Philosophie des Reisens ein Stück Lebensphilosophie.

Wir alle neigen ja zu Aktionismus – ja er wird geradezu von uns erwartet. Wohltuend daher die Lektüre von Holm Friebes überaus intellgentem Essay „Die Stein-Strategie : von der Kunst, nicht zu handeln“. “Die Stein-Strategie” ist ein ausgesprochen lesenswertes, überaus klug recherchiertes und aufgebautes Buch über die hohen Potentiale des Nicht-Handels, das klug auf die allgemeine Erfahrung setzt, dass sich eher nichts verändert und uns auffordert, im Zweifel lieber Melvilles “Bartleby” zu folgen und seinem “Ich möchte lieber nicht”. Es ist zu wünschen, dass Friebes Buch viele Leserinnen und Leser findet: auch und vor allem unter Entscheidungsträgern. Denn es ist oft die zweite, abwartende Maus, die den Käse kriegt. Und nicht die erste.

„Persönlichkeitsrechte für Tiere : die nächste Stufe der moralischen Evolution“ von Karsten Brensing ist ein Buch, dass auch kritische, aufgeklärte Menschen, die meinen, bewußt mit sich, anderen und dem leben allgemein umzugehen, nachhaltig zu bewegen und zu beschäftigen vermag. . Klar und eindringlich spricht Brensing sich für eine Weiterentwicklung gegenwärtiger ethischer Rahmenbedingungen aus – und dafür, dass wir uns Tieren gegenüber nicht mehr “wie die Tiere” verhalten. Eines der spannensten Sachbücher der letzten Zeit, dass ich mit großem intellektuellem Genuss gelesen habe und dem eine weite Verbreitung unter all denen zu wünschen ist, die ihren Wissenshorizont zu erweitern bereit sind.

Ganz richtig fordert der streitbare britische Atheist Richard Dawkins mehr Poesie in den Naturwissenschaften. In seinem Buch „Der Zauber der Wirklichkeit : die faszinierende Wahrheit hinter den Rätseln der Natur“ löst er diese Forderung gekonnt ein: Dawkins vermag es, Wissenschaft zu erzählen wie eine gute, spannende und überaus bunte Geschichte und beweist damit, dass Mythen mühelos von den erklärenden Erzählungen der Wirklichkeit in den Schatten gestellt werden können. Für mich eines der schönsten und fesselnsten Sachbücher, die ich mir in den letztes Jahr zu Gemüte geführt habe.

Ja, ich weiss: ein Bestseller. Dennoch gehört „Darm mit Charme“ von Giulia Enders unbedingt auf diese Liste. Giulia Enders ist ein bemerkenswertes Buch gelungen, dem mit Recht viel Aufmerksamkeit zukommt: mit Esprit, erfrischender Sprache, spürbarem Respekt vor und Leidenschaft für ihr Forschungsobjekt führt sie uns “durch die Hintertür” in eine faszinierende Welt. Eine Welt, die in jedem von uns ist. Wer “Darm mit Charme” liest, wird dem Darm allgemein und dem eigenen speziell mit großer Bewunderung begegnen und sich diesem unterschätzten Körperteil mit größerer Achtung begegnen und sich verändern: denn dem Darmrohr ist es nicht egal, was wir oben in uns reinstopfen – und uns sollte es auch nicht egal sein, denn es hat Auswirkungen – so oder so. Dabei zeichnet das Buch auch aus, dass die wissenschaftliche Begeisterung der Autorin für ihr Forschungsgebiet mühelos den Leser, die Leserin anzustecken vermag. Nachhaltig.

Es wird sicher noch dauern, bis wir endlich in der Wissensgesellschaft angekommen sind, die für die Naturwissenschaftlerin Reneé Schröder den einzigen Ausweg aus der Misere darstellt, in die wir den Planeten und sein Ökosystem gebracht haben. Renée Schroeder hat mit “Die Henne und das Ei” ein unkonventionell geschriebenes, mit einigen Grafiken und einem kleinen Glossar versehenes Sachbuch vorgelegt, dass in die faszinierende Welt der Biochemie und der Genetik eintaucht und nach Antworten sucht. Die Autorin mit ihrer spürbar unbändigen Neugier und ihrem Forscherdrang ist in der Lage, einen beim Lesen mitzureissen und lässt einen auf laienverträgliche Art an ihren bisherigen, sich ständig erneuernden und verändernden Erkenntnissen teilhaben. So folgen wir ihr, manchmal atemlos, durch das Buch und sehen uns am Ende bereichert getreu dem Klappentextzitat “Ein guter Tag ist für mich ein Tag, an dem ich sagen kann: das sehe ich jetzt anders”.

Schlüssig und in ausgesprochen scharfsinniger Argumentation legt Frank M. Wuketits in „Was Atheisten glauben“ dar, dass ein sinnvolles, in absehbarer Zukunft durch Tod endendes Leben in einer sinnlosen Welt möglich ist und sich auch die Fragen nach religiös begründeter Ethik und Moral nicht stellen, da ethisches Handeln auch ohne feststehende Normen möglich ist, ja sogar befördert wird. Wuketits ist ein ausgesprochen lesenswertes Buch gelungen, ein kleines Manifest über die Lebenshaltung eines Atheisten in einer derzeit wieder von religiös aufgeladenen Konflikten erschütterten Welt, in der es das Glück letztlich nur im Hier und Jetzt gibt.

Der nächste große Hype alternativmedizinischer Heilverfahren wird womöglich Kamelurin mit Milch, wenn man saudischen Forschern glauben darf. Wir wissen es ist und in „Der große Bluff – Irrwege und Lügen der Alternativmedizin“ von Theodor Much ist davon auch noch nicht die Rede. Der Autor beleuchtet in seinem Buch nahezu sämtliche derzeit vermarkteten esotersichen Heilverfahren, stellt ihre leeren Versprechen vor, beleuchtet die oft verschwiegenen Risiken und entlarvt nicht nur ihre versimpelten, unhaltbaren Vorstellungen von Krankheit und Gesundheit, von Körperfunktionen und ihren Störungen. Zugleich zieht er den historischen Bogen und zeigt, wie tief in obsoletem, mittelalterlichen und antikem Denken, in magischen udn okkulten Vorstellungswelten viele der hier vorgestellten Heilverfahren wurzeln. “Der große Bluff” ist ein Rundumschlag gegen die um sich greifenden, auf Leichtgläubigkeit der Menschen bauenden Heilsversprechen der Paramedizin und ein Plädoyer für die auf wissenschaftlicher Basis arbeitende moderne Medizin, die im Gegensatz zu den auf Glauben und Behauptungen basierenden Verfahren stetiger Überprüfung unterliegt und damit auch den Irrtum und die neue Erkenntnis mit einschliesst.

6 thoughts on “Jargsblogs beste Bücher: Nachlese Sachbücher 2014

  1. Pingback: Der Sonntagsleser – Die Wiederkehr in KW 2/Januar 2015 | Lesen macht glücklich

    • Das Buch lohnt sich wirklich, bricht humorvoll Tabus, weckt Faszination und war sogar bei mir im Team Gesprächsthema – wann hat man sich schon mal mit Kollegen über den Darm an sich unterhalten?😉

      Gefällt mir

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