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Zivilisierte Verachtung : eine Anleitung zur Verteidigung unserer Freiheit / Carlo Strenger

Im Zeitalter der Globalisierung kommen wir nicht umhin, die Kulturtechnik, Kränkungen zu ertragen, weltweit als Garant des friedlichen Zusammenlebens zu fördern, aber auch einzufordern. (S. 82)

Die Grundthese dieses Essays ist, das mit dem Insistieren auf der politischen Korrektheit ein fundamentales Prinzip der Aufklärung über Bord geworfen wird, nämlich das nichts und niemand über Kritik erhaben sein darf. (S.18)

Es gibt Bücher, die Treffen ihre Zeit ins Mark. Eines dieser Bücher ist der Essay „Zivilisierte Verachtung“ von Carlo Strenger. Der Autor ist ein in Tel Aviv lebender schweizerisch-israelischen Professor für Psychologie und Philosophie, der sich mit den Auswirkungen der Globalisierung auf die Psyche und mit politischer Philosophie befasst und dabei auch die durch kognitive Verzerrungen beeinflusste Meinungsbildung untersucht.

Fundiert und anhand zahlreicher aktueller Beispiele plädiert er dafür, endlich wieder zurückzufinden zu den Werten der Europäischen Aufklärung und Abstand zu nehmen von >einer alles relativierenden Kultur der politischen Korrektheit, die es Demagogen wie Putin und Le Pen oder den rechten Demagogen von Pegida bis AfD erst ermöglicht hat, sich zu den Verteidigern des „Abendlandes“ aufzuschwingen und die etablierten demokratischen Parteien vor sich herzutreiben. Dabei hält er auch der europäischen und amerikanischen Linken den Spiegel vor, die sich davor scheut, Dinge in anderen Ländern beim Namen zu nennen, wenn sie den eigenen Werten widersprechen.

Die von Strenger  kritisierte Haltung ist nicht neu: schon zur Zeiten der Fatwa gegen Salman Rushdie, die ihn immerhin mit dem Tod bedrohte, tat sich der internationale Autorenverband P.E.N. zunächst schwer, sich mit Rushdie zu solidarisieren. John Le Carre wandte sich damals in einem Zeitungsartikel gegen eine Veröffentlichung der „Satanischen Verse“ mit der Begründung, sie beleidigten eine großartige Religion .

Schon die Rushdi-Affäre hat uns gelehrt, dass zu viel Verständnis für religiöse Empfindlichkeiten die falsche Taktik ist: Wenn Kollektive, ob es sich dabei nun um Muslime handelt, die sich durch Karikaturen verletzt fühlen, oder um ultraorthodoxe Juden, die Frrauen hinauswerfen, die sich im Bus nicht nach hinten setzen wollen, zu dem Schluss gelangen, dass sie mit Gewalt ihre Ziele erreichen können, ist die liberale Grundordnung insgesamt bedroht (S 82).

Carlo Strenger bleibt jedoch nicht in der Gegenwart und jüngsten Vergangenheit, sondern führt uns in seinem Essay auch zurück in die Geschichte der Aufklärung und damit an die Wurzel dessen, was den Aufstieg des Westens zu einer auch wirtschaftlich starken Weltregion begründete. Das Toleranzprinzip gegenüber den Religionen ist dabei in seinen Augen untrennbar verbunden mit dem wissenschaftlichen Erkenntnisfortschritt des 19. Jahrhunderts, der traditionelle, früher wörtlich genommene Welterklärungsansätze rasch als wenig substantiell entblösste. Erst durch diesen Erkenntnisfortschritt konnte die bis zum Ende des 18. Jahrhunderts noch exotische Idee von der Toleranz weithin Fuss fassen, die Gesellschaft verändern und zu einer weitgehenden Trennung von Kirche und Politik führen.

