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Die letzte Drachentöterin : Roman / Jasper Fforde

Das ist der transitorische Elch«, sagte ich und warf einen Blick auf die Post. »Eine Illusion, die lange vor meiner Zeit mal jemand als Scherz hinterlassen hat. Er bewegt sich irgendwie durchs Haus und taucht mal hier und mal da auf, bei diesem, mal bei jenem. Wir hoffen, dass er bald verschwindet.

Jennifer Strange ist bald 16 Jahre alt, hat als Findelkind mit beschränkten Rechten in den Ununited Kingdoms noch nicht viel Freiheit und leitet derzeit Kazam, eine Agentur zur Vermittlung von Zauberern. Doch was einst ein ehrbares Handwerk mächtiger Magier war, ist mittlerweile zu einem reinen Dienstleistungsgewerbe verkommen, verfügen doch Zauberer seit langem nicht mehr über die Kräfte früherer Zeiten: heutzutage müssen sie zufrieden sein, wenn sie innerhalb eines Tages bei einem Haus die Leitungen auswechseln dürfen oder Pizza auf dem fliegenden Teppich ausfliegen. Wenn … denn die Zauberer werden wenig gebucht und müssen um ihre Existenz fürchten und hausen obendrein in einem völlig heruntergekommenen Gebäude.

Dann heisst es auch noch, das der letzte Drache durch die Hand von Jennifer sterben würde – und zwar am Sonntagmittag. Das löst nicht nur bei Jennifer erhebliche Unruhe aus: Tausende hoffen, im dann nicht mehr magisch beschützten Drachenland Land besetzen zu können und belagern die Grenze. Der junge, fiese König Sniggs wittert Krieg des Ununited Kingdoms mit dem verfeindeten Nachbarland und Jennifer wird plötzlich mehr oder weniger freiwillig zur Nachfolgerin des offiziellen Drachentöters mit eigenem, gepanzertem Rolls Royce und steineschneidendem Schwert. Auch ein Drachentöterlehrling lässt nicht lange auf sich warten – wenngleich Gordon mit Melone und geblümter Schürze zunächst etwas unpassend auftritt.

Zum Glück wird Jennifer bei Kazam vom zwölfjährigen Findelkind Tiger vertreten, der sich schon bald als echte Unterstützung erweist. Denn schon bald scheint sich alles gegen Jennifer zu verschwören – und den Drachen töten will sie ja eigentlich auch nicht, weil der sich nichts hat zuschulden kommen lassen. Doch dann sind Drachenklauenspuren an einem Wagen zu finden – und König Sniggs, dem der Drachentod sehr gelegen käme, spielt sein eigenes Spiel. Für Jennifer steht bald nicht nur ihr eigenes Leben auf dem Spiel, sondern das Schicksal aller Bürger. Und es kommt noch schlimmer …

Mit „Die letzte Drachentöterin“ schafft Jasper Fforde nach der Thursday-Next-Reihe eine weitere Anderswelt, die diesmal nicht von Literatur, sondern von Magie geprägt ist und in alltäglicher Hinsicht in vielerleiweise einer bis ins Groteske überspitzten Version unserer Gegenwart ähnelt. Im Gegensatz zur üblichen Fantasy nimmt er selbige hier tüchtig aufs Korn und schafft überdies erneut eine mit seltsamen physikalischen Phänomenen und absurden, unsere Wirklichkeit karikierenden bürokratischen Regeln ausgestattete Welt. Jennifer selbst fährt im alten VW Käfer durch die Gegend, das Drachentöterschwert kann selbst Mauern durchschneiden, sofern es mit Käse geschmiert wurde, und auf fliegenden Teppichen darf man aus versicherungstechnischen Gründen nur noch Fracht ausliefern.

Und dann gibt es noch ein ganz wunderbares Wesen – und spätestens als es in der Geschichte erstmals auftauchte, war ich dem Roman rettungslos verfallen: das Quarktier:

„Das ist das Quarktier“, sagte ich. „Es sieht vielleicht aus wie eine offene Messerschubalde auf Beinen und als wollte es dich gleich in Stücke reißen, aber in Wahrheit ist er ein ganz Süßer und frisst hächstens mal eine Katze, wenn überhaupt. Oder, Quarktier?“.
„Quark“, sagte das Quarktier.
„Der krümmt dir wirklich kein Haar“, sagte ich, und das Quarktier beschloss, seinen guten Willen zu zeigen, indem es seinen zweitbesten Trick vorführte: Es nahm einen Beton-Gartenzwerg und zermahlte ihn mit seinen kräftigen Zähnen zu Staub. Dann pustete es einen Ring aus Staub und sprang hindurch. Tiger lächelte angestrengt, und das Quarktier wedelte mit seinem schweren Schwanz, leider etwas zu nah am VW, und machte so eine weitere Delle in den eh schon arg verbeulten vorderen Kotflügel.

