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Wie man mit dem Feuer philosophiert : Chemie und Alchemie für Furchlose / Jens Soentgen. Illustriert von Vitali Konstantinov

Die Chemie ist beileibe keine neue Wissenschaft – und unsere gegenwärtigen Vorstellungen von der modernen Chemie mit ihren hochtechnisierten Fabriken, klinisch reinen Laboren und empfindlichen Messinstrumenten und Apparaturen lassen oft vergessen, wie weit in die Vergangenheit die Wurzeln der Chemie zurückreichen. Wer heute etwa despektierlich auf die Alchemisten zurückblickt und ihre Bemühungen, Gold zu erzeugen, vergisst, mit welcher Neugier und unbändiger Experimentierlust sie sich verschiedensten Substanzen zuwandten, um nicht selten überraschende und unerwartete Entdeckungen zu machen. Forschende Mönche, goldsuchende Alchemisten, Salpetersieder prägten die frühe Geschichte der europäischen Chemie. Selbst in den Urwäldern Amazoniens hat sich vor langer Zeit eine rohe Form der Chemie entwickelt, die zum Beispiel aus Lianen mit Hilfe des Feuers Pfeilgifte extrahierte oder über die Beobachtung von Raben, die an Sträuchern kratzten und danach erfolgreicher jagten, das Curare entdeckte. Wer auf die Tierwelt schaut – etwa auf holzzerkauende Wespen – wird hier ebenfalls auf stoffumwandelnde Prozesse mit zum Teil verblüffenden Ergebnissen stoßen (in diesem Fall eine papierähnliche Nestbaumasse).

Der Chemiker und Philosoph Jens Soentgen nimmt uns mit auf eine Reise durch die abenteuerliche Geschichte der Chemie und nimmt dabei 33 Substanzen zum Anlass, sich ihrer jeweiligen Entdeckung und Erforschung zu widmen. Ob Salpeter oder Elefantenkotpapier, Blausäure oder Gummi, Gold, Sauerstoff, Radium oder Heroin – Soentgen fördert beeindruckende Geschichten zutage von merkwürdigen Forschern, erstaunlichen Zufällen, verblüffenden Entdeckungen, akribischer wissenschaftlicher Arbeit und bemerkenswertem Weitblick. Dabei verschweigt er weder die Irrwege und falschen Rückschlüsse ganzer Forschergenerationen, die für ihn unabdingbar zur Ausbildung der sich stets selbst reflektierenden und gegebenenfalls korrigierenden Naturwissenschaft Chemie gehören, noch die dunklen Seiten der Chemie, die sich nicht selten in den Dienst der Kriegstechnik stellte und mit Salpeter sowie der Schaffung von in Kriegen und Konzentrationslagern eingesetzten Giftgasen für den Tod von Millionen Menschen mitverantwortlich ist.

In drei Kapiteln – Waldchemie, Alchemie und Chemie – breitet Soentgen vor dem interessierten Betrachter geschichtliche Meilensteine der Chemie aus: dabei weiß der Autor nicht nur mit Fakten, sondern auch sprachlich ungemein zu fesseln und kann so mit seiner etwas anderen Geschichte der Chemie auch Menschen begeistern, die um alles, was mit Chemie zu tun hat, bisher einen großen Bogen gemacht haben. Im vierten Kapitel stellt Soentgen eine Reihe faszinierender Experimente vor, die von der Blausäureherstellung und der Erzeugung fraktaler Strukturen bis hin zu Versuchen mit Schimmelpilzen und der Herstellung von Salpeter aus Sonnenblumenblättern reichen und ausgesprochen gut erklärt sind.

Zusammen mit der ungewöhnlich hochwertigen, auffälligen Gestaltung des Buches und den einzigartigen Illustrationen des in der Ukraine geborenen und in Deutschland lebenden Künstlers Vitali Konstantinov ist so ein Buch zu empfehlen, das zu Recht ausgezeichnet wurde für seinen besonderen Zugang zu diesem Wissensgebiet. Für alle ab ca. 13 Jahren, die sich für Chemie interessieren oder interessieren möchten.

2 thoughts on “Wie man mit dem Feuer philosophiert : Chemie und Alchemie für Furchlose / Jens Soentgen. Illustriert von Vitali Konstantinov

  1. Kein Gebiet der Wissenschaften ist wirklich neu. Mit irgendwelchen Dingen herumgepopelt haben die Menschen schon immer. Vom ersten Schamanen, der mit dem Faustkeil eine Schädel-Trepanation vornahm bis zum Ministerpräsidenten, der fröhlich den roten Knopf zur Inbetriebnahme eines Atomkraftwerks drückt. Zitat eines SF-Autors: „Was passiert wohl, wenn ich HIER draufdrücke?“. Aber erst seit ziemlich kurzer Zeit benennt man es. Chemie, Physik, Medizin, die grössten Nutznießer von alledem sind wohl die ‚Sherlocks‘. Finde ich OK, bringt uns viele interessante Krimi- und SF-Stoffe.

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    • Naturwissenschaft ist ja schon immer im Kern Suchen und Probieren. Geht schon im Krabbelalter los und bleibt, wenn gut läuft, als lebenlange Neugier, vermischt mit Stauen.

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