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Jargsblogs beste Scheibenwelten: Nachlese Filme 2014

Die Bandbreite der 2014 besprochenen Filme reichte vom Kinderfilm über die Dokumentation bis zum abendfülllenden Spielfilm: die Auswahl bei den Filmen versucht dieser Bandbreite gerecht zu werden.

Im Alter muss man schauen, wo man bleibt. Das macht uns „Paulette“ in dem gleichnamigen Film vor. Ein wunderbarer, politischer absolut unkorrekter Film, der seine unsympathische Hauptfigur über den kreativen Haschisch-Handel einen inneren Wandlungsprozess durchlaufen lässt. Warmherzig, unglaublich komisch und brilliant inszeniert, glänzt die 2013 verstorbene Bernadette Lafont in der Hauptrolle und spielt sich mit großer Virtuosität in die Herzen der Zuschauer. Dabei verniedlicht Enrico nichts, zeigt den Drogenhandel und die dahinter stehenden Machtstrukturen mit all seinen dunklen Seiten, lässt aber seine Komödie niemals ins Düstere abgleiten.

Ein herrlicher schräger Film über eine einsame, verbitterte Frau, die an ihrem Lebensende durch ungewöhnliche Wege noch die Wende schafft.


“Gravity”
zeigt, wie spannend und zugleich hochemotional Science-Fiction-Filme sein können, wenn sie sich abseits der üblichen Weltraumgeballerszenarien bewegen: dann reichen diese Filme weit über ihr Genre hinaus und bekommen einen philosophischen Subtext, der einen lange beschäftigen kann. Vor dem Hintergrund eines keine Fehler verzeihenden Überlebenskampfes im menschenfeindlichen All zeigt der Film deutlich, wie zerbrechlich das Leben ist, das wir führen – und wie stark es sein kann. Fazit: ein auch auf dem heimischen Bildschirm beeindruckender, streckenweise überwältigender Film, der einen atemlos zurücklässt – froh, festen Boden unter den Füssen zu haben.

Sehr beeindruckend hat mich „Jackie – Wer braucht schon eine Mutter“ mit der wunderbaren Holly Hunter. In der Tradition klassischer Roadmovies stehend, fesselt einen die melancholische, mit feinem Humor und großem psychologischen Feingespür erzählte Geschichte von Anfang an bis zum ausgesprochen überraschenden, überaus gelungenen Ende. Holly Hunter in der Hauptrolle und die niederländischen Schwestern van Houten spielen sich gekonnt die Bälle zu in diesem berührenden, gänzlich kitschfreien und dennoch warmherzigen Film. Regisseurin Antoinette Beumer gelingt es, die auf staubigen Wüstenpisten und endlosen Highways spielende Geschichte überzeugend in Szene zu setzen und auch noch mit wunderbaren Landschaftsaufnahmen, skurrilen Nebenfiguren und stimmigen Dialogen aufzuwarten. Der alte, heruntergekommende Winnebago in einer quasi technischen Nebenrolle kommt dabei auch nicht zu kurz.

Seit „Moon“ gehört Sam Rockwell für mich zu den ganz großen. Sein komödiantisches Talent beweist er in „Ganz weit hinten“ zusammen mit Liam James und Toni Collette. Im Mittelpunkt der Geschichte steht Duncan (Liam James), der aus den Demütigungen seines von der Scheidung der Eltern und dem unerträglichen neuen Freund der Mutter geprägten Alltags zu sich selbst findet. Der bis in die Nebenrollen gut besetzte Film überzeugt mit der richtigen Mischung aus Humor und Tiefe. Unwillkürlich identifiziert man sich mit Duncan, findet aber auch Anknüpfungspunkte bei den erwachsenen Darstellern, die sich zum Teil aus Angst vor Einsamkeit in ihren Leben eingerichtet haben, obwohl sie es schon längst nicht mehr in der Hand haben. Ein herzerfrischender, gut ausbalancierter Film mit großem Gespür für seine Charaktere, ihre Geschichten, für die stillen und lauten Augenblicke.

