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Über den Winter : Roman / Rolf Lappert

Eine Weile stand er da und sah auf das helle Rechteck, das sich vom Rest der Wand abhob, hörte das leise Knarren des Parkettbodens im Wohnzimmer und das unendlich weit entfernte Geräusch der Welt vor den Fenstern. Er meinte das Gewicht des Gebäudes auf sich zu spüren, das Gewicht all der vergeblichen Worte, die darin gefallen waren, die Last der enttäuschten Hoffnungen, das schwerwiegende Glück, das am Ende des Tages so leicht war, dass es verflog. Er fühlte die Anwesenheit seines Vaters, der über ihm am Küchentisch saß und mit einem Bleistift sorgfältig kleine Buchstaben in Quadrate schrieb und gegen das Vergessen ankämpfte, indem er sich an Surinam erinnerte, obwohl er nie dort gewesen war, und an Maniok, das er nie gegessen hatte. Während er im Türrahmen stand, dem angeblich sichersten Ort beim Einsturz eines Hauses, drückte das riesige Dach auf ihn, und jeder Balken war ein falscher Entschluss, jeder Ziegel ein nicht getaner Schritt ins Freie. (S. 356)

Als Lennard Salm, weltweit erfolgreicher Konzeptkünstler, vom Tod seiner älteren Schwester erfährt, reist er fast widerwillig nach Hamburg zu seiner Familie, mit der er den Kontakt so weit es ging über viele Jahre auf das Notwendigste beschränkt hat. Doch statt rasch wieder in das eigene Leben zurückkehren zu können, verliert er in den folgenden Wochen das Gefühl dafür, was das eigentlich ist und beginnt zu zweifeln. Auch um ihn herum ist alles in Veränderung: seine jüngere Schwester Billie wird arbeitslos, sein Vater immer hilfsbedürftiger. Trotzdem scheint er ihnen und seiner Familie wieder näher zu rücken, obwohl ihm sein eigenes Leben zusehends fremder wird und er die Distanz zur Mutter trotz Versuchen ihrerseits nicht zu überwinden vermag. Als dann noch mitten im winterlich kalten Hamburg ein herrenloses Pferd in seine Obhut gerät, gerät Salms Welt ins Wanken und eine Kette von kleinen, nachhaltig wirkenden Ereignissen ins Rollen, die ihn alles in Frage stellen lässt: von seinem Mäzen über das New Yorker Atelier bis hin zum Künstlersein selbst. So trifft er am Ende eine Entscheidung, ohne zu wissen, wohin sie ihn führt …

Rolf Lappert hat mich vor Jahren mit „Pampa Blues“ begeistert und legt mit „Über den Winter“ ein tief berührendes, melancholisches Buch über einen Mann in seiner Lebensmitte vor, über Familie, Resignation, Verweigerung und die tiefe, fast aussichtslose Sehnsucht nach etwas anderem, das sich kaum benennen lässt.

Lennard Salm mag einem flüchtigen Leser als tragische Figur erscheinen, die in manchen Momenten die falschen Entscheidungen zu treffen scheint. Und doch spürt man rasch, wie einer am Rad des Lebens und an der Ritualisierung des Alltags und des Kunstbetriebs müde geworden ist und sich radikal selbst in Frage stellt. Salm taucht tief ein in die eigene Familiengeschichte, verliert sich darin und entdeckt doch darin Dinge, die ihm verborgen geblieben waren und ein anderes Licht auf sein Leben und das seiner über die Jahre auseinandergefallenen Familie werfen.

Das Buch überzeugt mit seiner schönen Sprache, der großen Empathie Lapperts für seinen Protagonisten und die Nebenfiguren und die atmosphärisch dichten Schilderungen: fast meint man den Schnee fallen zu hören, der tiefe Melancholie des Buches mit einer dämpfenden weißen Schicht überzieht. Es geschehen keine großen Dinge in diesem Buch: eher scheinen es die kleinen Begebenheiten, die kleinen Ereignisse und Dinge zu sein, die hier tiefere Bedeutung bekommen in dieser Familie voller gescheiterter Träume und Sehnsüchte. Ein tief berührendes Buch, das an manchen Stellen wunderbar absurd ist und am Ende seiner Hauptfigur einen sanften, mit leiser Hoffnung verbundenen Aufbruch ins Ungewisse gönnt, wie er schöner und poetischer selten beschrieben wurde.

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