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Nimm mich mit nach Gestern … / Renate Delfs und Rike Schmid

Renate Delfs, die 1925 geborene Flensburger Volksschauspielerin, und die Schauspielerin und Autorin Rike Schmidt (Jahrgang 1979) lernen sich im Jahr 1999 bei Dreharbeiten zu der Fernsehserie „Aus gutem Haus“ kennen. Die beiden Frauen werden trotz des großen Altersunterschiedes schnell zu Freundinnen und überbrücken räumliche Distanzen mit einem bis in die Gegenwart geführten Briefwechsel. Als die Zeit des Nationalsozialismus zur Sprache kommt, spürt Schmid rasch die Offenheit von Delfs, sich über diese von ihr sehr bewußt erlebte Zeit auszutauschen.

Über Fragen nach dem Alltag im totalitären System, den Gefühlen einer heranwachsenden Frau im System des Nationalsozialismus taucht der im Buch wiedergegebene Briefwechsel immer tiefer ein in die Vergangenheit, das Dritte Reich, erlebt in Schule, Bund Deutscher Mädel und schließlich dem Reichsarbeitsdienst und wühlt bei Renate Delfs selbst Fragen auf: heute fragt sie sich fassungslos, warum sie als junge Frau so wenige Fragen stellte, nicht hinsah oder nicht hinsehen konnte. Für Delfs werden diese Briefe zu einer zuweilen quälenden, intensiven Auseinandersetzung mit sich selbst, begegnet sie doch ihrem jüngeren Ich mit dem Wissen der erwachsenen, lebenserfahrenen Frau mit zunehmender Fassungslosigkeit und fragt sich, ob und was sie hätte wissen müssen oder können. Eine Fassungslosigkeit, die sich auch bei Rike Schmid spiegelt, die es kaum fassen kann, wieviel Alltag bis hin zu Freizeitvergnügungen in einem Land gab, in dem Menschen verfolgt und schließlich ein brutaler Krieg geführt wurde. Schmid stellt Fragen, die aus Delfs Schilderungen folgen, reflektiert gleichzeitig darpüber, wie sich selbst hätte verhalten können und welche Bedeutungen die Schilderungen aus dem Alltag des Dritten Reichs für uns heute in der Gegenwart haben.

Der Briefwechsel der beiden Freundinnen ist so über die Jahre nicht nur eine persönlicher, offener Austausch zwischen Freundinnen geworden, sondern zugleich ein ungemein spannender Dialog zwischen Generationen, zwischen jemandem, der den Alltag im Dritten Reich erlebt hat und jemandem, der ihn lediglich als düsteren Teil der deutschen Geschichte kennt. Es ist spürbar, wieviel Kraft dieser Briefwechsel beide Frauen an manchen Stellen gekostet haben mag: Delfs, die durch ihre Offenheit ihr Leben als junge Frau selbst reflektiert und so manchmal an die Grenzen des Verständnisses für sich selbst gerät; Schmid, die im Wissen um das Entsetzliche nicht fassen kann, dass es Alltag gab, Freude, Unbeschwertheit – und sich selbst eingestehen muss, dass sie nicht sicher sagen kann, wie sie sich verhalten hätte.

„Nimm mich mit nach Gestern …“ ist ein ungemein persönliches Buch, eine authentische Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte und ein eindringliches Plädoyer für die Verantwortung, die wir und nachfolgende Generation tragen. Zugleich ist es eine biografische Skizze der frühen Jahre dieser wunderbaren, immer noch aktiven und wachen Schauspielerin.

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