Für mich der herausragende Film des Jahres: „All is lost“ mit Robert Redford in der einzigen Rolle. Ein Film, der gerade durch den Kampf gegen die elementare Wucht von Meer, Wasser, Sturm und Sonne zeigt, wie zerbrechlich und vergänglich das Leben ist und wie sehr wir daran hängen: unvergessen die Szene, als der Segler in seinem halb zerstörten Rettungsfloss liegt und sich verzweifelt die Ohren zuhält, weil er die Geräusche von Sturm und Wellen nicht mehr ertragen kann. Beeindruckend auch das Mienenspiel Redfords, wenn er von seinem wenigen Wasser kostet und das sonnenverbrannte Gesicht einen Hauch von Genuß in all der Qual erkennen lässt. Ein ungemein beeindruckender, so unspektakulärer wie mitreissend spannender Film mit einem 78jährigen Robert Redford, der eine beeindruckende körperlich und schauspielerische Leistung zeigt und mit seinem subtilen, intensiven Spiel zu überzeugen weiss.

„Genug gesagt“ war für mich der erste Film mit dem zu früh verstorbenen James Gandolfini – einem unglaublichen Schauspieler. Regisseurin und Drehbuchautorin Holofcener ist ein wunderbarer, feiner Film gelungen, der unaufgeregt und mit viel Gespür für den Augenblick seiner Geschichte Zeit gibt, sich zu entfalten. Besonders zu würdigen ist die Leistung der beiden Hauptdarsteller Julia Louis-Dreyfus und James Gandolfini, die sehr überzeugend ihre Charaktere entfalten und der Geschichte um eine an übernommenen Urteilen zu scheitern drohender Liebe genug Raum geben, ohne in pathetisches Overacting zu verfahren. Im Gegenteil: sie spielen mit großer Subtilität und starkem Gespür für den Augenblick, für das Ungesagte und den stillen, wirkungsvollen Moment und geben so ihren Figuren große Authentizität. Ein wunderbarer, tief berührender Film voll von feinem Humor, der gerade durch seine stillen Momente lebt und zeigt, dass auch im Blockbuster-Amerika das gute Kino noch nicht tot ist. Für mich eines der schönsten (Heim)Kinoerlebnisse in diesem Jahr.

Mit „The Deep“ habe ich einen Spielfilm hier vorgestellt, der schon fast dokumentarischen Charakter hat, beruht er doch auf einer wahren Geschichte. Geschickt formt Regisseur Kormákur aus der Geschichte vom aussergewöhlichen Überleben eines einfachen Fischers eine Erzählung über das buchstäbliche nackte Überleben im Angesicht der Elemente und erzeugt so ein fast schon archaisch-einfach anmutendes Bild im Zuschauer darüber, was im Leben eigentlich wirklich zählt. Lässt er Gulli im ersten Teil noch die Nacht durchfeiern mit seinen Freunden und bekannten und macht ihn so als Menschen lebendig, zeigt er im zweiten Teil in ausdrucksstark-düsteren Bildern seinen Überlebenskampf und den eisigen Tod seiner Gefährten, um im kurzen dritten Teil Gullis Status als Nationalheld in den Fopkus zu nehmen. Kormákur schafft dabei Bilder von geradezu hypnotischer Wirkung, verzichtet auf jegliche hektische Action und lässt dem Zuschauer Zeit, die Bilder und die Geschichte ganz in sich aufzunehmen.

Ebenfalls einer wahren Geschichte auf der Spur ist „Mavericks – Lebe deinen Traum“: Das Biopic von Curtis Hanson mit Gerald Butler als “Frosty”, Jonny Weston als Jay Maverick und der von mir sehr geschätzten Elisabeth Shue als Jays Mutter baut auf der wahren Lebensgeschichte des Surfprofis Jay Moriarity, der 1994 als 16jähriger auf spektakuläre Weise einen bedrohlichen Wipe out in einer der Wellen von Mavericks hatte, direkt danach eine Riesenwelle ritt und damit populär wurde, bis er 2001 unter tragischen Umständen 23jährig ertrank. Hanson legt den Fokus in seinem Film dabei nicht ausschliesslich auf die Wellen, sondern entwickelt sorgfältig und psychologisch überzeugend seine Protagonisten, zeigt differnziert ihre inneren Widersprüche, Ängste und Sehnsüchte. So entwickelt er eine Geschichte, die von Beginn an nicht nur durch die bemerkenswert schönen Bilder, sondern auch durch die nachvollziehbar gezeichneten Personen und ihre Entwicklungen gekennzeichnet ist.