Das Toleranzprinzip gründet auf drei Pfeilern: erstens im Zurückdrängen religiöser [… ] Autoritäten in weltlichen Fragen, zweitens auf den Prinzipien der Freiheit und Autonomie […] und drittens auf der Überzeugung, dass keine Form der Kritik durch Repressalien zum Schweigen gebracht werden durfte. (S.34)

In diesem Zusammenhang kritisiert er auch Horkheimer und Adorno, die die Aufklärung als Wegbereiter des Faschismus sahen, und weist nochmal darauf hin, dass diese These längst widerlegt ist: der Faschismus entstand aus dem Grundgedanken der politischen Romantik, der „Volk, Kultur und Boden als heilige Dreifaltigkeit der Nation“ sah und sich mit der Idealisierung einer naturgegebenen, bodenständigen Gemeinschaft gegen die Modernisierung zu wehren suchte (vgl. S. 85).

Carlo Strenger legt überzeugend dar, dass wir vehement und global für eine Kultur der Kritik eintreten müssen, die es möglich macht, Dinge beim Namen zu nennen, auch wenn sich das Gegenüber dadurch brüskiert fühlt. Auf diesem Grundprinzip beruht die Freiheit der Kunst und der Satire – wenn wir es einschränken aufgrund eines historisch bedingten Schuldkomplexes, verraten wir die Werte, die wir uns mit der Aufklärung erkämpft haben. Werte, die so sehr für Europa und den Westen stehen, dass Menschen ihretwegen zu uns fliehen, weil sie in ihren Heimatländern aufgrund ihres Glaubens oder ihrer politischen Ansichten massiv bedroht sind.

Der Geist der Kritik, das Beharren auf individueller Autonomie, , die Ablehnung jeder Autorität, die sich weigert, sich vertraglich zu binden oder diskursiv zu legitimieren, und das Recht auf den „aufrechten Gang“ sind Ideen, die zwar im Westen formuliert wurden, die aber nicht essentiell an bestimmte Ethnien, Hautfarben oder Religionen geknüpft sind […]. Die Ideologie der politischen Korrektheit hat jedoch dazu geführt, dass weite Teile der europäischen und amerikanischen Linken diese Grundpfeiler der Aufklärung nicht länger selbstbewußt und voller Stolz verteidigen. Stattdessen kasteit man sich wegen der Sünden, die der Westen in der Vergangenheit zweifellos begangen hat, permanent selbst. Im Endeffekt läuft das darauf hinaus, dass die Verteidigung unserer Kultur an die politische Rechte outgesourct wird (S. 17-18).

Strenger, der sich selbst als säkularen Atheisten bezeichnet, ist ein beeindruckendes Buch gelungen, das am Nerv der Zeit rührt und weite Beachtung verdient. Der „Ärztetest“, den er im Buch beschreibt, sollte zum Standard werden für die verantwortliche, nüchterne und auf Fakten statt Mutmassungen und Gerüchten beruhende Meinungsbildung. Sein ebenso leidenschaftlicher wie fundierter Essay gehört für mich in diesen unruhigen Zeiten, in denen uns das freie Europa um die Ohren fliegt und zu kollabieren droht, zu den Büchern, die Wegweiser sein können und über ihre Zeit hinausreichen.

10 thoughts on “Zivilisierte Verachtung : eine Anleitung zur Verteidigung unserer Freiheit / Carlo Strenger

  1. Pingback: Empfehlung | Samate

  2. Pingback: Zivilisierte Verachtung | Alles mit Links.

  3. Besonders das letzte Zitat bringt diesen Konflikt bemerkenswert gut auf den Punkt. Es klingt wirklich interessant und vor allem von mehreren Seiten beleuchtet… dadurch konnten sowohl ich, als auch eine Freundin und regelmäßige Diskussionspartnerin (die nun wirklich komplett anderer Meinung ist als ich) der Aussage dieses Essays komplett zustimmen.
    also danke für diese Vorstellung dieses Buches, ich werde es definitiv lesen!

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  4. Würde ich gerne lesen, kann ich mir aber zur Zeit nicht leisten. Zum Thema ‚Völker- wanderung habe ich ohnehin meine eigene Meinung. Die ist oft weder druckreif noch ‚politisch korrekt‘. Aber es ist MEINE Meinung, ohne Zugehörigkeit zu einer Partei oder Organisation.

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