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Die sieben Leben des Arthur Bowman : Roman / Antonin Varenne

Wenn man sich nur unter Lebenden aufhält, vergisst man zu schnell, wie wichtig der Tod ist. Die Verbindung zwischen Körper und Geist ist ein Problem. Das haben wir dort erfahren. Man kann seine Haut nicht den Wellen oder den birmanischen Soldaten überlassen, sich nach Belieben davon trennen. Wenn man seine Haut verlässt, kriegt man sie nicht zurück. (S. 469)

Birma, 1852. Der etwa 30jährige Arthur Bowman ist Söldner der skrupellosen Ostindienkompanie. Der schweigsame, zu äußerster Härte fähige Mann erhält einen Geheimauftrag und soll einen Trupp Soldaten tief in den Dschungel führen. Doch die Aktion endet im Fiasko: alle Zehn Überlebenden werden gefangen genommen und mit großer Brutalität gequält, bis sie schließlich freigelassen werden.

Ein paar Jahre später schlägt sich der heruntergekommene, mittlerweile opium- und Alkoholsüchtige Bowman im viktorianischen London als Polizist durch. Als in der Gosse eine grausam verstümmelte Leiche entdeckt wird, gerät er unter dringenden Tatcerdacht, da der Tote ähnliche Folternarben trägt wie er. Bowman macht sich auf die Suche nach den neun Überlebenden des Himmelfahrtskommandos in Birma, denn einer von ihnen muss der Mörder sein. Seine Suche wird zum Wettlauf mit der Zeit, denn es gibt weitere Tote. Schließlich führt ihn die Suche bis tief in den wilden Westen.

Doch während Bowman nichts unversucht lässt, um die Mordserie zu beenden, kehren auch die Erinnerungen an die grausamen Jahre in Birma und die durchstandene Folter zurück. Als er schließlich den Täter stellt, haben ihn nicht nur seine endlich zutage tretenden Erinnerungen an eigene Grausamkeiten und durchlittene Gewalt, sondern auch die Liebe zu einer Frau zu einem anderen Menschen gemacht.

Antomnin Varenne wagt sich mit diesem Roman an eine Synthese aus Abenteuer- und Kriegsroman, Western und Thriller und schafft es, seine Leser bis zum Schluss zu fesseln. Überzeugend erzählt er die Geschichte in der dritten Person aus der Perspektive Bowmans, eines Soldaten, für den die Brutalität des Kampfes zum Lebensinhalt geworden ist, bis er sich seiner Vergangenheit stellen muss. Glaubhaft lässt er uns spüren, wie zerrissen der Protagonist zwischen der Gewalt ist, die er selber ausgeübt hat, und den psychischen und physischen Verletzungen und Grausamkeiten, denen er selbst ausgesetzt war.

Erst mit der Suche nach einem seiner Gefährten, der ebenso verwundet an Leib und Seele ist wie er, seine Verwundung und seinen Schmerz aber durch grausame Morde auszuleben versucht, beginnt Bowman, sich auch mit sich selbst auseinander zu setzen. Je näher er dem Mörder kommt, desto schmerzlicher wird diese Auseinandersetzung, dieser Blick in den eigenen Spiegel, bis es ihm an Ende gelingt, mit seinen körperlichen und seelischen Narben leben zu können: so gibt es am Ende Hoffnung für ihn, aus den düsteren Gefilden seiner Seele und seines Schmerzes wieder Vertrauen zu Menschen zu finden und damit auch einen späten Hauch von Glück.

Zu den großen Stärken des Romans gehört dabei nicht nur die überzeugende Charakterisierung der Haupt- und Nebenfiguren, sondern auch die dichte Atmosphäre: Varenne schafft es, das Elend im London der 1860er Jahre sprachlich ebenso gut in Szene zu setzen wie die Schrecken, die die Ostindienkompagnie in Birma anrichtete. Auch den Mythos des Wilden Westens zerlegt er glaubhaft und zeigt eine unberechenbare Welt, in der das Überleben des Einzelnen nicht nur von der Natur oder der eigenen Gestaltungskraft und Energie, sondern vor allem vom Zufall und der allgegenwärtigen Gewalt abhängig ist.

Ein ausgesprochen fesselnder, überaus geschickt komponierter Roman, der den Spannungsbogen bis zum Schluss hält und mit überraschenden Volten den Leser bei der Stange hält bis zum psychologisch überzeugenden furiosen Finish.

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