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Oma lässt grüssen und sagt, es tut ihr leid : Roman / Fredrik Backman

Die größte Macht des Todes ist nicht, dass er Menschen sterben lassen kann, sondern dass er die Menschen, die zurückbleiben, dazu bringen kann, nicht mehr leben zu wollen. (S. 273)

Elsa steht kurz vor ihrem achten Geburtstag, ist sehr schlau für ihr Alter, hat alle Harry-Potter-Romane gelesen, stöbert gerne in der Wikipedia und liebt Superhelden. In der Schule ist sie nicht besonders beliebt und allgemein eher einsam. Zum Glück hat sie ihre 77jährige Oma, eine ehemalige Ärztin, die recht chaotisch ist, wenn es sein muss auch mal in den Zoo einbricht, es mit Rechtschreibung nicht so genau nimmt und die Nachbarn im Haus in den Wahnsinn treibt. Oma und Elsa heben eine Geheimsprache – und vor allem hat Oma für Elsa ein fantastisches Märchenreich namens „Land-Fast-Noch-Wach“ erfunden, in das Elsa kurz vor dem Einschlafen abtauchen kann, wenn die wirkliche Welt ihr zuviel wird. Im Gegenzug lernt Oma von Elsa etwa, wie man World of Warcraft spielt.

Doch dann stirbt Oma und lässt Elsa allein und wütend zurück mit nichts als der Aufgabe, auf die Suche nach Briefen zu gehen, diese zu verteilen und ansonsten gegen das Böse zu kämpfen und das Schloß zu verteidigen. Auf ihrem Weg lernt Elsa, dass Oma andere Seiten hatte, die sie zum Teil gar nicht mag. Nach und nach stellt sich auch heraus, dass die Bewohner im Haus ihre Geheimnisse haben und mehr miteinander zu tun haben, als es den Anschein hat. Die Briefe, die Elsa findet und austrägt, verändern alles und am Ende verändert sich auch Elsa Blick auf die reale Welt, das Leben und den Tod.

Ein Bestseller, der gleichzeitig vom deutschen Feuilleton gnadenlos zerrissen wird: Zum Glück wusste ich beides nicht, als ich nach diesem Buch griff und rasch von der Geschichte bezaubert war. Es ist eine dieser Geschichten, bei denen man oft nicht weiß, ob man lachen oder weinen soll.

Es ist schwer zu beschreiben, worin der Zauber des Buches besteht: zuweilen fühlte ich mich an „Garp“ oder das „Hotel New Hampshire“ erinnert, zum Teil tatsächlich an Geschichten der vom Autor sehr verehrten Astrid Lindgren. Die für Elsa so wichtige Oma – ihre beste Freundin – macht es dem einsamen Scheidungskind leichter, mit dem Unbill des Lebens umzugehen, indem sie die reale Welt in den erzählten, gedanklich gemeinsam mit Elsa durchreisten Märchenwelten verwandelt und so für die Siebenjährige nicht nur einen Fluchtpunkt schafft: durch die Schatzsuche scheint sich in der Vorstellungswelt Elsas die Märchenwelt mit der realen Welt zu verbinden, was zugleich bedrohlich und bedrückend ist: plötzlich ist da ein Wors, riesig wie ein Eisbär und unerhört flink, sind Schatten da und Wolfsherz, der in die Wälder geflohen ist. Am Ende hilft das alles aber dem Kind aber hilft, zu einer eigenen Sicht der Welt zu finden, sich aus seiner Einsamkeit zu befreien und den Tod als Teil des Lebens in seine Gefühls- und Vorstellungswelt integrieren zu können und seine reale Welt zugleich verändert ist.

Vermutlich ist es dieser Teil, der einige Leser und Kritiker gestört hat, die offensichtlich weder in der Lage waren, sich in die Gedankenwelt eines Kindes hineinzuversetzen noch nachzuvollziehen, warum dieser Roman gerade für Erwachsene so ein wunderbarer Spiegel ihrer abgeklärten, aber starren Welten sein kann: wenn etwa vom „Jetzter“ die Rede ist, fühlt man sich als Erwachsener und Kindsvater sofort ertappt, handelt es sich doch um

[…] ein Urzeitmonser, das will, dass alles auf der Stelle passiert. […] Der Jetzer hasst Kinder, weil Kinder sich weigern, die Lüge des Jetzter zu akzeptieren, dass Zeit linear sei. (S. 286)

Backman zeichnet dabei einige wunderbare Charaktere wie die ewig Traumkekse backende Maud, den mürrischen Taxifahrer Alf oder das Monster, dass sich als bärtiger, Elsa beschützender großer Mann entpuppt. Und er lässt Elsa einige überaus vernünftige Schlüsse über das Leben an sich stehen – darüber, was von uns bleibt, wenn wir gehen (Schallendes Gelächter) und das es Kekse gibt, weil das Leben kompliziert und einfach zugleich ist. Und das man Angst am besten bekämpft, indem man über sie lacht.

Ein wundervolles, humorreiches Buch, melancholisch und warmherzig zugleich für alle, die wissen, das Kleiderschränke innen größer sein können als außen. Viel größer.

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6 Kommentare zu “Oma lässt grüssen und sagt, es tut ihr leid : Roman / Fredrik Backman

  1. Guten Morgen, Jarg,
    ich habe mir das Audio Buch in der Onleihe zurücklegen lassen. Ich kann es dann am 10.1.2017 hören. Ich musste zweimal bei diesem Termin schauen…. offensichtlich wird die Onleihe sehr gut angenommen.
    Den Mann Namens Ove konnte ich mir gleich ausleihen. Das habe ich auch getan, obwohl ich gerade noch einen Krimi höre. Was man hat, hat man 🙂
    Danke für den Tip und einen schönen Donnerstag von Susanne

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    • Liebe Susanne,
      gern geschehen! Ja, die Onleihe hat so ihre Engpässe, wenn Titel viel nachgefragt werden und nicht genug Lizenzen zur Verfügung stehen, weil jede Lizenz extra kostet. 10.1 ist aber schon ganz gemütlich …. es gibt Onleihen, da dauert es länger …
      Ein zauberisches Wochenende wünscht Dir
      Jarg

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      • Du hast sicher nicht gesehen, dass es der 10.1.17 ist – also noch über ein Jahr dauert 🙂
        Aber ich höre inzwischen „Ein Mann namens Ove“ und bin begeistert und habe gelächelt, gelacht und geweint! Dann hat ein Buch schon eine wesentliche Funktion erfüllt.
        Einen schönen Donnerstag von Susanne

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      • Wie bitte? Ein Jahr?? Da sollten die Kollegen vor Ort aber mal dran schrauben und Lizenzen nachkaufen. Bei uns sind es derzeit 48 Tage!!
        Ein Mann namens Ove muss ich jetzt dochmal lesen: als es auf meinem Tisch lag, kam es auf den Kann-Stapel. Schätze, ich krame es wieder vor!
        Einen zauberhaften Donnerstag wünscht Dir
        Jens

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    • Gern gschehen! Manchmal ist es ja ganz gut, dass Feuilleton NICHT zu lesen: weil man dann Bücher liest, die man sonst leider NICHT gelesen hätte, und Bücher NICHT liest, die man sonst gelesen hätte, weil sie im Feuilleton aus nicht nachvollziehbaren Gründen hoch in den Himmel gelobt wurden.

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