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Brief an die Heuchler: Und wie sie den Rassisten in die Hände spielen / CHARB

Der Hinweis, man könnte über alles lachen, außer über einige Aspekte des Islam, weil die Muslime viel empfindlicher reagieren als der Rest der Bevölkerung, ist doch nichts anderes als Diskriminierung. (S. 43)

Nach den Anschlägen auf „Charlie Hebdo“ waren ja wieder vermehrt Stimmrn zu hören, die der Freiheit der Kunst und der Satire Grenzen setzen wollen: gerade die Karikaturen in „Charlie Hebdo“ oder auch Jyllands Posten würden ja schließlich die Gefühle von Muslimen verletzen und damit die Stimmung erst aufstacheln. Charb, Chefredakteur von „Charlie Hebdo“, der diesen Text erst zwei Tage vor seiner Ermordung fertigstellte, schreibt gegen dieses vorschnelle Urteil an und entlarvt es als das, was es ist: verdeckter Rassismus. Vehement wendet er sich dagegen, Muslime und ihre religiösen Symbole anders zu behsndeln als Christen, Juden oder Buddhisten.

Dabei macht er auch an Beispielen nochmal deutlich, dass sich die Karikaturen von Charlie Hebdo niemals gegen
Muslime als solche gerichtet haben, sondern deutlich erkennbar etwa den Missbrauch des Islam durch Terroristen verbildlichen und mit dem Mittel des Humors entlarven. Stattdessen wird aber insbesondere von links denkenden bürgerlichen ein besonderes Schutzbedürfnis von Muslimen postuliert, denen man abspricht, solche Karikaturen selbst im gesetzten Kontext interpretieren zu können – eine besonders perfide Fotm von Rassismus, wie Charb überzeugend darlegt. Deutlich wird auch, wie in Frankreich dubiose fundamentalistische Initiativen auf dieser Welle reiten und darauf etwa – stets im Sande verlaufende – Strafanzeigen gegen „Charlie Hebdo“ wegen „Gotteslästerung“ aufbauen. Interessanterweise reicht die Bandbreite der Anti-Islamophoben von den Gegnern satirischer Zeitschriften bis zu denen, die das Miteinander der Religionen auf ihre Fahnen geschrieben haben.

Dabei macht er deutlich, dass die angebliche Islamophobie ein modernes Märchen ist, sich die tatsächliche und in Frankreich durchaus heftige Diskriminierung von Migranten aus Afrika und Arabien in Frankreich nicht gegen ihre Religion richtet, sondern ethnisch motiviert ist. Kritik an Religion kann laut Charb niemals Rassismus sein und muss im aufgeklärten Zeitalter möglich sein auch in Form der satirischen Zuspitzung. Scharf argumentiert er gegen Initiativen, die Gotteslästerung unter Strafe stellen und verurteilt die bigotte Haltung des bürgerlichen Lagers, das im vermeintlich notwendigen Kampf gegen die nicht existierende Islamophobie eine Chance sieht, Gesetze zu verschärfen – statt wirklich etwas für Integration und Chancengleichheit zu tun.

Am Ende wird deutlich, dass nicht die Karikaturen das problem sind, sondern die Menschen, die sie für ihre Zwecke mißbrauchen. Klar macht er auch, dass kein Atheist wegen Karikaturen über Atheisten einen derartigen Zinnober machen würde: atheistischen Terrorismus gibt es nicht in der Welt. Atheisten gehen erst dann vor Gericht, wenn sie wegen ihren Unglaubens keinen Arbeitsplatz bekommen – auf der Basis derselben rechte, die auch einem Muslim erlauben zu klagen, wenn er aufgrund seines Glaubens keinen Job bekommt: „Keine Diskriminierung wiegt schwerer als die andere“. Herzlich lädt er ein, sich auch über Atheisten lustig zu machen – die auf der anderen Seite oft die ersten sind, die sich gegen die Zerstörung vermeintlich blasphemischer Kunst- und Bauwerke durch Islamisten wenden. Religionszugehörigkeit ist für Charb nicht unser Problem – sondern die ganz alltägliche Diskrimierung, der ganz alltägliche Rassismus.

Charbs kleine und inhaltlich so wortstarke Schrift ist ein flammendes, geschliffen geschriebenes und sarkastisches Plädoyer für die Meinungsfreiheit jedes Menschen, das den Ideologen sowohl des extremistischen Lagers als auch den gutmeinenden, auf ihre Wiederwahl schielenden politischen Akteuren schonungslos den Spiegel vorhält – und auch gerade nach den Novemberanschlägen von Paris hochaktuell bleibt.

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