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Herr Huang in Deutschland : ein Chinese auf Weltreise zum Kulturerbe / Huang Nubo

Die offensichtlich in den Medien von der FAZ bis zum Fernsehen mit einiger Aufmerksamkeit begleitete 25tägige Reise von Huang Nubo, einem chinesischen, aus armen Verhältnissen stammenden Multimillionär und Extremsportler, ist weiland 2013 komplett an mir vorbeigegangen – vermutlich, weil ich mit dem Umtopfen einer nahen Angehörigen beschäftigt war. Huang Nubo hat sich zum Ziel gesetzt, innerhalb von zehn Jahren sämtliche UNESCO-Weltkulturerbestätten zu besuchen und dazu immer ca. 20 Tage zu reisen und 10 Tage in Peking zu arbeiten. Er begann seine Reise in Deutschland und hat sein damals geführtes Tagebuch als deutschsprachige Ausgabe im Olms-Verlag herausgebracht.

Huang Nubo ist in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert: er ist nicht nur erfolgreicher Unternehmer im aufstrebenden chinesischen Tourismusbereich, sondern hat auch mehrfach den Mount Everest bestiegen und beide Pole bereist. Er scheint eine Menge Geld an wohltätige Stiftungen zu spenden und hat mehrere Gedichtbände veröffentlicht. Und er sieht sich – was ihn in meinen Augen besonders sympathisch macht – als Weltbürger. Ein durchaus spannender Mensch also.

Sein Buch ist ein ausgesprochen subjektiver Bericht über seine Tour-de-force durch Deutschland. Huang Nubo hat nicht nur Wert darauf gelegt, die Kulturerbestätten zu besuchen, sondern suchte auch den Kontakt zu den Menschen vor Ort – und zwar nicht nur zu lokalen Künstlern, Managern oder Museumsdirektoren, sondern auch zu ganz normalen Menschen, die er mehr oder weniger per Zufall traf. Seine Mischung aus klassischer Reisebeschreibung mit den Schilderungen von Erlebnissen, Begegnungen und Beobachtungen ist verbunden mit nahezu permanent Reflexionen über kulturelle Unterschiede, Gemeinsamkeiten und den Menschen in der Moderne an sich.

Dabei provoziert er beim Leser durchaus und vor allem zu Beginn inneren Widerspruch: sein sicher aus dem Blick des Tourismus-Profis gespeistes permanentes Lamento über die Servicewüste Deutschland im Spiegel seiner Hotels und seiner touristischen Infrastruktur (das sich am Ende relativiert) scheint einem als Normalreisenden manchmal arg übertrieben, auch wenn er sicher recht hat. Auch seine negative Betrachtung der Aufklärung und eine darauf aufbauende oberflächliche Rekursion auf die seiner Ansicht nach unbedingt zu erhaltenden lokalen religiösen Wurzeln konnte ich so weder teilen noch wirklich nachvollziehen.

Dennoch bereichert die Lektüre dieses Buches, zeigt sie doch den Westen – in diesem Fall Deutschland – aus der Sicht eines Chinesen und damit im Spiegel einer in weiten Teilen anders geprägten Kultur. Dabei kommt es natürlich unweigerlich immer wieder zum „Clash of Cultures“, bei dem die Unterschiede, aber auch die Gemeinsamkeiten wie in einem Brennglas sichtbar werden. Huang Nubo ist dabei kompromisslos ehrlich und hält nicht nur Deutschland, sondern auch seiner Heimat ungeschminkt und kritisch den Spiegel vor. So eigenartig einem seine Art zu schreiben auch manchmal erscheinen mag, so anregend macht das am Ende die Lektüre.

Gerade in der Begegnung mit Menschen ist erkennbar, wie sehr sich der Autor bemüht, die Sichtweise des jeweils anderen zu verstehen. Deutlich merkt er an, dass speziell im Osten Deutschland partiell Vorurteile gegenüber Fremden vorhanden zu sein scheinen – und thematisiert dabei auch das Thema Rechtsradikalismus, ohne es zu überzeichnen, sieht er doch Deutschland insgesamt davor gefeit, jemals wieder in die rechtsradikal-faschistische Fälle zu tappen. Angesichts von Pegida, AfD und den unsäglichen Übergriffen auf Flüchtlingsheime in jüngster Zeit fragt man sich allerdings, wie sein Urteil heute ausgefallen wäre.

Ausgesprochen erhellend ist auch, wie stark Huang Nubos bisher hehres Deutschlandbild zuweilen ins Wanken gerät, sieht er doch den Exportweltmeister in manchen Teilen als überraschend rückständig an: so kann er es kaum fassen, wie unendlich langsam und lückenhaft Internetverbindungen in Deutschland verglichen mit China sind und welche unverschämten Preise teure Hotels für WLAN-Zugang ihrer Gäste nehmen. Auch warnt er das Land des Auto- und Maschinenbaus, sich allzusehr auf den derzeitigen Exportschlagern auszuruhen und sieht insbesondere in der Dientleistungs- und Tourismusbranche erheblichen Nachholbedarf – auch vor dem Hintergrund wachsender Besuche chinesischer Touristen.

Gleichwohl hält er auch seinen Landsleuten den Spiegel vor, bezeichnet den deutschen Denkmalschutz insgesamt als vorbildlich und betont gerade im Angesicht seines abrissfreudigen Heimatlandes, wie wichtig es ist, nicht nur das neue zu wagen, sondern sich auch seiner kulturellen Wurzeln zu versichern.

Das Buch von Hang Nino mag man weniger als Reiseführer zu den deutschen Welterbestätten lesen, auch wenn seine Betrachtungen darüber durchaus bemerkenswert sind, wie etwa die Passage über die Aberkennung des Dresdner Welterbes durch den bekannten Brückenbau. Es steht vielmehr in der Tradition klassischer Berichte von der „Grand Tour“ und erinnerte mich während der Lektüre des Öfteren an den „Vater“ der Grand Tour, den legendären Reiseschriftsteller Thomas Coryate, der mit seinem 1611 erschienen Buch „Coryat’s Crudities hastily gobbled up in Five Months Travels in France, Italy, &c.“ (Deutsch: Die Venedig- und Rheinfahrt AD 1608. Stuttgart 1970) eine ganze Literaturgattung begründete. Vielleicht wird man diesen im Plauderton gehaltenen zeitgenössischen Bericht einmal ähnlich lesen, der sicher nicht die literarische Qualität wie Coryates Klassiker, wohl aber den zugleich unterhaltenden wie interkulturell bereichernden und sozialgeschichtlich interessanten Wert des Vorbilds erreicht.

Es lohnt sich also, dem Weltbürger Huang Nibo zuzuhören, sich von ihm provozieren und zugleich bereichern zu lassen. Die westliche Welt schaut seit Jahren nach China – beeindruckt und beängstigt zugleich. Aber China schaut auch neugierig in den Westen – nehmen wir es einfach positiv wahr.

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