Startseite » Bücher » Meinen Hass bekommt ihr nicht: „Freitag Abend habt ihr das Leben eines außerordentlichen Wesens geraubt, das der Liebe meines Lebens, der Mutter meines Sohnes, aber meinen Hass bekommt ihr nicht./ Antoine Leiris

Meinen Hass bekommt ihr nicht: „Freitag Abend habt ihr das Leben eines außerordentlichen Wesens geraubt, das der Liebe meines Lebens, der Mutter meines Sohnes, aber meinen Hass bekommt ihr nicht./ Antoine Leiris

Antoine Leiris, französischer Journalist, ist mit dem 17 Monate alten Sohn Melvin Marvin daheim, als islamistische Attentäter in Paris den Anschlag auf das Bataclan verüben während eines Konzertes, das auch seine Frau Helene besucht. Nach Stunden der Ungewissheit wird klar, dass auch sie unter den 89 Todesopfern ist, Leiris seine geliebte Frau und Melvin seine Mutter verloren hat.

In seiner Trauer und seinem Entsetzen greift Leiris zur einzigen Waffe, die er hat: dem Wort. Auf Facebook veröffentlicht er einen weltweite Aufmerksamkeit erregenden offenen Brief, in dem er den Täter seinen Hass und den seines Söhnen verweigert. Aus diesem Brief entwickelt sich dieses Buch: Leiris beschreibt darin das Grauen nach dem Anschlag, den Verlust und das zutiefst erschütterte Leben von Vater und Sohn. Ein Leben, das er trotzdem weiterlebt, gestärkt von einer Art zärtlichem Trotz, der es nicht zulässt, es von Wut und Hass auf die Attentäter zu vergiften und ihnen diesen Hass im unbedingten Willen, das Leben weiterzuleben, rundweg verweigert.

Leiris Buch bewegt tief: er setzt dem naheliegenden Gefühl des Hasses die unbedingte Liebe zu seinem Sohn entgegen, dem er ein Leben ohne seine Mutter ermöglichen will, in dem auch gelacht wird. Zugleich macht er spürbar, wie unvermittelt die Folgen von terroristischen Anschlägen das Leben von Menschen von einem Augenblick auf den anderen zerstören können und wie schwer es ist, einem kleinen Kind nicht nur den endgültigen Verlust der Mutter zu erklären, sondern auch einen Weg zum Abschiednehmen und Weiterleben zu finden.

Man spürt in jeder Zeile die tiefe Liebe zum Leben, die Leiris in all seiner Trauer trotzig den Feigen Attentäter entgegensetzt und ihnen damit verweigert, was diese eigentlich wollen: unseren Hass und unsere gewalttätige Reaktion. Indem er ihnen als Betroffener eben diese Reaktion verweigert, entzaubert er sie zugleich, setzt dem Entsetzen und dem Grauen, dass sie verbreiten wollen, die Liebe zum Leben, die Freiheit, die Kultur, die Menschlichkeit. Damit ist sein Text sowohl eine psychologische Aufarbeitung des persönlichen Schicksals als auch eine immens politische Stellungnahme.

Ein kleines, aber überaus berührendes Buch, dass in viele Hände gehört – auch in jene, die derzeit auf unserer Seite den Hass schüren und damit den Terroristen das geben, was diese wollen.

12 thoughts on “Meinen Hass bekommt ihr nicht: „Freitag Abend habt ihr das Leben eines außerordentlichen Wesens geraubt, das der Liebe meines Lebens, der Mutter meines Sohnes, aber meinen Hass bekommt ihr nicht./ Antoine Leiris

