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H wie Habicht / Helen MacDonald. Aus dem Engl. von Ulrike Kretschmer

Jetzt war Dad nicht mehr da, und allmählich begann ich zu begreifen, wie Vergänglichkeit mit Dingen wie einer Halo-Erscheinung am Himmel zusammenhängt. Dass die Welt voller Zeichen und Wunder ist, die kommen und gehen. Wenn wir Glück haben, sehen wir sie. Einmal, zweimal. Und dann vielleicht nie wieder. (S. 103)

Schon als eher introvertiertes, naturverbundenes Kind hat Helen MacDonald, Tochter eine bekannten englischen Fotografen, den tiefen Wunsch, Falknerin zu werden, liest früh entsprechende Bücher, lernt die entsprechende Fachsprache und fliegt tatsächlich eines Tages ihre ersten Falken. Durch ihren Vater, der sie darin bestärkt, lernt sie, zu beobachten, Geduld zu haben und auf sich selbst zu vertrauen. Doch dann stirbt er unvermittelt: aus der tiefen Trauer heraus beschliesst sie, sich der besonderen Herausforderung zu stellen und einen Habicht abzurichten, erwirbt ein starkes, junges Habichtweibchen, dem sie den namen Mabel gibt. Langsam baut sie eine Beziehung zu dem Tier auf und flüchtet dabei mehr und mehr aus ihrem Leben als Historikerin und Autorin.

Plötzlich geschah etwas Neues: statt mich schreckerfüllt anzustarren, begann sie, ihre Umgebung zu inspizieren. Regale, Wände, Boden – alles neu, und alles beäugte sie neugierig mit kleinen Seitwärtsbewegungen ihres Kopfes. Habichtparallaxe, sie schätzte die Entfernungen ab. Sie inspizierte die Decke, die oberste Reihe der Bücherregale darunter, neigte den Kopf, um sich die ordentlichen Teppichfransen genauestens anzusehen. Dann kam der ausschlaggebende Moment. Nicht der, auf den ich gehofft hatte, aber dennoch einer, der mir einen Schauer über den Rücken jagte. Aufmerksam und neugierig betrachtete sie jeden einzelnen Gegenstand im Raum und sah plötzlich – mich. Zuckte zusammen. Genau wie ein Mensch, der von etwas Unerwartetem überrascht wird. Ich spürte das Kratzen ihrer Klauen, fühlte auch ihre Überraschung wie einen kalten elektrischen Schlag. Der Moment. Vor einer Minute war ich noch so furchterregend gewesen, daß außer mir nichts existiert hatte. Doch dann hatte sie mich vergessen. Nur für den Bruchteil einer Sekunde, aber das genügte. Ich war überglücklich, dass sie mich vergessen hatte, denn das bedeutete, dass sie begann, mich zu akzeptieren. Da war jedoch noch etwas anderes, Dunkleres, etwas weniger Offensichtliches: das erregende Gefühl, vergessen worden zu sein (S. 105-106)

MacDonald zieht sich immer mehr von den Menschen zurück und die Beziehung zum Vogel wird immer intensiver: sie taucht ein in dessen Welt und hat selber die Empfindung, wilder zu werden, verbunden mit der tiefen Sehnsucht, in dieser Wildheit ganz zu verschwinden.

Während der Vogel immer zahmer wurde, wurde ich immer wilder. Die Angst war ansteckend. Ungebeten erhob sie sich in meinem Herzen, wann immer Menschen auf uns zukamen. Manchmal war ich mir nicht sicher, ob Mabel abspringen wollte, weil sie sich vor dem, was sie sah, fürchtete oder weil sie meine Angst übernommen hatte. Und noch etwas war auf unseren Spaziergängen geschehen: Wir waren unsichtbar geworden. Die Menschen blieben weder stehen, noch sahen sie uns an, nicht einmal einen Seitenblick warfen sie in unsere Richtung. Allmählich glaubte ich, dass sie uns überhaupt nicht sahen, als bewegten wir uns in einer anderen Dimension, als wären wir – oder sie – Geister. (S. 153)

