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Sturmwarnung : Das aufregende Leben von Kapitän Schwandt / Jürgen Schwandt. Stefan Kruecken.

In jeder Stunde, in jeder Minute sieht die See anders aus. Sie lebt, sie ist immer anders, mal grün, mal grau, mal strahlend blau, sie kräuselt sich, sie stürmt, sie schmeichelt einem oder sie fordert den Seemann zum Kampf. Der Wind wird ein Freund und kann der Feind sein, ständig wechseln die Formationen der Wolken. Die Natur ist ganz nah, man bewegt sich darin wie ein Elementarteilchen, und jeder, der eine Seele in sich findet, spürt, Teil eines großen Ganzen zu sein. Und er empfindet großen Respekt vor
der Majestät und der Macht des Ozeans. Nirgendwo habe ich einen Sternenhimmel gesehen wie in einer Nacht auf dem Atlantik, unter Milliarden von Sternen, unter einem strahlenden Bogen vor einem tiefen Schwarz. Es sind Stunden, in denen man sich der eigenen Bedeutungslosigkeit klar wird, der eigenen Nichtigkeit. Was, wenn man darüber nachdenkt, einen großen Trost bedeutet. Sämtliche Probleme, die einen beschäftigen, verschwinden in der Weite des Ozeans und des Himmels. (S.87)

Der 1936 geborene Jürgen Schwandt wächst im zerstörten Hamburg auf. In den Nachwirren des Krieges treibt der Hunger die Jugendlichen dazu, zum Lebensunterhalt der Familie beizutragen: Kohlenklau und andere verbotene Aktivitäten gehörten zum Alltag. Er beschließt als 16jähriger, unterstützt vom Schulleiter und gegen den Willen seiner Eltern, zur See zu fahren.

Es ist ein hartes Leben, dass er da gewählt hat, und schon das erste Schiff, der heruntergekommene motorisierte Gaffelsegler „Argonaut“ aus dem späten 19. Jahrhundert unter dem Kommando eines geizigen Kapitäns, erweist sich als hätte Probe für den jungen Mann. Aber er gibt nicht auf, arbeitet sich über die Jahre und von Schiff zu Schiff hoch vom getriezten Schiffsjungen über den Leichtmatrosen bis zum Offizier und Kapitän, arbeitet auf kleinen Frachtern, Tankern und endlich auf einem Schiff auf großer Fahrt, dem Neubaufrachter „Franziska Sartori“. Er kocht, putzt, klopft Rost, reinigt Tanks und erledigt jede Arbeit, die es an Bord gibt.

Harte Arbeit und ein überaus Klima prägen das Leben an Bord, Arbeitsschutz und geregelte Arbeitszeiten sind oft noch Fremdwörter. Stürme fordern den ganzen Mann, verrutschende Fracht wird leicht zum Verhängnis. Es ist die Zeit, als Schiffe noch tagelang im Hafen liegen, Stückgut einzeln verladen wird und Zeit bleibt, um im fremden Hafen den Druck abzulassen von einer für heutige Arbeitnehmer schier unvorstellbaren, kräftezehrenden Schinderei auf und unter Deck, von der Enge und der notwendigerweise strikt hierarchischen Struktur an Bord.

Im fremden Hafen wird dann oft die Heuer durchgebracht mit Alkohol und Frauen, entlädt sich aufgestaute Aggression in Prügeleien unter Matrosen. Immer aber ist Respekt dabei – den Frauen gegenüber und auch bei Prügeleien, die nie so weit gehen, dass einer nicht mehr aufstehen kann – sowie eine tief verwurzelte Toleranz gegenüber dem anderen, geschult an der Härte des Ozeans, wo nur überlebt, wer zusammenhält.

Kapitän Schwandt beschönigt nichts an seiner Lebensgeschichte und lässt auch den Alkoholismus nicht aus, deiner verfällt, um sich dann in einer radikalen Aktion komplett und für immer vom Alkohol zu lösen. Dabei ist zu spüren, wie wach der mittlerweile 79jährige ist nicht nur in der Rückschau auf ein bewegtes Leben, das ihn schließlich zum Zoll führte und damit zu einem landgebunderen Dasein, bei dem der mit allen Wassern gewaschene, gewitzte Seebär seine langjährigen Erfahrungen auf See für die Behörde nutzbringend einsetzen kann.
Schwandt, der für seine Kolumnen in der MoPo bekannt ist, kommentiert auch hier die Gegenwart und hält ihr den Spiegel vor. Radikal verabscheut er den Krieg, jegliche Intoleranz und Nationalismus, wundert sich zugleich über die Respektlosigkeit der Gegenwart gegenüber Alten und Schwächen und einer Generation, die aus seiner Sicht zu oft abtaucht in virtuelle Welten und nichts mehr außerhalb wahrzunehmen scheint, abgelenkt vom wirklichen Leben, dass für den durchaus mit Facebook vertrauten Schwandt eben immer noch da stattfindet, wo man gerade ist und sich mit wachem Blick durch den Tag bewegen sollte.

In diesem bewegten Leben ist dabei vor allem eines spürbar: die tiefe Liebe zum Ozean, zu Wind und Wellen, Sturm und Gischt, die Schwandt auch heute noch alle zwei Jahre auf eine Seereise treibt. Dieser Ozean ist es, der Schwandt zu einem Menschen gemacht hat, der sich selbst nicht so wichtig nimmt, klare Worte spricht und selbstironisch vor dem eigenen Leben steht und eben deshalb von tiefer Menschlichkeit und Toleranz geprägt ist.

„Auf meinen Reisen habe ich überall auf der Welt gute Menschen kennengelernt. Und auch ein paar Arschgeigen. Das hat nichts mit Hautfarbe, Pass oder Religion zu tun“.

Ein wunderbar ausgestattetes Buch über ein bewegtes Leben mit vielen Fotos und Illustrationen für alle, die das Meer lieben und Menschen, die Persönlichkeit und Charakter haben.

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