Jennifer Strange ist eine ähnlich starke Heldin wie Thursday Next, wenngleich sie viel jünger ist. Eben deshalb bietet sie nicht nur dem erfahrenen erwachsenen Leser von Fforde-Romanen einen gewissen Wiedererkennungsfaktor, sondern jüngeren auch eine Möglichkeit der altersgerechten Identifikation. Man taucht schnell ein in die absurde Welt eines von schwindender magischer Energie durchdrungenen anderen Englands (das überdies geteilt scheint) und liest sich rasch fest, zumal Fforde immer wieder mit überraschenden Volten und Wendungen aufwartet und die Geschichte letztlich zu einem mehr als unerwarteten Ende führt. Einem Ende, dass spürbar Anknüpfungspunkte für den nächsten Teil dieser Trilogie bietet, der im englischen Sprachraum bereits erschienen ist.

Fazit: spannende Unterhaltung mit Niveau, Witz und Esprit, die durchaus auch schon für Jugendliche ab etwa 13 Jahren geeignet scheint. Wer Terry Pratchett mag, wird vermutlich auch an Ffordes Welten im Allgemeinen und an „Die letzte Drachentöterin“ gefallen finden. Doch Vorsicht: ein gewisses Suchtpotential ist vorhanden und die Zeit bis zum Erscheinen der deutschen Übersetzung des zweiten Teils („The Song of the Quarkbeast“) könnte lang werden.

12 thoughts on “Die letzte Drachentöterin : Roman / Jasper Fforde

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    • Vielen Dank für das Rebloggen und die freundlichen Worte zu meiner Rezension. Schätze, ich werde Fforde auch einmal im Original lesen müssen, denn ganz sicher geht bei Übersetzungen einiges verloren. Leider ist die Last-Dragonslayer-Reihe in der englischen Ausgabe offenbar nicht in vielen öffentlichen Bibliotheken vorhanden – aber das kann ja noch werden. Und sonst sind die englischen Taschenbücher ja auch recht günstig zu haben …!

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  3. Hallo Jarg. Von deiner Rezension mal wieder kritiklos begeistert. Derart begeistert, dass ich hiemit anfrage ob, wenn ich auf dem feinen Buchstoff die Rezension zu Band 3 („The Eye of Zoltar“) poste (ist herrlichstens ;))) ) ,in meiner Rezension einen Link auf deine wunderbare Rezi & Blog setzen darf?

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    • Liebe Thursdaynext, aber sehr gerne doch. Gespannt auf deine Rezension grüsst herzlich der Jarg, zwischen Staubschutzwänden mit Wischmopp gegen Fliesensägerstaub kämpfend. Vergeblich. Jetzt eine Armada von putzenden Mrs. Danvers haben … und zur Erholung in ein schönes Buch springen!!

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      • Vielen Dank. Mrs Danvers sind wohl nicht erhältlich aber Bücherspringen ist doch möglich. Wünsche dir Fliesesägestaubeskapismustaugliche Lektüre. Wie sagt der Dalai Lama: „Das Leben meistert man lächelnd oder überhaupt nicht.“

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  4. Ich habe mich letztens auch an einem Fforde-Buch probiert, „Grau“.
    Irgendwie habe ich es geschafft, mich drei viertel des Buches voran zu quälen, musste dann aber leider doch abbrechen.
    Aber deine Rezi zu diesem Buch klingt doch schon wieder ganz spannend.🙂

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    • „Grau“ kenne ich noch nicht. Die „Drachentöterin“ ist wohl auf drei Bände angelegt … mal sehen, wie der zweite Teil wird. Ich hoffe, Du fühlst dDich von dem Buch ebenso gut und intelligent unterhalten wie ich!

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    • Obwohl fanatischer Fforde Fan ging es mir mit Grau ebenso wie dir. Es ist sehr …grau…
      der Humor so subtil, dass man ihn mit per Elektronenmikroskop finden muss.Düstere Dystopie.

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      • HM. Wenn ich mal wieder eine weltpessimistische Düstere-Dystopie-Phase habe, dann lese ich das. Bei all dem grauen Staub hier scheint mir das Buch zur GRAU!😉

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