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Nicht mit mir / Per Petterson

Und in der Nacht wurde ich mehrmals wach und schaute in den grauen Himmel, der zwischen den Baumkronen vorbeirauschte. Der Wind fuhr oben in die Äste und erzeugte ein lautes, friedliches Geräusch, und die kühle Luft blies mir ins Gesicht wie ein sanftes Parfum, das ein Junge leicht in sich aufnehmen konnte, das seinen Körper einhüllen konnte, und es kam kein regen in dieser Nacht, und auch kein Schnee, und neben mir lag Jim und schlief völlig lautlos mit Heidekraut im Haar, und ich beugte mich über ihn, aber er war nicht tot, und jedes Mal, wenn ich wieder einschlief, waren wir fünfzehn, und Leben und Schlaf waren gleichermaßen verschwommen, und nichts war in der Welt verkehrt. (S. 136)

Norwegen, 1960er und 1970er Jahre: Sie waren die besten Freunde und verstanden sich ohne viele Worte: Jim, der das Gymnasium besucht hat und bei seiner alleinerziehenden Mutter lebt, und Tommy, der die letzten Jahre seiner Jugend bei einem Pflegevater aufwächst. Tommys Vater, ein kraftstrotzender Müllmann, war seit dem mysteriösen Verschwinden der Mutter gewalttätig und schlug Tommy, seine Schwester und die Zwillingsschwestern, bis Tommy sich eines Tages wehrt und die Kinder danach auf Pflegeeltern verteilt werden. Jim selbst geht zunächst seinen Weg, bis er mit 18 mach einem Selbstmordversuch in die Psychiatrie kommt. Dort trennen sich ihrer beider Wege für viele Jahre.

Über drei Jahrzehnte später treffen sich Jim, der lange krankgeschriebene Bibliothekar, der immer wieder angeln geht, und Tommy, der erfolgreiche, aber nicht in sich ruhende Unternehmer, zufällig wieder und damit auch ihrer Vergangenheit. Beide beginnen jeder für sich, sich zu erinnern. Beide haben ihr Leben lang Liebe und Nähe gesucht, aber nie gewagt.

Per Pettersons Roman ist die Geschichte zweier ehemals enger Freunde, die beide mitten im Leben stehen und doch im Grunde nie ihrer Einsamkeit, ihrer Wut und Verzweiflung entkommen konnten, die sie auch als Erwachsene noch einholt. Mit großer Empfindsamkeit nähert sich Petterson seinen Protagonisten und lässt doch geschickt Lücken, offene Stellen, in denen Abgründe, offene Fragen und nie verheilte Wunden aufschimmern. Rückblenden, wechselnde Erzählperspektiven und Sprünge kennzeichnen den Erzählstil des Autors – und so setzt er den Leser immer wieder der scheinbar allwissenden Perspektive des Erzählers aus, um in danach im nächsten Abschnitt tief in die Innenwelt eines der Protagonisten abtauchen zu lassen:

Ich kam von der anderen Seite der Galerie, und während ich lief, ließ ich meine Hand über die blankpolierte Oberseite des Geländers gleiten, das die Galerie von der unteren Halle trennte, so wie ich es als Kind getan hätte, und jetzt schmiegte sich das glatte Metall kühl an meine Hand, und bei jedem Meter spürte ich, wie die Nägel gegen meine Finger schlugen, so wie die Verbindungsstücke in einem Eisenbahngleis, und ich ging vorbei an den Klamottenläden, vorbei an den Taschenläden und Geschäften mit den sinnlosesten Dingen und bis zum Café. Als sie mich sah, hob sie die hand zum Gruß. Dieselbe Wärme scwappte durch mich hindurch. Es fühlte sich extre gut an, elektrisch, aber nicht unangenehm elektrisch wie ein Stromschlag, eher wie etwas erhähte Spannung, es waren mehr Volt in Bewegung als sonst, gleich einem Summen in den Hüften, wellenartiger, voller, wie warmes Wasser, das gegen die Brust strömt.(S. 177)

Dabei bedient sich Pettersson seines bekannten, ausgesprochen lakonischen Erzählstils, lässt vieles offen und regt damit die Fantasie des Lesers zur intensiven Reflektion des Gelesenen ein. Bemerkenswert ist auch die in der Übertragung von Ina Kronenberger ausgesprochen schöne und gelungene Sprache des Romans, der sich durch die tiefe zwischenzeilige Lebensmelancholie auszeichnet und rasch unter die Haut geht, fragt sich doch der Leser am Ende selbst, was bleibt.

„Nicht mit mir“ ist aber auch eine Geschichte vom Scheitern am Leben, an der Liebe, an der Freundschaft, vom Scheitern zerbrechender Familien, innerer Leere und der Frage nach dem Sinn. Insofern ragt der Roman weit über sich selbst und den Fokus auf die norwegische Gesellschaft der 1970er Jahre hinaus.

Ein bemerkenswert schönes, wahres, wenngleich trauriges und melancholisches Buch, intensiv und berührend.

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6 Kommentare zu “Nicht mit mir / Per Petterson

  1. Das klingt toll! Ich habe tatsächlich noch nie von Per Petterson gehört, habe da aber scheinbar etwas aufzuholen 😉 Kann mich also nur bedanken, mit deinen Worten hast du ein tolles Bild von der Geschichte gezeichnet und mir gleich Lust gemacht, in sie einzutauchen…

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  2. Ich mag Pettersons Bücher sehr. Es sind auf den ersten Blick alltägliche und kleine Geschichten, in denen aber so wichtige Themen und Schicksale erzählt werden. Es freut mich immer wieder, wenn die Literatur Norwegens so geschätzt wird, weil ich persönlich sie sehr mag. Viele Grüße

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    • Danke für deinen Kommentar. Über Petterson habe ich erst die norwegische Literatur entdeckt. Ein wirklich wunderbarer Autor, der einen immer wieder zu berühren vermag.
      Herzlich grüßt dich
      Jarg

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