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Still Alice – Über die Würde im Zeichen der Krankheit


(Filmplakat: © 2015 Polyband)

Im Rahmen der Blogbeiträge zu „5 Jahre Jargsblog“ erscheint heute zum ersten Mal eine Rezension zu einem Film, den es noch nicht auf DVD gibt – und der am 5. März in den deutschen Kinos starten wird. Gastautor Simon Kyprianou ist Autor der Zeitschrift „35 Millimeter – Das Retro-Filmmagazin“, die sich dem Filmerbe bis 1965 widmet, sowie Gastautor des Filmblogs „Die Nacht der lebenden Texte“.

Drama // Dr. Alice Howland (Julianne Moore) ist eine Frau in den besten Jahren, mitten im Leben, in einer glücklichen Ehe mit John (Alec Baldwin), Mutter von drei erwachsenen Kindern (Kristen Stewart, Kate Bosworth, Hunter Parrish). Sie ist Professorin für Linguistik in New York, eine energiegeladene, aktive Persönlichkeit. Doch immer öfter aber spielt ihre Erinnerung ihr Streiche. Ein Besuch beim Neurologen bringt die erschütternde Diagnose: Alzheimer. Von da an
verändert sich ihr Leben radikal.


Aus der selbstbewussten Wissenschaftlerin …


… wird eine verwirrte und verängstigte Frau (Fotos: © 2015 Polyband)

Den Regisseuren Richard Glatzer und Wash Westmoreland gelingt es, den alles verändernden Einschlag der Krankheit Alzheimer in das Alltagsleben zu bebildern. Ein plötzlicher Rundumschlag, ein Schock, der Verlust der Identität, der Verlust der Selbstständigkeit, das gewohnte Alltagsleben weicht einem dauerhaften Ausnahmezustand. Dabei binden uns die beiden Regisseure an die Perspektive von Alice, wir sehen die Krankheit aus ihrer Warte voranschreiten, in vielen Szenen ist sie allein, was ihre Unzulänglichkeiten durch die Krankheit direkt auf den Zuschauer überträgt.


Ehemann John versucht Alice Halt zu geben (Foto: © 2015 Polyband)

Glatzer und Westmoreland finden Bilder für das Verschwinden und Verschwimmen der Erinnerung, feinfühlige, aber auch harte und erschreckende Bilder. Sie erzählen diese intime Geschichte der eigenen Identität, die im Überschlag des Vergessens langsam zerbricht, behutsam und emphatisch, in einem durch und durch humanistischen Film. Ein Film der oft auch unangenehm und verängstigend ist, der schlicht einen ehrlichen Blick auf das Leben mit einer furchtbaren Krankheit wirft. Mit „Tearjerking“, falschen Emotionen oder Beschönigungskitsch (jüngst: „Honig im Kopf“) hat das gar nichts zu tun.

Julianne Moore ist der wundervoll hervorstechende Teil einer großartigen Ensembleleistung. Der Oscar ging zu Recht an sie, für eine große Leistung. Hoffen wir, dass ihre große Karriere noch lange andauert. Alec Baldwin und Kristen Stewart halten sich mit ihrem ebenfalls brillanten Spiel angenehm im Hintergrund.
Im Kern ist „Still Alice“ ein Film über Würde – und was könnte man Schöneres über ihn sagen?

