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Das blaue Zimmer / Regie: Mathieu Amalric. Buchvorlage: Georges Simenon. Darst.: Léa Drucker ; Mathieu Amalric ; Stephanie Cléau […]

Wie anders das Leben ist, wenn man es lebt und wenn man es im Nachhinein zerpflückt! (Filmzitat)

Ein schummriges Zimmer mit blauen Tapeten, ein zerwühltes Bett, zwei Menschen, die sich leidenschaftlich lieben. Sie fragt ihn danach, ob er sich vorstellen kann, mit ihr zusammenzuleben. Er zögert, bejaht es aber.

Etliche Monate später sitzt der Mann, ein erfolgreicher Unternehmer und Familienvater namens Julien, in Handschellen vor dem Untersuchungsrichter, der auch diese Szene, dieses erinnerte Gespräch, akribisch aufnimmt. Nach und nach erfahren wir, dass zwei Menschen gestorben sind und tauchen in Rückblenden ein in das Doppelleben von Julien: nachdem er mit seiner Frau und seiner Tochter in die alte Heimat zurückgezogen ist, wo er einen Landmaschinenvertrieb führt, beginnt er eine Affäre mit seiner Jugendliebe, der Apothekersgattin Esther, deren Mann chronisch krank ist. Eine Affäre zunächst. Doch für Esther – und auch für Julien? – ist es bald mehr als das. Mit fatalen Folgen …

Regisseur und Hauptdarsteller Mathieu Amalric hat einen beklemmend schönen und zugleich tragischen Film gedreht über einen Mann, der die Kontrolle über sein Leben verliert. Zugleich mit der Erinnerung aus der Gegenwart scheint sich die Vergangenheit zu verändern – und so ist auch dem Zuschauer am Ende nicht klar, was wirklich geschah. Amalric findet in seiner ungewöhnlicherweise in 4:3 umgesetzter Literaturverfilmung starke, ungemein sinnliche und zugleich ruhige Bilder für die Geschichtem, die beim Zuschauer im einen Augenblick große Nähe, im nächsten Befremdung erzeugen, und bedient sich dabei erkennbar mancher bildlichen, heute schon ikonischen Anregung aus der Kunstgeschichte (etwa Courbets „Der Ursprung der Welt“). Lange Bildeinstellungen, ruhige Kamerafahrten und fast schon idyllisch wirkende und dennoch unheilvoll aufgeladene Einstellungen kennzeichnen die Kameraarbeit.

Man spürt, dass es brodelt unter der Oberfläche bei diesem so beherrscht wirkenden Mann Julien, dessen Leben so sehr aus den Fugen gerät, dass er bald fassungslos vor den Trümmern steht und seine zerstörte Gegenwart nicht mehr mit dem Bild der Vergangenheit in Übereinstimmung bringen kann, das er tief in sich trägt. Amalrics Partnerin Stephanie Cléau brilliert als unterkühlte Femme fatal, die ebenso leidenschaftlich wie heimtückisch zu sein scheint.

Ein ungemein ästhetischer, hocherotischer und starker Film voller Abgründe und Untiefen, an dessen Ende der Zuschauer nicht weiß, ob er mit Julien fühlen oder ihn verachten soll. Hervoragend Neo-Noir-Kino aus Frankreich, sinnliches Drama, Tragödie und Psychothriller in einem.

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