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Der Mond flieht: eine Sommergeschichte / Rax Rinnekangas

Er nickte vor sich hin, wie von seinen eigenen Worten innerlich bewegt, dann runzelte er die Augenbrauen und sagte: ‚Lauri, ich kann dir alles anschaulich darstellen. Wenn zum Beispiel wir beide uns kennen würden und ich dich zu meinem Haus brächte, dann würdest du dort die Gegenstände und Bücher sehen, die du dir jetzt vorstellen kannst. Alles wäre genau gleich und gleichzeitig anders. Und weißt du, warum? weil die Wirklichkeit – die Gedanken, das Wissen, die Begriffe, die wir von uns haben – nichts anderes ist als die Summe unserer Vorstellungen. Mit ihnen konstruieren wir uns die anderen so, wie wir wollen, selbstsüchtig, ohne Wahlmöglichkeiten, und der erlebte Alltag ändert nichts daran. Und wir behandeln uns gegenseitig so, wie unser Geist uns schon behandelt hat.'(S. 114-115)

Latvala, ein kleines, sehr konservatives Dorf hoch im Norden Finnlands. Jedes Jahr verbringt der 13jährige Lauri den Sommer auf dem Bauernhof seines Onkels Eino, hilft bei der Arbeit und hat doch viel Zeit zum Spielen mit seiner Cousine Sonja und ihrem Bruder Leo. Doch dieses Jahr scheint alles anders. Obwohl die Kinder wie immer bei der Heuernte helfen, gleiten sie in den vielen freien Stunden ab in eine seltsame, utopische Traumwelt.

Die hochsommerliche Natur, Steine, eine große Fichte und der Fluss werden zum magischen Schauplatz – und die Kinder wandeln verzaubert und doch voller Angst durch eine Welt zwischen Kindheit und Erwachsensein, in der Sonja die schöne, wilde Anführerin ist in diesem von flimmernder Hitze und warmem Regen geprägten Sommer auf dem Land. Freiheit und Abenteuer verbindet die verschworene Gemeinschaft der drei Kinder an der Schwelle zum Erwachsensein stehenden Kinder und das Gefühl, verboten schönes Glück zu erleben. Die Jungs sind zugleich beglückt und erschreckt über ihre ersten sexuellen Erfahrungen, angestachelt von der ungestümen Sonja, die die beiden Jungs zum ersten Mal fliegen lässt. Doch dann geschieht eine unfassbare Katastrophe, und die langen, duftenden Sommertage werden zur Kulisse für tiefe Trauer und Verzweiflung, aus der Lauri verwandelt hervorgeht, erfüllt von bohrenden Fragen nach dem Schicksal und dem Sinn.

Rax Rinnekangas ist eine hochpoetische, verstörende und zugleich zutiefst bewegende Erzählung gelungen. Er schildert das zunächst unbeschwerte, in einer Katastrophe endende Sommermärchen dreier Kinder in einer von Sturheit, tiefer Religiosität und archaischen Tradition geprägten Erwachsenenwelt. Die trotz inzestuöser Erfahrungen tief von den Kindern empfundene Unschuld wird mit der Katastrophe zu einem inneren, von Schuldgefühlen geprägten Konflikt, bei dem Gut und Böse kaum mehr zu unterscheiden sind und der sich am Ende auf düstere Weise entlädt.

Rinnekangas Buch, das auch in der deutschen Übersetzung in einer hochverdichteten, geradezu lyrischen Sprache geschrieben ist, bewegt und verzaubert zugleich. Ich konnte mich der Geschichte von Lauri und den anderen beiden Kindern kaum entziehen. Am Ende wurde „Der Mond flieht“ für mich zu einem jener Bücher, die einen auf eine ganz besondere Weise berühren, die sich zunächst kaum fassen lassen und einen noch lange nach der Lektüre intensiv beschäftigen. Für mich eines der bemerkenswertesten Bücher des Jahres, dessen Lektüre ich jedem ans Herz legen möchte, der besondere Bücher mag und auf Sprache in Geschichten großen Wert legt.

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