Länge: 101 Min.
Altersfreigabe: FSK freigegeben ohne Altersbeschränkung
Originaltitel: Still Alice
USA/F 2014
Regie: Richard Glatzer, Wash Westmoreland
Drehbuch: Richard Glatzer, Wash Westmoreland, nach einem Roman von Lisa Genova
Besetzung: Julianne Moore, Alec Baldwin, Kristen Stewart, Kate Bosworth, Shane McRae, Hunter Parrish, Stephen Kunken
Verleih: Polyband / 24 Bilder

Copyright 2015 by Simon Kyprianou


(Trailer: © 2015 Polyband)

15 thoughts on “Still Alice – Über die Würde im Zeichen der Krankheit

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  4. Ein Thema, was gerade in den letzten Jahren immer öfter auch in Filmen angesprochen wird.
    2007 war Julie Christie mit dem Film „An ihrer Seite“ von Sarah Polley als beste Hauptdarstellerin für den Oscar nominiert. Ein kanadischer Film zum gleichen Thema und ebenfalls sehr ergreifend.
    Ich habe bei Still Alice schon beim Trailer geweint.
    Durch die immer höhere Lebenserwartung der Menschen treten neue Krankheiten ins Rampenlicht und die Angst ist groß, auch von dieser Krankheit befallen zu werden.

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    • Liebe Susanne,
      zum Glück rückt die Auseinandersetzung damit immer mehr in die Mitte der Gesellschaft. Auch wenn ich als naturwissenschaftlich interessierter Mensch berechtigte Hoffnung glaube haben zu können, dass man solche Krankheiten und ihre Ursachen in Zukunft immer besser verstehen und vielleicht mal heilen wird, bleibt es zur Zeit doch ein Damoklesschwert, dass über jedem hängt. Man muss wirklich jeden Augenblick genießen, den man gesund und bei vollem Bewusstsein seiner selbst ist!
      Liebe Grüße von
      Jarg

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      • So sehe ich es auch, Jarg. Deshalb vermeide ich es, mich über Nichtigkeiten des Lebens aufzuregen. Dazu gehören z.B. verspätete Busse, ich kann es nicht ändern und es gibt weitere Busse oder andere Buslinien.
        Viele Grüße von Susanne

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      • So geht es mir auch. Und ich habe immer ein Buch dabei für solche Augenblicke, die damit auch ihre positiven Seiten zeigen.
        Liebe Grüsse aus Hamburg, liebe Susanne, von
        Jarg

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  5. das muss ein grossartiger Film sein, lieber Jarg. Da freue ich mich jetzt schon auf die DVD. Das Thema ist so furchtbar traurig wie, zumindest für meine Familie, hochaktuell. Es ist einfach eine Scheisskrankheit, und man darf einfach die Momente nicht verpassen, die es immer wieder dennoch gibt, wenn auch immer seltener werdend. Schwer, ganz verdammt schwer. Danke für die schöne Besprechung und
    liebe Grüsse
    Kai

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    • Lieber Kai,
      gern geschehen.
      Jeder hofft ja, dass es ihn nicht trifft. Aber es ganz nah bei einem Angehörigen zu erleben ist sehr schlimm – meine Oma hatte es auch getroffen sieben Jahre vor ihrem Tod und ihr große Teile ihrer erwachsenen Fähigkeiten geraubt, was manche Angehörige nicht ertragen konnten und deshalb Abstand hielten. Und doch war da immer noch so ein Kern der Persönlichkeit, der manchmal urplötzlich und kraftvoll vorschimmerte – was einen beglückte und zugleich tief bestürzte, wenn man es erlebte!
      Liebe Grüße von
      Jarg

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  6. Hallo Jarg,
    hier in Fredericksburg haben wir uns vor zwei Wochen ein ganz beeindruckendes Schauspiel ueber Alzheimer angesehen, „No Place for a Picture on a Blank Wall“ [http://tinyurl.com/nerx8xe], von einem hiesigen Autor geschrieben und von einem Laienschauspielerensemble aufgefuehrt. Mal sehen, wann der Film „Still Alice“ hier ins Kino kommt.
    LG,
    Pit

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    • Hallo Pit
      es ist gut, dass das Thema mehr und mehr auch in den Künsten Aufmerksamkeit findet und sich Literatur, Theater und Film damit auseinandersetzen – betreffen kann es am Ende jeden, ob als Erkrankter oder als Angehöriger!
      Liebe Grüße von Jarg

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