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Atlas der Länder, die es nicht gibt : ein Kompedium über 50 nicht anerkannte und weithin unbekannte Staaten / Nick Middleton

Hätten Sie Sotschi, Austragungsort der Winterspiele 2014 in Zirkassien verortet? Haben Sie schon mal vom immerhin mal 300 Einwohner zählenden Land Moresnet gehört? Wussten Sie, dass das Staatsoberhaupt von Seborga bis 2009 „Seine Ungeheuerlichkeit“ Giorgio Carbone, Prinz auf Lebenszeit war? Und das es vielleicht schon bald ein karibisches Land namens Moskitia gibt? Nein? Aber sicher haben Sie schon von Nagalim gehört, einem Land im Norden Indiens, dass nur einen Tag unabhängig war, oder?

Zugegeben: die Länder, die Nick Middleton in diesem Kompendium zusammenträgt, kommen bis auf wenige Ausnahmen nicht in der Tagesschau vor – und viele dürfte man in üblichen Lexika nicht finden. Selbst Wikipedia schweigt zu manchen der hier vorgestellten, kurzlebigen oder nicht anerkannten Staatsgebilden oder liefert allenfalls rudimentäre Informationen. Gerade das macht das Buch aber so überaus interessant. Zum einen, weil manche Länder explizit den Gedanken der Nationalstaatsgrenze oder Vorstellungen ethnisch begründbarer Identität ad absurdum führen. Zum anderen, weil sich sehr schön beobachten lässt, wie wenig eigentlich dazu gehört, um eine Nation oder ein Land zu postulieren: ein einigermaßen exakt umrissenes Territorium, vielleicht auch ein kleiner Gründungsmythos mit unsicheren historischen Belegen oder eine fehlerhaftes jahrhundertealtes Dokument.

Natürlich finden sich in Middletons Buch auch berühmte Nationalexoten wie Christiania, Sealand oder das berüchtigte Transnistrien, ein Hort von Korruption, Verbrechen und Willkür. Andere wie Taiwan oder Tibet werden von manchen Ländern nicht anerkannt oder sind Kreationen leicht durchgeknallter Staatsgründer wie das nur zwei Einwohner zählende Akhzivland in Israel, dass das Meeresrauschen zu seiner Nationalhymne erklärt hat.

Middleton ergänzt einen in rot gehaltenen knappen Faktenteil, auf dessen Hauptseite ein Umriss des Landes gestanzt ist, mit einer darauf folgenden Karte, in der das Land mit seiner Umgebung zu erkennen ist während links daneben wesentliche Angaben zur meist recht bizarren Geschichte des jeweiligen Staatsgebildes gemacht werden. Das alles liest sich ganz wunderbar und lässt einen staunen über die menschliche Neigung und Fähigkeit, für das Ziehen von Grenzen Begründungen.

Das schönste Land findet sich das ganz am Schluss – und ich kann Ihnen versichern, dass Sie mit großer Wahrscheinlichkeit auch schon dort waren: es heisst Elgaland-Vargaland, umfasst neben dem Traumland und allen virtuellen Bewusstseinszuständen und Reichen sämtliche Grenzgebiete aller Nationen in dem Augenblick, in dem man sich in ihnen aufhält. Das Staatsgebiet ist permanent im Fluss, verliert manchmal ganze Regionen (wie beim Verschwinden der innerdeutschen Grenze) oder wird größer, wenn Staaten sich teilen. Selbst Tagträume oder Fantasien gehören dazu. Im Grunde sind wir also alle Elsaland-Vargaländer.

Fazit: Nick Middlteon ist ein zugleich kurioses wie anregendes Buch gelungen über Regionen, die eigentlich kaum einer kennt: das Buch ist wunderschön aufgemacht mit Fadenheftung, festem Einband, schönen Karten und einer graphisch überzeugenden Gestaltung und sei allen, die sich für Kulturgeschichte, Karten und Reisen interessieren und Nationen eher als seltsame, irgendwann hoffentlich relativ überflüssige Konstrukte in der Menschheitsgeschichte zu betrachten pflegen, wärmstens empfohlen.

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