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Das Licht der letzten Tage : Roman / Emily St. John Mandel

Die Hölle ist die Abwesenheit von Menschen, nach denen man sich sehnt. (S. 177)

Erst wollen wir nur gesehen werden, aber sobald wir gesehen werden, reicht uns das nicht mehr. Danach wollen wir, dass man sich an uns erinnert. (S. 227)

Ein Abend im Theater in Toronto: Arthur Leander, ein berühmter Schauspieler bricht mit Herzinfarkt auf der Bühne zusammen, ein Zuschauer versucht, ihn zu reanimieren. Ein etwa 10jähriges Mädchen, das bei der Aufführung mitspielte, steht verstört am Rand. Innerhalb weniger Wochen nach diesem Ereignis rafft eine Grippe-Pandemie fast die gesamte Menschheit dahin und es geschieht, was niemand vorher zu ahnen wagte: die gesamte Zivilisation mit all ihren technischen und gesellschaftlichen Errungenschaften bricht zusammen und die Menschheit fällt zurück in ein vortechnisches Zeitalter. Jene, die damals jung waren oder nach dem Ausbruch der Krankheit geboren wurden, können sich kaum vorstellen, dass es einmal Internet gab, Mobiltelefone, Fernsehen und Flugzeuge.

Jetzt, fast zwanzig Jahre nach der Pandemie, schlägt sich eine Truppe von Schauspielern und Künstlern im nordamerikanischen Gebiet der Großen Seen als „Fahrende Symphonie“ durch das Land, führt Shakespeare-Stücke und Musik auf. Unter ihnen ist Kirstin, das Mädchen aus der Aufführung in Toronto, die mittlerweile erwachsen ist und mit der eingeschworenen Gemeinschaft durch ein von Menschen entleertes Land reist, in dem das Gesetz des Stärkeren gilt und nur der Zusammenhalt überleben lässt.

In zahllosen, den größeren Teil des Buches ausmachenden Rückblenden gleitet die Geschichte zurück zu der Zeit vor und unmittelbar nach der Pandemie und beleuchtet das Leben der heutigen Überlebenden damals – und das jener, die schon längst verstorben sind. Immer wieder verschränken sich Vergangenheit und Gegenwart über die Person Arthur Leanders, jenes auf der Bühne gestorbenen Schauspielers. Dabei liegt der Fokus des Buches weniger auf dem Überlebenskampf der Protagonisten und dem apokalyptischen Szenario, sondern vielmehr darauf, was nach Verlust aller Technik, aller zivilisatorischen Errungenschaften bis hin zu Medizin, Recht und Gesetz an Menschsein, an Menschlichkeit übrigbleibt. So webt die Autorin ohne viele Actionelemente ein melancholisch schimmerndes, komplexes Gewebe zwischen verschiedensten Protagonisten, in dessen Mittelpunkt als verbindendes Element die Figur des Arthur Leander steht.

Mit großer Empathie zeichnet St. John Mandel ihre Protagonisten und vermeidet die Klischees des Genres gänzlich. Dabei zeigt sie nicht nur überzeugend, was verloren geht, wenn sich die Zivilisation plötzlich und ohne Vorwarnung verabschiedet, sondern auch, was bleibt, wenn Menschen sich erinnern und versuchen, das wenige Gebliebene zu bewahren, das für sie den Kern des Menschseins ausmacht und über das harte Sein hinwegtröstet – und was erst sichtbar wird, wenn die Zivilisation zusammenbricht und damit alles störende, was zwischen dem Menschen und seiner natürlichen Umwelt steht. Dabei findet sie eindrückliche Bilder und Stimmungen – etwa jene vom Zivilisationsmuseum in verlassenen Terminal eines Flughafens, in das sich einige Dutzend Überlebende geflüchtet haben.

Ein wunderbares Buch, das trotz der Düsterkeit des Themas und dem tiefmelancholischen Grundton tief zu bewegen vermag und seine Geschichte auf sprachlich hohem Niveau erzählt. Trotz der Schwere des Themas allen sehr empfohlen, die Literatur zu schätzen wissen, die zum Kern des Menschseins durchzudringen versucht und dabei noch spannend zu lesen ist.

6 thoughts on “Das Licht der letzten Tage : Roman / Emily St. John Mandel

      • Ja, man kann unmöglich alles lesen, gucken, hören. Wir Bibliothekare versuchen ja seit Jahren, tariflich abgesicherte Erschwerniszuschläge zu bekommen, weil wir nur einen Bruchteil der an uns vorbeiziehenden Neuheiten wirklich lesen können. Klappt leider nicht. Damit wir uns wenigstens trotz der nicht zu bewältigenden Medienfülle gut fühlen, widersprechen wir dem Kundeneindruck, dass wir jedes Buch im Haus gelesen haben, grundsätzlich nie und tun alles, damit dieser Mythos vom alleswissenden Bibliothekar erhalten bleibt, indem wir auch über unkonsumierte Medien schlau schwätzen können. Aber passt, nicht weitersagen.

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  1. Hab deine Rezension jetzt noch nicht gelesen. Das Buch hat sich endlich fast ganz nach oben auf meinem SUB vorgearbeitet und ich habe mich schon lange nicht mehr sooo auf ein Buch gefreut. Danach lese ich deine und ein paar andere Rezensionen, die ich bereits gesehen habe🙂

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