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Die rote Olivetti: Mein ziemlich wildes Leben zwischen Bielefeld, Havanna und dem Himalaja / Helge Timmerberg

1970. Der 18jährige Helge Timmerberg zieht sich in einer Londoner Wohnung LSD rein, verwandelt im Rausch unzählige Plastikbecher in psychedelische Skulpturen und bricht am Tag darauf aus einer sauber rauchgeschwärzten Bude nach Indien auf. Jimi Hendrix ist in der gleichen Nacht zwei Häuser weiter gestorben – was im weiteren Fortgang der Reise nach Indien nicht ohne Folgen bleibt, glaubt der bedröhnte Timmerberg doch nach der Begegnung mit einem belgischen Ex-Professor und LSD-Adepten bald, das Hendrix Seele in ihm wiedergeboren wurde. Über viele Tausend Kilometer bleibt das so, bis ihm in einem Ashram an den Füßen des Himalaja eine Stimme zuflüstert: „Geh nach Hause und werde Journalist“.

36 Jahre und viele Reportagen und Bücher später legt Timmerberg, dieser furiose Reisereporter mit dem Nimbus des ewigen Hippies, sein Leben Revue passieren in seiner ganzen Bandbreite zwischen den Untiefen des Lokaljournalismus, burlesken Erfahrungen als Veggierestaurantbesitzer, seinen Erfolgen als unkonventioneller Reporter für Stern, Bunte und andere große Magazine, dem Absturz aus großer Höhe und dem Neubeginn mit einer Reportage für Geo. Timmerberg, zu dessen großen Vorbildern Hunter S. Thompson, Apologet von New Journalism und Gonzo Journalismus gehört, schreibt offen, tabulos und ausgesprochen vergnüglich über seine Abenteuer seit den 1970er Jahren, seine Abstürze, Erfolge, absurde Reportagen wie die über die deutsche Pornoindustrie der 1980erJahre und unglaubliche Reiseerlebnisse. Seine Lebensgeschichte wird dabei zum Spiegel der jeweiligen Zeit und beinhaltet auch ein gutes Stück Mediengeschichte, sind die journalistischen Erfahrungen, die Timmerberg von den 1970er bis 1990er Jahren machen durfte, mittlerweile weitestgehend unmöglich geworden durch zwischenzeitlich weichgespülte und effizienzbeschädigte Redaktionen, die mehr Inhalte wiederzukäuen scheinen als sie selbst zu recherchieren oder gar zu erleben.

Wer Timmerbergs Bücher liebt, wird ihn schnell wiederfinden in dieser furiosen Mischung aus Erlebtem und Erfundenem, aus märchenhafter Phantasie und Realität. Timmerberg reist durch die Welt und durch sich selbst, mal mit, mal ohne Drogen, mal an der Seite von Frauen oder allein. Kann er vom Gehalt beim Stern schon kommod leben, geht es mit WIENER und TEMPO und der damals neuen, den Journalisten in die Story mit einbeziehenden Art zu schreiben auch finanziell weiter bergauf. Bei der BUNTEN residiert er im größten Büro des Hauses und nutzt die Dachterasse zum Kiffen, füllt sein Konto, um schliesslich von Havanna aus zu schreiben: das Faxgerät hat in die Redaktionen Einzug gehalten und ermöglicht ihm zumindest gegen die ortsüblichen Bestechungsgelder das Schreiben von Kuba aus. Doch Kuba wird für Timmerberg auch zum Absturz aus großer Höhe: er verliert sich in amourösen Abenteuer und Drogenexzessen, verliert seinen Job bei der BUNTEN und wird irgendwann von der stets neidisch blickenden Journalistenzunft nur noch als gefallener Star gehandelt. Bis zu diesem einem Tag, an dem ihm der Auftrag von GEO ins Haus schneit und für ihn ein journalistisches Abenteuer auf dem indischen Subkontinent zum Wendepunkt wird.

Ein furioser Rückblick auf 49 Jahre Reise- und Reportagejournalismus und ein in jeder Hinsicht bewegtes Leben eines Menschen, der mit offenen Augen durch die Welt geht und am Schnittpunkt zwischen sich und den Erscheinungen der Welt wunderbare, komische und zugleich bewegende Geschichten zu schreiben weiss. Der Mann ist Legende und versteht zu erzählen. Da bleibt nur eins: Lesen!

9 thoughts on “Die rote Olivetti: Mein ziemlich wildes Leben zwischen Bielefeld, Havanna und dem Himalaja / Helge Timmerberg

  1. PS:
    Sehr treffend finde ich übrigens auch Deine Kritik am aktuellen Journalismus:
    „… mittlerweile weitestgehend unmöglich geworden durch zwischenzeitlich weichgespülte und effizienzbeschädigte Redaktionen, die mehr Inhalte wiederzukäuen scheinen als sie selbst zu recherchieren oder gar zu erleben.“
    Ich vermute mal, daß Dir die NachDenkSeiten bekannt sind?
    Dort hat Journalismus noch eine denkerische, EIGENWILLIGE, hinterfragende und sozial- lebensnahe und köstlich polemische Qualität:
    http://www.nachdenkseiten.de

    Gefällt 2 Personen

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