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Letters of Note – Briefe, die die Welt bedeuten

Wir leben in flüchtigen Zeiten: Menschen kommunizieren in Windeseile per E-Mail, SMS oder WhatsApp, liken sich auf Facebook, vervollkommnen die Kunst, in 120 Zeichen alles (oder nichts) zu sagen und sind scheinbar permanent online, verfügbar und live dabei. Fraglich ist, was davon bleibt. Alles, mag der kritische Datenschützer sagen, denn wir hinterlassen unzählige digitale Spuren, denen man oft sehr lange folgen kann ; nichts, könnte eine schwerer philosophische Einwand sein, denn durch die schiere Masse geht alles im Rauschen unter. Auch technisch gesehen stellt sich die Frage, ob man in einhundert oder zweihundert Jahren noch in der Lage sein wird, im „Netz“ die eine besondere E-Mail eines Autors an seinen Verleger oder eines Kindes an einen Astronauten zu finden, die so besonders ist, dass sie sich aus der Masse des Kommunizierten heraushebt.

Ein Grund, weshalb Briefe besonders sind und für zumindest jene, die wie ich noch in analogen Zeiten aufgewachsen sind, manifestierte Aussagen bedeuten: etwas, dass niedergeschrieben, abgeschickt und nicht mehr revidierbar ist, dass eine Wirkung hat und etwas behauptet von dem, was gesagt wurde. Anders als beispielsweise ein Beitrag auf Twitter, den ich löschen, oder ein Posting auf Facebook, dass ich nachträglich bis zur Unkenntlichkeit verändern und bearbeiten kann.

Der britische Autor und Blogger Shaun Usher hat auf seinem Blog Letters of Note Briefe, Telegramme, Faxe, Memos Postkarten und vergleichbare schriftliche Zeugnisse versammelt. Darunter sind Liebesbriefe und Leserbriefe, Ermahnungen, Protestschreiben und kurze Nachrichten, die nicht selten als Faksimilie mit eingebunden wurden. Jetzt hat er daraus ein ganzes Buch gemacht, dass nicht nur in England, sondern auch bei uns ein Bestseller wurde.

Zur Recht, finden sich hier doch kuriose Briefe wie das Eierkuchenrezept der Queen an Präsident Eisenhower, der berührende Liebesbrief des Physiker Richard Feynman an seine Frau oder der Hinweis eines amerikanischen Mädchens an Abraham Lincoln, dass er mit Bart bessere Chancen bei der Wahl hätte. Was muß John Steinbeck für ein bemerkenswerter Vater gewesen sein angesichts des wunderbaren Briefes, den er an seinen zum ersten Mal verliebten Sohn schrieb, und wie sehr mag Einstein seinen Brief an Roosevelt bedauert haben, in dem er 1939 die Entwicklung der Atombombe anregte.

Herzzerreißend dagegen der ausführliche Brief von Laura Huxley über die letzten Tage ihres Mannes Aldoux Huxley und sein Sterben oder Katharine Hepburn Brief von 1985 an den 1967 verstorbenen Spencer Tracy, mit dem sie eine komplizierte, lange geheimgehaltene Partnerschaft verband.

Manche Briefe bringen kurz und knackig die Gedanken seines Schreibers auf den Punkt wie etwa das „Kiss my ass“ aus dem Jahr 1976 des Attorney General Bill Baxley als Antwort auf den Drohbrief eines notorischen Rassisten. Andere sind ausführlicher: so schreibt Kurt Vonnegut nach der Verbrennung seiner Bücher an den Schullleiter des Schule, von der seine Bücher verbannt wurden, und legt mit spitzer Feder dessen engstirnige Motive mehr als bloß und schafft zugleich ein kleines Manifest zur Freiheit des Gedankens und der Erziehung. In der Sammlung sind auch etliche Briefe aus Kinderhand enthalten und die Antworten ihrer erwachsenen Adressaten, die den kindlichen Ernst durchaus erkannten und ihm adäquat zu Antworten versuchten.

Sehr schön auch die Briefe von Musikern: so schrieb Neil Young einmal eine Absage des MTV-Awards für sein Album Murder Ballads „an alle bei MTV“ – und ergänzte seine persönliche Abneigung gegen den „Wettkampfcharakter“ mit durchaus respektvollen Worten zum Engagement der MTV-Mitarbeiter an sich. Iggy Pop antwortete einem 21jährigen weiblichen Fan erst nach neun Monaten – und die erhielt seinen einfühlsamen, mutmachenden Brief gerade am Tag der Zwangsräumung ihrer Wohnung, was für sie der perfekte Zeitpunkt war.

Wunderbar an diesem Buch, das in großen Format erschienen und aufwändig gestaltet ist, sind auf die zahlreichen Faksimiles der Originale, die jeden Knick, jedes Fleckchen, jede Korrektur, jede Unter- oder Durchstreichung zeigen und so den im Buchtext übersetzten Text mit dem im wahrsten Wortsinne anschaulichen Original ergänzen. Dazu kommen zahllose Fotos prominenter Briefeschreiber und editorische Notizen, die die jeweiligen Briefe und Nachrichten in Bezug zur Zeit, zu Ereignissen und zu den betreffenden Personen setzen. So ist ein in jeder Hinsicht schön gestaltetes, schweres Buch, in dem man ebenso gerne stöbert wie es von vorne bis hinten in einem Rutsch durchzulesen.

