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Über die Toleranz / Voltaire

„Was soll man einem Menschen entgegenhalten, der sagt, er wolle lieber Gott als den Menschen gehorchen, und daher überzeugt ist, in den Himmel zu kommen, wenn er einem den Hals abschneidet?“

Die Philosophie , sie allein, diese Schwester der Religion, hat die Hände entwaffnet, die durch den Aberglauben solange von Blut trieften. Der Menschenverstand erstaunte beim Erwachen aus seiner Trunkenheit über die entsetzlichen Dinge, zu welchem ihm der Fanatismus verleitet hatte. (S. 67)

Intoleranz und Fanatismus scheinen ja in Anbetracht fundamentalistischer Salfisten-Prediger in westlichen Ländern, islamistisch motivierter Anschläge oder dem Morden des Daesh (manchmal auch IS genannt) ein Zeichen unserer Zeit zu sein. Schaut man aber zurück in die Geschichte, erkennt man schnell, dass es extremistische Ansichten und Glaubensauslegungen schon immer gegeben hat – auch in westlichen Gesellschaften und durchaus nicht nur im Mittelalter. Voltaire, der seinerzeit durchaus nicht unumstrittene französische Philosoph, Schriftsteller, Gesellschafts- und Kirchenkritiker, nahm in den 170er Jahren entsetzt Kenntnis von einem religiös motivierten Justizmord: aus diesem Anlass schrieb er seinen Essay „Über die Toleranz“, der nach den Anschlägen auf die Redaktion von „Charlie Hebdo“ in Paris in Frankreich als Produkt der Aufklärung erneut in den Fokus der öffentlichen Diskussion genommen wurde. Aus diesem Anlass wurde er auch erstmals seit 1949 wieder auf Deutsch verlegt.

Was ist Toleranz? Sie ist die Menschlichkeit überhaupt. Wir sind alle gemacht aus Schwächen und Fehlern; darum sei es ein Naturgesetz, daß wir uns wechselseitig unsere Dummheiten verzeihen. (S. 31)

Voltaire, dessen Position zur Kirche und zum Glauben ein wenig unbestimmt erscheint (die katholische Kirche hielt ihn für einen Atheisten, er selbst verweigerte die Sterbesakramente, bezog aber durchaus eine deistische Position), nimmt den in dem Buch ausführlich beschriebenen Justizmord, der später juristisch aufgearbeitet wurde und sein Opfer posthum rehabilitierte, zum Anlass, sich mit gewohnt scharfsinniger Analyse dem Fanatismus insbesondere religiöser Prägung zu widmen. Dabei versucht er, das Gebot der Toleranz auch aus den Schriften der Religionen und aus historischen Bezügen abzuleiten. Vor allem aber zeigt er auf, das Intoleranz und Fanatismus aus Dummheit und einer bornierten Lebenshaltung erwachsen, die die eigenen Überzeugungen als Maß aller Dinge nimmt.

Für Voltaire stellt sich Religion dann in Frage, wenn sie auf der Basis des postulierten Glaubens zum Mord an Andersgläubigen aufruft. Im Gegensatz dazu setzt er die Freiheit des Gedankens und der Überzeugungen. Die Intoleranz aber findet er gleichsam überall und auch bei den Christen und zeigt die nicht selten drastischen und weitreichenden Folgen von Entscheidungen auf, die aufgrund religiös motivierter Intoleranz fallen. Er zeigt aber auch, wo Toleranz endet:

Wenn eine Regierung nicht das Recht haben soll, die Irrtümer der Menschen zu bestrafen, so müssen diese Irrtümer keine Verbrechen sein. Dies sind sie, sobald sie das Wohl der menschlichen Gesellschaft stören. Dieses Wohl stören sie, sobald sie Fanatismus einflößen. Die Menschen müssen also vor allen Dingen keine Fanatiker sein, wenn sie der Toleranz wert sein wollen. (S. 164)

Weiterhin ein aktuelles, wichtiges Buch, dessen Wiederentdeckung lohnt angesichts der religiösen und ideologischen Fundamentalisten unserer Zeit.

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