Jetzt wird es dokumentarisch: weit abseits vom schrecklichen Musikantenstadl, der Musik simuliert, aber niemals lebt, zeichnet „Sound of Heimat : Deutschland singt“ ein ganz anderes, faszinierendes Bild der (neuen) Volksmusik: Hayden Chisholm, ein in Deutschland gestrandeter, weiltgereister neuseeländischer Musiker, fragt sich, warum die meisten Deutschen so ein Problem mit dem Singen haben, wenn es um die eigenen Lieder geht. Er reist ins Allgäu zum Jodeln, weiter nach Fürstenfeldbrück zu den scheinbar traditionellen, tatsächlich aber bissige Texte zum besten gebenden Wellküren, erlebt in Bamberg den unkonventionell rockigen Antistadl mit dem Kellerkommando und anderen örtlichen Bands und zieht nach einem Intermezzo mit dem Gewandhauschor Leipzig weiter zu dem in DDR-Zeiten stark politisch eingeschränkten “German Soul” im tiefsten Erzgebirge bei Bandoneon und Gesang. In Köln lässt er sich im “Singenden Holunder” mittreiben und taucht danach direkt in die Beats der Mundart-HipHopper von BamBam Babylon Bajasch ein. Und dann sind da noch Liederjahn im Norden sowie die Rocksängerin Bobo (In White Wooden Houses), die deutsche Volkslieder und Gedichte irgendwo zwischen Jazz und Neuer Musik oszillieren und sie auch durch ungewöhnliche Orte und Instrumente auf ganz besondere Weise magisch und berührend werden lässt. Ein wunderbarer Film und wahres Dokumentationsjuwel, der zu Recht für den deutschen Filmpreis nominiert war und ihn für mein Gefühl unbedingt hätte kriegen müssen.

Zum Schluss ein besonderer Schatz: „Das Geheimnis der Bäume“. Nehmen Sie sich Zeit und lassen Sie diesen Film auf sich wirken. Hallé und Jacquet gelingt es mit diesem wunderschönen Film, einen anderen, mehr emotionalen und dennoch wissenschaftlich fundierten Blick auf Bäume und den Wald zu werfen und dadurch den Respekt für die Leistung dieser so tief in der Zeit verankerten Lebensformen erheblich zu steigern. Der zauberhafte Soundtrack von Éric Neveux und Bruno Ganz als Synchronsprecher runden das Ganze ab und machen diesen Film zu einem eindrucksvollen Heimkinoerlebnis der etwas anderen Art, das man so schnell nicht vergessen wird.

7 thoughts on “Jargsblogs beste Scheibenwelten: Nachlese Filme 2014

  1. Wow – mein Gott: Du gibst mir ja jede Menge Anlass zum Filmschauen. Wie gut, dass das Wochenende bereits eingeläutet ist und ich genügend Zeit habe. Du nennst merkwürdiger Weise mehr Filme, als mir ein Begriff sind. Wie schön, dass du mir z.B. deinen Blickwinkel über „Gravity“ schenkst, von dem ich nicht im Leben geglaubt hätte, dass er mich interessieren könnte. Plötzlich liegt er auf meiner Wunschliste ganz oben. Und was „All is lost“ und „Das Geheimnis der Bäume“ angeht, die muss ich einfach sehen!

    Dank dir!

    Liebe Grüße,

    Steffi

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    • Hallo Steffi,
      danke für Deine vielen Kommentare, die ich jetzt nacheinander freischalte und beantworte. Es freut mich, dass Du über diesen Blogpost einige Filmtipps finden konntest und ich wünsche viel Spaß beim Ansehen. Die drei genannten Filme sind wirklich sehr schön – und mit „Das Geheimnis der Bäume“ habe ich auch meine Kinder bezaubern können!
      Entschuldigung für die späte Freischaltung und Beantwortung der Kommentare – die letzten Wochen liessen nicht viel Zeit dafür.
      Liebe Grüsse von
      Jarg

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