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Irgendwo ganz anders : Roman / Jasper Fforde. – (Thursday Next 5)

Eine der Besonderheiten der BuchWelt bestand darin, dass die Bewohner, wenn sie nicht gerade gelesen wurden, meist ziemlich entspannt waren. Sie unterhielten sich, übten, tranken Kaffee, sahen beim Kricket zu oder spielten Mahjongg. Aber sobald sich ein Leser näherte, sprangen sie eilig an ihre Plätze und machten das, wofür sie da waren. Die Figuren spürten es aufgrund ihrer Erfahrung schon lange im Voraus, wenn ein Leser sich näherte […].
(S. 65)

Thursday Next, die gefeierte SpecOps-Agentin in der wirklichen und Jurisfiktionsmitarbeiterin in der BuchWelt, ist älter geworden und lebt mit ihrem Mann Landen und den drei Kindern Friday, Tuesday und Jenny zusammen. Beruflich hat sie sich umorientiert und betreibt mit Acme-Carpets einen nicht besonders erfolgreichen Betrieb für Fußbodenbeläge. Doch heimlich sorgt sie mit nicht ganz ungefährlichem Käseschmuggel für Nebeneinnahmen, arbeitet weiterhin für SpecOps und bildet in der BuchWelt Lehrlinge für Jurisfiktion aus.

„Instabiler Ystradgynlais-Brie“, sagte er. “ Den haben wir von einem Brie unserer Käsebrüder in Frankreich geklont – ist aber genausogut wie das Original. Kann man auch als Kontaktkleber oder zum Abbeizen nehmen. Gut gegen Schlaflosigkeit. Und fein gemahlen kann man ihn gegen Straßenräuber und Bären einsetzen. Er hat eine Halbwertszeit von dreiundzwanzig Tagen, leuchtet im Dunkeln und ist eine Quelle von Röntgenstrahlen.“ (S. 131)

Doch die Gefahren wachsen: die BuchWelt fürchtet sich angesichts stetig fallender Leserzahlen vor dem Ende – und das Ende der Zeit und damit der Geschichte selbst scheint auch nah. Während die Goliath-Corporation scheinbar aus lauteren Motiven versucht, mit dem Austen Rover die BuchWelt zu erforschen, versucht man in der Buchwelt, den fallenden Leserzahlen mit Reality-Book-Shows zu begegnen, bei denen die Zuschauer in der realen Welt selbst entscheiden dürfen, wie die Geschichte weitergeht. Damit droht Jane Austens „Stolz und Vorurteil“ die komplette Umschreibung. Kein Wunder angesichts solcher Bedrohungen, dass Thursday aktiv werden muss, wenn auch unter schwersten Bedingungen: Landen darf weiterhin nichts erfahren und ihre naive BuchWelt-Auszubildende Thursday5 interessiert sich mehr für Pilates und Yoga. Dann bekommt Thursday zu allem Überfluß auch noch die literarische Thursday1-4 aus der gegen ihren Geschmack mit reichlich überflüssigem Sex und Gewalt angereicherten Buchserie zugewiesen – nicht gerade die besten Voraussetzungen, um die Welt zu retten.

Der fünfte Band der Anderswelt-Serie um Thursday Next hebt sich deutlich von den vorherigen Bänden ab. Zwar werden auch hier viele Handlunsgfäden aus Buchwelt und realer Welt geschickt miteinander zu einer furiosen Geschichte verwoben. Statt auf dem Spiel mit literarischen Klassikern liegt der Fokus aber mehr auf der Wiederbegegnung mit Figuren aus den ersten vier Teilen, der Konkretisierung von Fakten zu den von Fforde geschaffenen beiden Welten und natürlich auf den aberwitzigen Auseinandersetzungen der realen Thursday mit ihren fiktionalen Ausformungen. Auch wenn Fforde damit den mit den ersten vier Bänden vorgezeichneten Pfad verläßt, enttäuscht er dennoch nicht, haucht er doch mit dem Zeitsprung von 15 Jahren und vielen Details der Thursday-Serie so neues Leben ein.