Letztlich aber reicht das Buch über sich selbst hinaus. Es zeigt, was den Brief unterscheidet von Mails und anderen Nachrichten: E-Mails klicken sich schnell fort, verschwinden in Ordnern, werden automatisch gelöscht oder wegsortiert. „Letters of Note“ macht spür- und sichtbar, wie besonders Briefe sein können und dass ein Brief – womöglich Produkt langwieriger Überlegungen oder einer dem Augenblick entspringenden Formulierungsfortune – soviel schwerer wiegen kann als das Papier, auf dem er steht. Eine unbedingte Leseempfehlung für dieses Buch also von mir, das für mich zu den wirklich beeindruckenden Büchern dieses Jahres gehört.

13 thoughts on “Letters of Note – Briefe, die die Welt bedeuten

  1. So ein Kalligrafieset hab ich hier auch liegen. Momentan ist das sogar in Betrieb.😀 Also wenn Dein langweiliger Postkasten mal eine Postkarte braucht, sag mir Bescheid! Ich wuerde mich schweren Herzens opfern.😀

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    • Schätze, ich werde meines mal zu Ostern ausgraben, damit die Kinder mal sehen, wieviele verschiedene Federn es gibt. Und danke für das Angebot – wenn der leere Briefkasten zu sehr knurrt, werde ich sicher darauf zurückkommen😉

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      • 🙂
        Gestern kam mein ‚Letters of Note‘ an. Das Buch ist sehr interessant und die Briefe sehr vielseitig. Ich konnte es kaum aus der Hand legen und manchmal laut loslachen. Besonders beruehrend war allerdings der Brief von Richard Feynman an seine verstorbene Frau. Mann, der war wirklich tragisch.

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      • Es freut mich, dass Dir das Buch ebenso gefällt wie mir. Und wie schön, dass letztlich ein Blog mit besonderen Briefen zu diesem Buch führte. Feynmans Brief ist wirklich besonders berührend …

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  2. Herzlichen Dank fuer diesen Buchtipp. Ich hab mir das Buch soeben bestellt und werde es meinem langjaehrigen Brieffreund zum Geburtstag schenken. Ich bin mir sicher, auch er wird es lieben! Viele Gruesse aus Virgnina, ivonne

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  3. Ich habe diese Theorie schon vor Jahren geäußert. Während man heute im Sand ewig nach archäologisch wertvollen Artefakten suchen muß, die uns Aufschluss über das damalige Leben liefern, wird man in 500 Jahren ebenso im Nebel stochern, weil zu viel nutzloser Informations-„Sand“ den Blick auf’s Wesentliche verdeckt.
    ich wusste nicht, das der Gedanke für ein Buch reicht. Verdammt. Wieder eine Einnahmequelle versiegt. Das ging mir schon so, als meine ganz eigene und von allen belächelte Theorie unseres Daseins plötzlich im Film Matrix auftauchte.

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    • Ja, wahrscheinlich wird man in 1000 Jahren denken, dass wir seltsame gelöcherte scheibenförmige Objekte aus Kunststoff um den als Fetische um den Hals trugen CDs) …
      Mit den Ideen ging es mir auch schon oft so. Eigentlich habe ich in meiner Zeit als militanter Radfahrer die Touristenfahrradrikscha in Großstädten vor über 20 Jahren erdacht. Und dann kam mir Velotaxi zuvor. Wieder nix mit den Millionen …

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      • Spacepen gibt’s auch schon. Sockensortiermaschine auch. Wie steht’s mit Kaffeemaschine mit eingebauter Schaltuhr, damit der Kaffee fertig ist, wenn man aufsteht? Sonnenschirme, die sich mit der Sonne drehen? Elektrogeräte an denen man den Garantieschein befestigen kann, damit man ihn findet, wenn das Gerät kaputt geht?

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    • Danke für das Rebloggen. Wenn ich bedenke, wieviele Briefe ich früher schrieb und erhielt (ganze Ordner voll), ist es bei mir schon wirklich mau geworden um diese Kulturtechnik. Dabei freue ich mich immer, wenn richtige Post zum Anfassen im richtigen Briefkasten liegt. Vielleicht braucht der Brief an sich ein bewußtes Revival wie die Schallplatte, die sich ja auch hartnäckig wieder ihre BNischen erobert hat.

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    • Ich schreibe noch Briefe … und da mir auch Leute zurueckschreiben, bin ich anscheinend nicht die Einzige. *lach* Ich mag es, den Postkasten aufzumachen und unter dem ganzen Werbekram handgeschriebene Post in teilweise selbstgemachten Umschlaegen zu finden. Auf der anderen Seite gibt es auch nichts Schoeneres als mit einer Tasse Kaffee am Schreibtisch zu sitzen und mit echter Tinte und Fueller auf schoenem Papier die eigenen Gedanken aufzuschreiben. Altmodisch kann so schoen sein.🙂

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      • Das Schreiben auf Papier ist schon besonders … auch wenn es „nur“ ausgedruckt oder getippt ist, hat so ein richtiger Brief buchstäblich Gewicht. Von Hand beeindruckt mich schon … ich tippen soviel am PC, dass ich mich schon sehr anstrengen muss, schön von Hand zu schreiben. Sollte mal wieder meine Kalligrafieset mit den Ausziehfedern vorkramen …

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