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Die Passion der Beatrice – Mehr Tavernier in Deutschland!

Seit dem 23. Juni gibt es die DVD-Ausgabe von Taverniers Film „Die Passion der Beatrice“ zu kaufen: ein schöner Anlass für eine weitere Gastrezension von Simon Kyprianou, Autor bei „35 Millimeter – Das Retro-Filmmagazin“ und Gastautor beim Blog „Die Nacht der lebenden Texte“.


Beatrice ist gefangen in einer unerbittlichen, hässlichen Welt …

Historiendrama // Wir schreiben das 14 Jahrhundert. Kriege und Krankheiten verwüsten das Land, und doch neigt sich das dunkle Mittelalter langsam seinem Ende zu. Der Ritter François de Cotemar (Bernard-Pierre Donnadieu) und sein Sohn Arnaud (Nils Tavernier) sind in englische Kriegsgefangenschaft gelangt. Tochter Beatrice (July Delpy) muss beinahe das gesamte Familienvermögen darauf verwenden, die beiden freizukaufen. Nach seiner Rückkehr aus der Gefangenschaft verändert sich der Vater immer mehr. Er wird zum unberechenbaren, verbitterten Tyrannen, der vor nichts Halt macht, dem nichts mehr heilig ist. In seiner Burg errichtet er eine surreale Schreckensherrschaft, wird zum Raubritter und gar inzestuösen Vergewaltiger.

„Die Passion der Beatrice“ ist in vielerlei Hinsicht ein typischer Bertrand-Tavernier-Film: an historischer Genauigkeit eher desinteressiert, dafür umso mehr interessiert am Erfühlen und Erfahren einer dunklen, abgründigen Zeit. Wie auch in seinem 2009er-FiIm, „In the Electric Mist“, in dem er sprichwörtlich die alten Geister von Louisiana heraufbeschworen hat, filmt er das späte Mittelalter als mystische Zeit, als trostlose Horrorvision, eine Welt im Zerfall, am Abgrund.

An seinem Stil hat sich über die Jahre also wenig geändert. Das erinnert teilweise stark an Ingmar Bergmans Mittelalterfilme „Das siebente Siegel“ und vor allem „Die Jungfrauenquelle“, die zweifellos als Inspiration für Tavernier gedient haben, formaler sowie inhaltlicher Natur. Da gibt es schauderhafte poetische Naturaufnahmen, wundervolle Dialoge.


… in der für Schönheit und Zärtlichkeit kaum Platz ist

Wie so oft bei Tavernier ist auch „Die Passion der Beatrice“ ein unerbittlich existenzialistischer Film. Das Innenleben der Figuren steht im Zentrum des Interesses. In ausladenden 130 Minuten muss Beatrice um ihr Leben kämpfen – pure Selbsterhaltung als ultimativ existentialistisches Handlungsmotiv. Die mystische, religiöse Ebene kündigt ja auch schon das Wort „Passion“ im Titel an; es ist eine Leidensgeschichte, die zu der elenden Epoche passt, in der sie spielt – einer Epoche, die zerrissen ist zwischen Barbarei und Fortschritt. Völlig von Sinnen und gedemütigt von der Niederlage lebt François de Cortemar all die rückschrittlichen und hassenswerten Untugenden des Mittelalters hemmungslos aus, zieht seine Mitmenschen wie ein Sog mit sich in den Abgrund.

Taverniers Figurenzeichnung ist hochintelligent: Niemals brandmarkt er seine Figuren, selbst den dem Irrsinn verfallenen de Cortemar inszeniert er nicht einfach als Monster, sondern eher als in sich selbst Verlorenen, als tragisch gefallene, völlig unrettbare Figur, der die Realität entglitten ist.

July Delpy ist sensationell: Fragil, zärtlich, gleichzeitig stark, wirkt verloren in dieser Welt, in der für Zärtlichkeit kaum Platz zu sein scheint. Es war eine ihrer ersten Rollen.


Ihr Vater verfällt dem Wahnsinn

In Deutschland war „Die Passion der Beatrice“ längst überfällig, glücklicherweise hat sich Pidax Film nun des Dramas angenommen und veröffentlicht es immerhin auf DVD. Aber immer noch sind viel zu viele Tavernier-Werke hierzulande nicht erschienen, darunter ganz außerordentliche Filme wie „Auf offener Straße“ und „Es beginnt heute“. Ein Unding, gerade bei einem in Frankreich sowie international so hochgeschätzten Regisseur. Man kann nur auf Besserung hoffen.

Veröffentlichung: 23. Juni 2015 als DVD

Länge: 127 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Französisch
Untertitel: keine
Originaltitel: La passion Béatrice
F/IT 1987
Regie: Bertrand Tavernier
Drehbuch: Colo Tavernier
Besetzung: Bernard-Pierre Donnadieu, Julie Delpy, Nils Tavernier, Monique Chaumette, Robert Dhéry, Michèle Gleizer, Maxime Leroux, Jean-Claude Adelin, Jean-Louis Grinfeld
Zusatzmaterial: Wendecover
Vertrieb: Ascot Elite Home Entertainment

Copyright 2015 by Simon Kyprianou
Fotos & Packshot: © 2015 Ascot Elite Home Entertainment / Pidax Film

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