Thursday selbst ist verändert – und dem Leser wird suggeriert, dass er erst jetzt der realen Thursday begegnet, die kritisch auf die vier ihrer Meinung nach viel zu spektakulären Romane um ihr heldenhaftes vergangenes Leben blickt. Wir erfahren viel über die Nebenfiguren und die Buchwelt selbst, die Fforde – vielleicht im Vorgriff auf den sechsten Band (den ich gerade lese), differenzierter beschreibt und so manches Aha-Erlebnis auslöst: wer hätte nicht gerne ein Fußnotophon, mit dem er sich von Buch zu Buch verständigen kann oder wüsste gerne, wie es sich anfühlt eine literarische Figur zu sein? Dem Spiel mit der Literatur an sich stellt er im fünften Band fiktionale Spekulationen über das Wesen des Buches und des Lesens an die Seite, die äußerst reizvoll zu lesen sind:

Jahrtausendelang war die mündliche Überlieferung Oral/Trad das einzige Betriebssystem für Erzählungen. Es wird auch heute noch verwendet. Erzählungen aufzeichnen konnte man damit noch nicht. Diese Technik begann mit TonTafel V2.1, durchlief dann konkurrierende Systeme (WachsTafel, Papyrus, PergaPlus) und mündete schließlich in das preisgekörnte SCROLL, das achtmal upgegradet wurde, ehe es schließlich von dem brandneuen und offensichtlich überlegenen BOOK V1 weggefegt wurde. BOOK war kompakt und extrem stabil, es war leicht zu lagern und ließ sich risikolos transportieren, man konnte Inhaltsverzeichnisse anlegen und jede Textstelle genau definieren. So hat sich BOOK fast achtzehn Jahrhunderte lang als führendes SpeicherSystem gehalten (S. 65).

Der fünfte Band der Thursday-Next-Reihe ist in Aufbau und Struktur deutlich anders als die ersten vier Bände, was dem Lesevergnügen jedoch keinen Abbruch tut, wenn man sich darauf einlässt. Im Gegenteil: Fforde spielt geschickt mit der Fantasie des Lesers und führt uns in ein humorvolles, rasant erzähltes Abenteuer mit zahllosen Anspielungen auf den Zeitgeist der Gegenwart und zwischenzeilig stark spürbarer Faszination für die Welt der Geschichten und die Magie des Lesens. Dazu serviert er uns am Ende einen „Klippenhänger“, der uns schier atemlos zurücklässt – und voller Erwartung zum nächsten, sechsten Band der Serie greifen lässt. Was kann man – gerade als Nicht-Serien-Leser – mehr erwarten? Wer wie ich in einer Bibliothek arbeitet oder stark buchaffin ist, wird sich sofort heimisch führen in dieser magischen Welt, in der Bücher eine überragende Bedeutung haben, obwohl sie „nur zweiundzwanzig Prozent der sichtbaren Lesematerie“ ausmachen und Forscher bereits nach der „Dunklen Lesematerie“ suchen. Intelligente Unterhaltung mit Anspruch, feinem Humor und Niveau. Fazit: Lesen!!

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6 Kommentare zu “Irgendwo ganz anders : Roman / Jasper Fforde. – (Thursday Next 5)

    • Oh, eine Nachricht auf dem Fußnotophon … offensichtlich aus der Zukunft, weil meine fertige Besprechung von Band 6 ja erst Ende April. Aber halt … womöglich verändert sich meine Besprechung, wenn … ach egal, ich schaltete die Nachricht frei für alle. Soll sich doch Jurisfiktion irgendwo ganz anders darum kümmern! (Danke, Ulrike! Und liebe Grüße!)

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      • Lesen oder Gelesenwerden, das ist hier die jurisfiktive Frage, lieber Jarg.
        Ein kurzer Lektürehüpfer in meine Rezension wird wohl kaum das Raumzeitkontinium verändern. Obwohl man ja in der Thursday-Next-Reihe immer von diesen mehr oder weniger lustigen „Feedbackschleifen“ liest…

        Hinterlisterarische 😉 Grüße
        von Ulrike-Next-Leselebenszeichen

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      • Wer weiss. Vielleicht hat sich deine Rezension schon verändert durch einige waghalsige illegale Rezensionsspringer von hier zu dir … deren textverändernder Einfluss wurde ja bisher sträflich unterschätzt! Erst neulich war bei mir eine komplette Rezension verschwunden, ersetzt durch die Gebrauchsanleitung für einen Joghurtbereiter. Gefahren Überall. So, muss den Dodo füttern!
        Gute Nacht wünscht
        Jarg

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      • Tja, wo immer man auch hinliest: Prosa-Portale, Blog-Portale – der metafiktive Buchstabenkreislauf kreist unendlich und literarische Selbstverteidigung ist unser täglich Brot. Bei mir ist auch ein Rezensionsentwurf verschwunden, aber das lag an der Umstellung von WindowsXP zu Windows8.1 – Seufz…
        Ich werde nun auch mal ein Kapitelchen schlafen.
        Gutenachtgruß!

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      • Ja, das ist wirklich übel. Und bei all dem muss man auch noch aufpassen, dass man nicht zwischen den Zeilen verschwindet oder womöglich als Serife endet. Schwierige Zeiten.

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