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An guten Tagen fahren wir rückwärts : Roman / Alex Shearer

Wir stolpern in die Welt, ohne eine andere Wahl zu haben. Wir lieben die, die wir antreffen – Eltern und Geschwister. Irgendwie müssen wir sie einfach lieben, wir können nichts dagegen machen. Vielleicht passen sie gar nicht zu uns oder sind nicht nach unserem Geschmack oder inkompatibel oder komplett falsch. Am Ende hassen wir sie vielleicht sogar oder sind ihnen böse. Aber nie endgültig, nie ohne Aussicht auf eine mögliche Vergebung und Wiedervereinigung. Zuerst lieben wir, wen wir lieben müssen. Dann werden wir erwachsen und lieben, wen wir lieben wollen. Aber wir bleiben trotzdem gefangen wie ein Fisch, der einen haken verschluckt hat. Fast unser ganzes Leben lang können wir flussabwärts schwimmen und werden doch wieder zurück in die Vergangenheit gezogen, in unsere Kindheit, hin zu unserem schutzlosen Ich. Und dann werden wir an Land gezogen. (S. 138)

Früher war Louis, der große Bruder von Alex, immer der Stärkere, Schlauere. Bevorzugt vom Vater, schien ihm alles zu gelingen, war er schneller, gewitzter und stets vorne dran. Er war zur Stelle, wenn Alex Hilfe brauchte … und sie nicht gerade miteinander stritten.

Jetzt ist Louis, der vor 30 Jahren nach Australien auswanderte, schwer krank: ein Hirntumor nimmt ihm langsam, aber sicher seine Lebensenergie. Nach einem unsteten Dasein als Aussteiger und Lebenskünstler, der eigentlich nichts richtig vollenden konnte, stets im Halbfertigen, Begonnenen stehenbleibt, ist jetzt er es, der auf Hilfe angewiesen ist. Alex reist nach Australien, um ihm zu helfen. Mehrere Monate begleitet er Louis, hilft ihm im Alltag, erträgt seine Marotten und lernt seine Bekannten und Freunde kennen: die ungleichen Brüder kommen sich näher und lassen sich den Wind des Lebens noch einmal gemeinsam ins Gesicht wehen, als könnte sie nichts auseinander bringen. Nicht mal der Tod.

Dauernd reden die Leute übers gewinnen und Gewinnertypen und die Ersten an der Ziellinie und so weiter. Aber am Ende können wir alle nur verlieren und höchstens darauf hoffen, würdevoll abzutreten. Jeder stirbt. Der Tod kommt auf uns alle zu. Wir sind alle am Ende. Früher oder später hören wir auf, richtig zu funktionieren. Louis hatte also recht. (S. 24)

Alex Shearer ist mit seinem offensichtlich autobiografischen Roman eine berührende Geschichte um zwei ungleiche, einander in Hassliebe verbundene Brüder gelungen, die erst im Angesicht des nahen Todes des einen zueinander zu finden scheinen. Geschickt verknüpft Sheraer dabei Gegenwart und Rückblende miteinander. Mit trockenem, fast beiläufigem Humor erzählt Shearer von den beiden Brüdern und ihren Lebensverstrickungen, gefärbt von leiser Melancholie und alltagsnaher Weisheit. Dabei zeichnet er Louis, der sich langsam aus dem Leben verabschiedet, mit großer Empathie und setzt trotz starker Nebenfiguren den Fokus auf die beiden Brüder, ihre Beziehung, ihre Lebenswege, die vorgezeichnet scheinen und doch unerwartet anders verlaufen als gedacht.

Manchmal kommt einem das Leben vor wie eine große Party, auf der wir alle allmählich in Richtung Tür gedrängt werden, und irgendwann stehen wir draußen in der Kälte. Doch die Party geht ohne uns weiter, und unsere Anwesenheit fällt kaum auf. Und niemand möchte aus dem Fenster schauen und die sehen, die fortgehen. Denn das würde einem ja den Spaß verderben, dass diese Vitalität von Dauer ist und das Altern bis in die Unendlichkeit hinausgezögert werden kann. wenn wir nur immer weiterrennen und in Bewegung bleiben, passiert uns nichts, und der langsame alte Mann mit der Sense und dem Stundenglas erwischt uns nicht. (S. 231)

Doch die Brüder allein stehen nicht im Mittelpunkt. Es geht um mehr: „An guten Tagen fahren wir rückwärts“ ist auch eine Auseinandersetzung mit dem Wissen des Menschen um seine Sterblichkeit, mit dem Geborensein zum Tode hin, dass uns vom ersten Tag an begleitet und im Erwachsenwerden in den Fokus rückt. Shearer zeigt sehr deutlich, wie wir den Tod ausblenden – wahrscheinlich ausblenden müssen – um ihm am Ende unausweichlich wieder zu begegnen im Tod anderer, im Bewußtsein der eigenen Sterblichkeit.

Wie kommt es, dass wir nicht ständig Angst vor dem Tod haben, sondern nur wenn er sich unmittelbar ankündigt? Wir wissen, dass wir keine andere Wahl haben. Doch wenn wir den Tod anklopfen hören, ist er für uns trotzdem eine grausige Überraschung, ein Schock, eine Ungerechtigkeit. Jeder von uns muss sich damit abfinden, aber tapfer zu sein ist schwer. Und um doch noch weiterzumachen, tut man so, als käme es nicht auf einen zu. (S. 187)

Shearer gelingt ein liebesvolles Porträt seines Bruders, eines nach landläufigen Maßstäben gescheiterten Menschen, der trotz vielversprechender Jugend nichts wirklich zuende brachte und damit den Maßstäben der Gesellschaft für ein erfolgreiches Leben nicht genügte. Und doch sieht Shearer in Louis Leben, für das Alex mehr und mehr Verantwortung übernimmt, nicht nur das Element des Scheiterns, sondern zieht den Bogen größer:

Es gibt Leute, die gerade noch genug Grips haben, um nicht in eine Anstalt zu kommen, und mit Milliarden herumwerfen, während andere sich mit Quantenphysik beschäftigen und ihre Klamotten im Secondhandladen kaufen (S. 61 ff.)

Ein wunderbarer autobiografischer Roman, warmherzig und von feinem, lakonischem Humor für alle, die Geschwister haben oder einmal hatten – und für alle anderen.

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