Doch während sie so abtaucht in ihre zunehmend nur aus dem Habicht und seiner Zähmung bestehenden Welt, nächtelang nicht schläft, ihre Wohnung auflöst und im leerstehenden Haus von Bekannten Unterschlupf findet, kommt die Erinnerung an ihren Vater und das, was er ihr mitgegeben hat, beginnt sie, über das Leben zu reflektieren:

Die Leben, die wir uns vorgestellt haben, begleiten uns wie die, die wir tatsächlich leben, und manchmal wird uns bewußt, wieviele Leben wir verloren haben. (S. 180)

Endlich ist es soweit. MacDonald hat auch mit Hilfe eines anderen Falkners den Vogel soweit, dass er frei fliegen kann. Voller Angst, den Vogel zu verlieren, stellt sie sich der Situation und ist tief berührt, dass der Vogel jedes Mal zu ihr zurückkommt.

Ich hörte mein Herz klopfen. Sah, wie sich der Vogel duckte und flog. Wie sie ihren Sitzplatz verließ, auf mich zugerauscht kam. Mir schlug das Herz bis zum Hals. Sie flog zwar immer noch an der Lockschnur, aber trotzdem hatte ich Angst vor dem Zaudern. Angst davor, dass sie sich erschrecken, abdrehen und wegfliegen könnte. Doch brachten sie die schlagenden Flügel immer direkt zu mir, und jedes Mal fühlten sich ihre Klauen auf dem Handschuh wie ein Wunder an. Jedes Mal. Ich habe mich dafür entschieden, hier zu sein, bedeutete es. (S. 187)

Mit der wachsenden Vertrautheit zum Vogel widmet sich die Autorin auch wieder ihrer Trauer. Durch eine Gedenkfeier und andere notwendige Aktivitäten herausgerissen aus der wilden Vertrautheit mit der Welt des Habichts, kommt sie zwangsläufig immer wieder mit der Welt ausserhalb der ihren, die auf das Wesentliche reduziert zu sein scheint, in Berührung. Sie beginnt, sich mit ihrem Verlust und dem Leben an sich auseinanderzusetzen

Zu einer bestimmten Zeit im Leben erwarten wir, dass die Welt ständig voll von Neuem ist. Dann kommt der Tag, an dem uns bewusst wird, dass das nicht der Fall sein wird. Wir erkennen, dass sich das Leben aus Löchern zusammensetzt. Aus Dingen, die fehlen. Aus Verlusten. Dinge, die einmal da waren und nun nicht mehr da sind. Und wir erkennen, dass wir um diese Lücken herum und zwischen sie hineinwachsen müssen, obwohl wir die Hand ausstrecken und dort, wo die Dinge waren, den öden Raum fühlen, wo jetzt die Erinnerungen sind. (S. 235)

Mit der gelegentlich eindringenden Außenwelt wird auch die Erinnerung an den Vater wieder intensiver, an seine letzten Tage, den plötzlichen Tod und den Abschied von ihm.

Das ist doch gar nicht mein Vater, dachte ich heftig, nachdem die Frau die Tür hinter uns geschlossen hatte. Er ist nicht hier. Irgendjemand hatte einer Wachspuppe, die aussah wie mein Vater, Krankenhauswäsche angezogen und sie mit einer gemusterten Decke zugedeckt. Warum hatten sie das getan? Das ergab keinen Sinn. Es war Unsinn. Ich wollte mich umdrehen und gehen. Doch plötzlich bemerkte ich die Schnittwunde an seinem Unterarm, die nicht heilen wollte, und blieb stehen. Ich musste etwas sagen. Konnte aber nicht. Vermochte es nicht. Denn in meiner Kehle steckte etwas in der Größe einer Faust, dass die Worte abfing und nicht heraus ließ. Panik. Warum konnte ich nicht sprechen? Ich musste mit ihm sprechen. Dann kamen die Tränen. Keine normalen Tränen – sie liefen mir in Strömen über die Wangen und tropften auf den Krankenhausfußboden. Und mit den Tränen kamen auch die Worte. Ich beugte mich über das Bett und sprach zu meinem Vater, der nicht da war. Sprach ernsthaft und behutsam zu ihm. Ich sagte ihm, dass ich ihn liebe und vermisste und immer vermissen würde. Und sprach weiter, erklärte ihm Dinge, an die ich mich jetzt nicht mehr erinnern kann, die damals aber ungeheuer wichtig und dringend waren. Dann war es still. Ich wartete – warum, wusste ich nicht. Bis mir klar wurde, dass ich auf eine Antwort hoffte. Und dann wusste ich, dass es vorbei war. Ich nahm die Hand meines Vaters ein letztes Mal in meine, drückte sie in einem kurzen Abschied und verließ den Raum. (S. 250)

