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JeSuisParis – über Ideologie, Terror und Angst

Es war ein so schöner Abend: eine Veranstaltung in der Bibliothek, die trotz vieler Schwierigkeiten im Vorfeld überaus gelungen war, danach eine Party bei einer kürzlich pensionierten sehr geschätzten Kollegin. Dann nahm ich das Taxi zum Bahnhof, stieg in den Zug … und erfuhr von den erschütternden Ereignissen in Paris. Jetzt fahre ich zur Arbeit, aber meine Gedanken sind bei den Menschen in Paris, denen jählings ihr Leben genommen wurde, und bei den Menschen, die dort leben, vielleicht Verwandte, Freunde verloren haben in dieser wahren, bunten und wunderschönen Weltstadt, die jetzt so voller Trauer, Verunsicherung und Entsetzen ist.

Man fragt sich bei diesen leider immer wiederkehrenden Ereignissen stets das Gleiche: was sind das für Menschen, die so etwas tun? Wie ängstlich müssen sie sein, um solche Dinge zu tun und ihre Angst mit Mord und Gewalt abreagieren zu müssen? Was für ein verqueres, simplifizierendes schwarz-weißes Weltbild treibt sie dazu, andere zu töten? Was für eine tiefsitzende Angst vor der Freiheit des Menschen müssen sie haben, wenn sie meinen, sie angreifen zu müssen?

Auch wenn zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch unklar ist, wer genau hinter der Anschlagsserie steckt, scheint es islamistisch motivierter Terror gewesen zu sein. Doch ganz egal, wer letztlich hinter den Anschlägen steckt, die sich gegen die Freiheit richten, und bei allem Entsetzen, aller Trauer und – ja, auch der Wur über diese Feigen Anschläge verblendeter Fanatisten: entscheidend ist unsere besonnene Reaktion. Ich kann sie schon hören, die Eiferer, die die Anschläge zum Vorwand nehmen, gegen Flüchtlinge zu hetzen, Abschottung zu fördern und das alles mit einem dumpfen Nationalismus zu übergießen.

Terroristen wollen genau das: sie wollen, dass wir Angst haben! Sie wollen, dass wir sie so ernst nehmen, dass wir mit massiver Gewalt gegen sie vorgehen und sie damit als Gegner anerkennen. Denn ihre Anschläge sind durchaus wohlkalkuliert und auf bizarre Hinsicht rational, denn sie wollen eine massive Gegenreaktionen von uns. Das macht sie groß, dann fühlen sie sich ernstgenommen als Gegner, das verschafft ihnen Ruhm unter ihren Anhängern. Und wir dürfen nicht zulassen, dass wir das einschränken, was sie so hassen: unsere Freiheit: die Freiheit des Gedankens, der Überzeugung, des Glaubens oder Unglaubens. Dann hätten sie gewonnen, wie sehr gut und fundiert bei Louise Richardsons Klassiker „Was Terroristen wollen nachzulesen ist.

Bei allem Entsetzen, aller Trauer: das darf nicht unsere Reaktion sein. Solche feigen Anschläge erfordern – so schwer das fällt – nüchterne und besonnene Reaktionen: Polizeiarbeit, unaufgeregte, aber konsequente Politik, Diplomatie, die auf das Verbindende gegen Staaten setzt. Auch wenn die Anschläge vermutlich religiös motiviert waren, darf und muss sich unsere Antwort jeglicher religiöser Motivation enthalten. Hier ist nicht DER Islam schuld, den es eh nicht gibt. Europa, die freie Welt muss endlich zusammenstehen und seine nationalen Egoismen und Eitelkeiten, die im den letzten Jahren so überhand genommen haben, überwinden, um besonnen, mit Vernunft und Augenmaß die richtigen Schlüsse aus den Anschlägen zu ziehen und nicht die berechtigte Wut zum Motiv des Handelns zu machen. Lasst uns nicht den Fehler machen, die Angst zum Leitfaden für unser Leben zu machen – denn dann haben sie gewonnen, die Feinde der Freiheit.

Wer jetzt wieder einen Krieg gegen den Terror ausruft, gießt Öl ins Feuer, denn genau das wollen die Terroristen. Wer jetzt gegen das Fremde hetzt, das ihm Angst macht, reagiert genau so, wie es sich die feigen Terroristen erhofft haben. Wer jetzt die Freiheit einschränkt in der vergeblichen Absicht, solche Anschläge zu verhindern, verrät genau die Ideale, für die in Europa so lange gekämpft wurde, für die so viele Menschen auf unserem Kontinent in zwei Weltkriegen gestorben sind. Wer jetzt Waffen in den nahen Osten liefern will (am besten noch zu unseren fundamentalistischen Verbündeten in Saudi-Arabien etc., deren Staatsideologie inhaltlich dem IS kaum nachsteht), riskiert mehr als er gewinnen kann, da Terrorismus nur mit Politik, Polizeiarbeit und Rechtstaatlichkeit zu bekämpfen ist. Wer jetzt die Terroristen zu Monstren verklärt und mit der großen Keule reagiert, macht sie größer, als sie in Wahrheit sind: denn Terroristen sind wie eine fiese, gemeine Variante des freundlichen Scheinriesen aus Michael Endes „Jim Knopf“: sie werden kleiner, je näher man sie sich betrachtet – und werden am Ende zu dem, was sie in Wirklichkeit sind, nämlich ängstliche Menschen, die sich vor der unbegrenzten Freiheit menschlichen Denkens fürchten, Menschen, die nie wirklich erfahren haben, was Liebe und Freundschaft ist, armselige Würstchen schlichten Gemütes, deren Überzeugungen so schwach sind, dass sie es nicht ertragen können, das jemand etwas anders sieht als sie und die nie erlebt haben, wie tief die Bedeutung dieser drei Worte für ein glückliches, erfülltes Leben sind: Liberté, Égalité, Fraternité – Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit.

