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Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war : Roman / Joachim Meyerhoff

Es kommt mir mehr und mehr so vor, als wäre die Vergangenheit ein noch viel ungesicherterer, weniger verbürgter Ort als die Zukunft. Das, was hinter mir liegt, soll das Gesicherte sein, das Abgeschlossene, das Gewesene, das nur darauf wartet, erzählt zu werden, und das vor mir soll die sogenannte zu gestaltende Zukunft sein?

Was, wenn ich auch meine Vergangenheit gestalten muss? Was, wenn nur aus einer durchdrungenen, gestalteten Vergangenheit so etwas wie eine offene Zukunft entstehen kann? Es ist ein bedrückender Gedanke, aber hin und wieder kommt mir das Leben, das noch vor mir liegt, wie eine für mich maßgeschneiderte, unumgänglich zu absolvierende Wegstrecke vor, eine Linie, auf der ich vorsichtig bis zum Ende balancieren werde.

Ja, daran glaube ich: Erst wenn ich es geschafft haben werde, all diese abgelegten Erinnerungspakete wieder aufzuschnüren und auszupacken, erst wenn ich mich traue, die scheinbare Verlässlichkeit der Vergangenheit aufzugeben, sie als Chaos anzunehmen, sie als Chaos zu gestalten, sie auszuschmücken, sie zu feiern, erst wenn alle meine Toten wieder lebendig werden, vertraut, aber eben auch viel fremder, eigenständiger, als ich mir das jemals eingestanden habe, erst dann werde ich Entscheidungen treffen können, wird die Zukunft ihr ewiges Versprechen einlösen und ungewiss sein, wird sich die Linie zu einer Fläche weiten. (S. 348)

Schleswig in den 1960er bis 1980er Jahren. Als Sohn des Direktors der Kinder- und Jugendpsychiatrie Hesterberg wächst der Autor Joachim Meyerhoff auf dem Gelände der Einrichtung mit ihren damals 1200 Patienten auf und ist so früh an Menschen gewöhnt, die anders sind. Der kleine Joachim neigt zu Jähzorn, tut sich schwer in der Schule und muss daheim den Spott der älteren Brüder ertragen. Während seine Mutter mit leisem Widerwillen den Haushalt führt, geht der Vater in seiner Rolle als junger, reformbestrebter Psychiatriedirektor auf, um abends in Büchern zu versinken oder sich hoffnungslos in vorübergehenden, theoretisch ausgesprochen gut fundierten, in der Praxis aber scheiternden Leidenschaften wie Segeln (gerät bei Flaute in Seenot), Laufen (beim ersten Lauf verletzt) oder einem kleinen Landhäuschen zu verlieren.

Joachim Meyerhoff beschreibt das Leben in einer bemerkenswerten Familie, die eng beieinandersteht und miteinander zahllose überaus lebensvolle, komische und berührende Augenblicke erlebt. Am Ende ist es – wie im ersten Teil – der Tod, der jählings die tatsächliche, in manchen Dingen aber auch nur scheinbare Idylle zerstört und nichts zurücklässt ausser einer großen Lücke, der von der Gegenwart immer wieder überblendeten und veränderten Erinnerung und der Sehnsucht nach etwas, das vielleicht nie so war, wie es empfunden wurde und doch den Grundstock des eigenen Lebens bildete.

In Brennglas dieser Familie begegnen wir dabei nicht nur der Familiengeschichte selbst und ihren zeittypischen Ecken und Kanten: wer wie Meyerhoff in den 1960er Jahren geboren wurde, wird auch den Zeitkolotir zwischen den Zeilen hervorschimmern sehen und tief in die eigene Jugend und ihr Lebensgefühl eintauchen. Dazu kommen noch zahllose lokal verortete Geschichte, von denen die Beste wohl die vom Ministerpräsidenten Schleswig-Holsteins Joachim Stoltenberg ist, der sich bei der Eröffnung eines Klinikneubaus gepflegt in den Matsch legte, um hernach in der Dienstvilla gewissermaßen trockengelegt zu werden.

Meyerhoff Buch ist auch eine kluge, humorvolle und zuweilen überaus poetische Reflektion über die nur scheinbar unveränderliche Vergangenheit, die sich im Spiegel unser gegenwärtigen Erfahrungen fortwährend verändert und Einfluss auf unsere Wege nimmt.

Meyerhoff versteht es, seinen Leser bis zum Ende an sich zu fesseln in seiner ebenso komischen wie traurigen, lebensnahen Geschichte seiner Kindheit und seiner Familie. Im einem Moment tut einem der Bauch weh vor Lachen, um im nächsten tief bewegt den Tränen nah zu sein. Ein tief berührender autobiografischer Roman, der nahtlos an den ersten Band anschliesst

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