MacDonald geht bald jagen mit dem Habicht und erlebt diese Jagd als ausgesprochen intensiv, als wäre ihr leben reduziert auf etwas Wesentliches, Archaisches. Doch ausgerechnet während der Jagd mit dem Vogel erkennt sie, dass sie ihm Habicht etwas gesucht hat, was er ihr nicht geben kann, dass sie enem Irrtum aufgesessen ist und der Habicht in Wahrheit für etwas ganz anderes steht als dass, was sie in ihm zu erblicken hoffte. Der Monent, in dem sie beginnt, aus ihrem tiefen Schmerz heraus wieder zum Menschsein zurückzufinden.

Ich starre den Habicht an, der den toten Fasan in den Klauen hält, und sie starrt direkt zu mir zurück. Ich bin verwundert – aber was hatte ich denn zu fühlen erwartet. Einen Blutrausch? Grausamkeit. Nein. Nichts dergleichen. Ich bin mit Kratzern von Brombeergestrüpp übersät und spüre einen Schmerz im Herzen, den ich nicht einordnen kann. In der Luft hängt ein mattglämzemder Nebel. Er ist trocken wie Talkumpuder. Ich blicke auf den Habicht, den Fasan, den Habicht. Und plötzlich ändert sich alles. Der Habicht ist kein Symbol eines gewaltsamen Todes mehr. Sie wird zum Kind. Ich bin im tiefsten Inneren erschüttert. Sie ist ein Kind. Ein kleiner Habicht, der gerade herausgefunden hat, wer er ist. Wofür er da ist. (S. 252)

Am Ende findet Helen MacDonald über die Zähmung des Habichts zurück ins Leben. Sie ist wieder sie selbst in all ihrem Schmerz, aber auch in der Bewußtheit, wie zerbrechlich und kostbar das Leben ist, und begegnet auch dem Habicht, der ins einer eigenen Welt lebt, neu und intensiv. Sie lernt, mit dem Verlust zu leben.

Von all den Lektionen, die ich in den Monaten mit Mabel gelernt habe, ist dies die wichtigste: das es da draussen eine Welt voller Dinge gibt – Felsen und Bäume und Steine und Gras und alles, was kriecht. läuft und fliegt. Sie stehen alle für sich, doch wir machen sie uns begreiflich, indem wir ihnen Bedeutungen verleihen, die unsere eigenen Weltanschauungen stützen. In der zeit mit Mabel habe ich gelernt, dass man sich menschlicher fühlt, wenn man erst einmal erfahren hat – und sei es nur in der Fantasie -, wie es ist, nicht menschlich zu sein. Und ich habe auch die Gefahr kennengelernt, die es birgt, wenn man die Wildheit, die wir mit einer Sache assoziieren, mit der Wildheit verwechselt, die ihr tatsächlich innewohnt. Habichte sind mit Tod, Blut und Gewalt verknüpft, aber keine Ausreden für Grausamkeiten. Wir sollten ihre Unmenschlichkeit zu schätzen wissen, weil das, was sie tun, nichts mit uns zu tun hat. […] Ich hatte den Habicht in meine Welt gebracht und dann so getan, als lebte ich in seiner. Jetzt fühlt sich alles anders an: Wir leben glücklich miteinander, aber jeder in seiner eigenen Welt. ich sehe auf meine Hände – sie sind voller Narben. Dünne, weiße Linien. Eine stammt von Mabels Klauen, als sie so wütend, weil hungrig war. Die Narbe ist eine fleischgewordene Warnung. Eine andere stammt von einem Schwarzdorn, als ich mich auf der Suche nach meinem verloren gegangenen Habicht durch eine Hecke kämpfte. Und es gibt noch andere Narben, die aber nicht sichtbar sind. Narben, die sie nicht verursacht, sondern zu heilen geholfen hat. (S. 377-378)