Je Suis Paris! Nous sommes unis!

Jarg

20 thoughts on “JeSuisParis – über Ideologie, Terror und Angst

  1. Pingback: [Die Sonntagsleserin] November 2015 | Phantásienreisen

    • Danke für das Verlinken. Hoffen wir gemeinsam, dass nicht die gleichen Fehler gemacht werden wie nach 9/11 in diesen emotionsgeladenen explosiven Zeiten. Herzlich grüßt Jarg

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  2. Danke! Du sprichst mir aus dem Herzen.

    Und so furchtbar die Ereignisse in Paris auch gewesen sind, habe ich doch keine Angst vor Terroristen. Vielmehr wird es mir bang, wenn ich sehe, was für Ansichten sich zunehmend in Deutschland breit machen – der Hass gegen Flüchtlinge, Menschen, die den Holocaust leugnen, Menschen, die Rassismus als „natürlichen Instinkt“ bezeichnen (genauso gerade in den Kommentaren unter einem Presseartikel gelesen) …

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    • Das eben ist die Gefahr: jetzt kommen aus allen Ecken einfache Antworten. Und die gibt es nicht. Der Kampf gegen Terror wird nicht mit Waffen zu gewinnen sein – und er wird dauern. Trotzdem: wir sollten weiter am Leben Spaß haben. Denn auch den wollen sie uns ja nehmen, diese Männer, die mit der Vielfalt menschlichen Lebens und der Gedankenfreiheit nicht klarkommen und ihre Ängste damit bekämpfen, dass sie andere töten.

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      • Ja, jetzt schlaegt die Stunde all derer mit den „einfachen“ Antworten. Auch mir draengen sich immer wieder welche auf, und doch weiss ich, dass es keine gibt. Was ich derzeit fuehle, ist eine Mischung aus Trauer, Verzweiflung und (ohnmaechtiger) Wut. Was ich aber nicht will, ist resignieren und die Hoffnung aufgeben. Da stimme ich mit Dir vollkommen ueberein: ich will weiter am Leben Spass haben (koennen). Mein Motto, nicht nur jetzt im Augenblick: „We shall overcome!“

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      • Ja, unbedingt. Es gilt, die Gemeinsamkeiten zu suchen, über den Tellerrand zu blicken. Egal, was einer glaubt oder nicht glaubt – letztlich haben wir alle nur dieses eine Leben, streben alle nach Glück, Liebe, Freudnschaft. Ich glaube fest daran, dass eine Welt möglich ist, in der nicht mehr wichtig ist, was einer glaubt, sondern in der wir uns vor allem als Menschen begegnen. Aber sicher: das wird dauern.

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  3. Hallo Jarg,
    ob wir je eine angemessene Antwort/Reaktion finden werden? Nicht nur im Augenblick bin ich da sehr skeptisch.
    Hab‘ ein feines Wochenende, trotz dieser schrecklichen Ereignisse,
    Pit

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    • Hallo Pit,
      ja, die Antwort auf all die Fragen die jetzt aufgeworfen werden, sind nicht leicht zu finden. Aber wenn wir nicht wollen, dass die offene Gesellschaft Opfer des Terrors wird, werden wir Antworten finden müssen, die nachhaltig sind. Dazu gehört, in die Bildung zu investieren, die Ungerechtigkeiten abzubauen, die auch in unseren Gesellschaften enorm zugenommen haben. Und natürlich gehört dazu auch Polizeitarbeit, ein funtionierendes, faires Rechtsystem und eine Politik, die versucht, national und international die Bedingungen, die zu Terror führen, zu ändern.
      Ich fürchte bloß, das jetzt erstmal die Falken gewinnen – und die Rüstungsindustrie sich freuen wird, wenn wir wieder überall Waffen einsetzen oder sie in Krisengebiete verkaufen. Keine leichte Zeit … aber die Lust auf das Leben sollten wir uns jetzt erst recht nicht nehmen lassen!
      Auch Dir ein schönes Wochenende
      Herzlich
      Jarg

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  4. Pingback: Nenne mich naiv |

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