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Raketenmänner / Frank Goosen

Er stand vor der Haustür und hatte den Schlüssel bereits in der Hand, als er es sich anders überlegt. Er ging durch den schmalen Durchgang neben dem Haus in den Garten. Im Schutz der Dukelheit erreichte er die Strickleiter und kletterte nach oben ins Baumhaus. Er setzte sich so, dass er einen guten Blick auf das Geschehen in Küche und Wohnzimmer hatte. Seine Frau schnitt Brötchen auf, seine Söhne nahmen Wurst und Käse aus dem Kühlschrank und brachten beides zum Esstisch. Sie stellten Gläser und Teller auf den Tisch, während seine Frau Tomaten und Gurken in Scheiben schnitt.
Das hier, dachte Frohnberg, ist meine Zeit, das sind die besten Jahre meines Lebens. (s. 177)

Verlorene Träume, alte Freundschaften und spontane Entschlüsse, die einen aus dem vertrauten Leben katapultieren, seltsame Begegnungen, anachronistische Lebensentscheidungen, Treue und Rivalität, Kränkung und das Alter. Die Männer, deren Leben in diesem Buch auf subtile Weise miteinander verwoben sind, gehören nicht zu den Überfliegern, auch wenn sie auf die eine oder andere Weise Erfolge haben oder hatten, Familien gründeten, ihre Leben leben und sich mittendrin dabei ertappen, aus sich herauszutreten und ihr Leben vom Rande her zu betrachten. Bei Ritter führt das zu einer spontanen Entscheidung, die ihn seinen Job kostet, bei Wenzel zur Übernahme eines maroden Plattenladens, dessen Hauptattraktion das von Pärchen zum Knutschen genutzte Sofa im Keller ist. Frohnberg, selbst Vorgesetzter, schliesst Facebook-Freundschaften mit Katzen und sieht sich von seiner Rolle als Chef plötzlich in die eines Beobachters versetzt, bis sein Leben eine überraschende Wendung nimmt und ihn auf sich selbst und ein Baumhaus zurückwirft. Sabbo sieht nach vierzig Jahren das erste Mal seinen Vater, eine heimliche Musiklegende – und es ist klar, dass diese Begegnung die letzte sein wird. Overbeck hofft auf Rache für das Fremdgehen seiner Frau und sucht sie ausgerechnet im Kontakt mit seiner Jugendliebe. Und dann ist da unter anderen noch der alte Turbo-Krupke, der nach einem nächtlichen Anruf bereit ist zu Sterben.

Frank Goosen spürt all diesen Geschichten nach, verknüpft und vernetzt sie an der einen oder anderen Stelle und erzählt so von den Leben mehrerer Männer unterschiedlichen Alters, die mittem im Leben stehen und zum Teil von sich selbst entfremdet scheinen. Dabei löst er die Geschichten nicht auf, führt sie nicht zu einem Ende, sondern zu neuen Anfängen und gibt so den mit melancholischem Unterton geschriebenen, nicht selten feinhumorigen Geschichten einen ganz eigenen Duktus.

Ein feiner, empathischer und durchaus amüsanter Blick auf das sogenannte starke Geschlecht in der Alltagsmühle, über seine Träume und sein Scheitern, seine Ängste und Sehnsüchte.

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