Helen MacDonald ist ein ganz und gar besonderes Buch gelungen. Die intensive Beschreibung der Beziehung zwischen dem Habicht Mabel und ihr gehört zu dem schönsten, was ich je an Naturbeschreibungen gelesen habe und lässt und mit Hilfe der Autorin tief in die Welt aus dem Blickwinkel eines Habichts eintauchen. Gleichzeitig ist es ein Buch über den Tod, die Trauer und dieses eine Leben, das wir haben, mit all seinen Möglichkeiten, all seinen Volten, Verlusten und kostbaren Momenten. Für Helen MacDonald wird die Zähmung von Mabel zu einer mutigen Reise zu sich selbst, die sie offen beschreibt und in elegante Sätze zu stecken weiß.

Dabei gelingt es MacDonald, ihr Thema sanft und fesselnd zugleich zu entwickeln: mit ihrer von Ulrike Kretschmer hervorragend ins Deutsche übertragenen wunderbaren Sprache schafft sie es, ihren roten Faden mit großer Genauigkeit zu ziehen und den Leser mehr und mehr an ihre besondere Geschichte zu fesseln. Ein tief berührendes, hochliterarisches Buch über Habichte, Trauer, Tod und den Zauber des Lebens, den wir nur erkennen, wenn wir die Augen öffnen. Für mich mit Abstand das schönste Buch, das ich in diesem Jahr gelesen habe und eines jener Bücher, die so schwer zu rezensieren sind, weil sie sich einem so tief ins Herz senken.

Zu Helen MacDonald hier noch zwei weitere Links:
The Guardian, 5. November 2014
The Guardian 4. August 2014

13 thoughts on “H wie Habicht / Helen MacDonald. Aus dem Engl. von Ulrike Kretschmer

  1. Pingback: H wie Habicht | Cool Pains

    • Liebe Dina,
      danke für die Komplimente für meinen bescheidenen Rezensionsversuch dieses nachhaltig beeindruckenden Buches, dass dazu auch noch wunderbar übersetzt ist.
      Liebe Grüße aus dem herbstlichen Hamburg von
      Jarg

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  2. Ich muss gestehen, es hat mich gerade sehr gefesselt. Sowohl deine Anmerkungen in der Rezension, Jarg, als auch die Textausschnitte, die du beigefügt hast, lösen den Wunsch nach der ganzen Geschichte aus und überhaupt nach Helen MacDonalds Gedanken, ihrer Gefühlswelt sowie danach mehr über Verhalten des Habichts und ihr Verhältnis zueinander zu erfahren.
    Sehr berührend und intensiv ihre Art Beobachtungen zu beschreiben, sich auszudrücken, zu analysieren, weiterzugeben. Offenbar eine bemerkenswerte Lektüre!
    Ich habe mir den Titel separat notiert …

    Liebe Grüße
    Michèle

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    • Hallo Michèle,
      Dann hoffe ich sehr, dass das Buch dich ebenso trifft und berührt wie mich. Nimm dir Zeit für die Lektüre, denn es ist kein Buch, was sich mal eben so wegliest. Ich habe es oft aus der Hand gelegt, Passagen wiederholt gelesen oder einfach nur pausiert, weil mich etwas berührt hat, ich nachdenken musste oder die Sprache einfach so schön war.
      In diesem Sinne schöne Lektüre und liebe Grüße von
      Jarg

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    • Liebe Maren,
      gerne geschehen und danke für die warmen Worte zu meinem bescheidenen Versuch, diesem wunderbaren Buch auch nur ansatzweise gerecht zu werden! Eine intensive, bereichernde Lektüre wünscht Dir
      Jarg

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