  1. Ich glaube auch, dass irgendwann, irgendwo auch beim sanftesten Menschen Hassgefühle emporsteigen und nach einem Ausdruck verlangen. Schenkt man diesem Aufmerksamkeit und Raum, kann der Hass wie jede andere Emotion auch transformiert werden. Im Grunde geht es da ja um Energie: im Hass beginnt sie zu stocken und destruktiv zu werden. Letztendlich rächt man sich nicht nur, sondern zerstört dabei auch sich selbst. Gelingt es, dieses Gefühl, hinter dem ja schlicht eine Verletzung und tiefe Trauer steckt, anzuerkennen und loszulassen, indem man … vermutlich vergibt (und wenn die Bereitschaft da ist, jemanden seinen Hass zu verweigern, dann ist da wohl auch die Kraft zur Vergebung da … ), befreit man sich selbst und die anderen in seiner Umgebung von dieser Zerstörungswut.
    Vielleicht, vielleicht gibt es tatsächlich einzelne Menschen, die erst gar nicht in den Hass hineinfallen, weil sie den Schmerz bereits akzeptieren, dessen Bodenlosigkeit anerkennen und auch die absolute Sinnlosigkeit des Hasses, der immer tiefer in die Zerstörung führt.
    Was auch immer der Fall ist, diese Haltung inspiriert und führt weiter in Richtung Menschlichkeit. Glaube ich halt.

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    • Klar kommt der Hass hoch neben anderen Gefühlen in so einer Ausnahmesituation. Das ist ja auch eine natürliche Reaktion. Die Frage ist, ob die Emotion am Ende die Haltung bestimmt – und ob man die Kraft hat, diese Emotion zu überwinden. Leiris hat das offenbar geschafft – was sicher ganz und gar nicht leicht war und enorm imponiert.

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  2. Ich habe das Buch letzten Monat gelesen und konnte es seit dem nicht aus der Hand legen. Die Offenheit und Ehrlichkeit sind ebenso beängstigend, wie berührend. Jede Seite wurde mir aufs neue bewusst, dass dieses Buch keine Fiktion ist, dass diese Emotionen nicht die eines „beliebigen“ Protagonisten, sondern die einer echten Person sind.
    Ein außergewöhnlicher Weg, mit der Trauer umzugehen… ein außergewöhnliches Buch…

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  3. Ich kann diesen Mann einerseits verstehen. Andererseits nicht. Der Glaube ist eine Sache, eine tollwütige Ratte tot-zu-schlagen ist eine Andere. Seit über 1000 Jahren versucht der Islam, Europa mit Gewalt zu erobern. Hat irgendwie nicht geklappt. Auf die zivile Art scheint es ja jetzt doch zu funktionieren. Ich bin zwar kein ‚Rechter‘, aber ich bin auch froh, daß ich nicht zwangsweise auch immer noch die andere Wange hinhalten MUSS. Das ist etwas, was mich total ankotzt: das MÜSSEN. Ich Muss auch meine Feinde lieben???

    W

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    • Nein, musst du nicht. Aber zum einen: Was ist DER Islam? Zum anderen: gerade die heftige emotionale Reaktion ist das, was Terroristen wollen. Nüchternheit ist da zielführender.

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  4. Ich bin mir nicht sicher, ob wirklich jeder Attentäter oder Terrorist handelt, UM Hass und gewalttätige Reaktionen hervorzurufen. Ich denke nicht, dass diese Täter ihr Gegenüber als empfindsamene Menschen wahrnehmen. Ich würde eher vermuten, dass sich ihre gesamte Welt ausschießlich um sich selbst und ihre eigenen Befindlichkeiten und Ansichten dreht, das Gegenüber entmenschlicht und als lebensunwert oder bestrafenswert herabgestuft wird und nur von ganz wenigen Drahtziehern tatsächlich taktische Überlegungen dahingehend angestellt werden, was für Reaktionen gut „für die Bewegung“ sein könnten. Von daher wird eine „Verweigerung des Gegenhasses“ vermutlich gar nicht wahrgenommen werden oder (in einer Sozialisierung, die auf Rache und Strafe fußt) sogar als Schwäche interpretiert werden.
    Für die betroffene Familie wird diese Art des Umgangs jedoch einen ganz erheblichen Unterschied ausmachen, von daher hat mich das Zitat berührt und neugierig gemacht auf dieses Buch. Allerdings frage ich mich auch, ob es tatsächlich möglich ist, die Wut auf Täter oder Tat so bewusst fallen lassen zu können. Oder ob es nicht eher auch eine Akzeptanz dieses Gefühl braucht, um es dann irgendwann mal loslassen zu können.
    Danke für die Buchvorstellung, die Ton-Trägerin.

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    • Danke für deinen Kommentar. Ich denke da auch nach Lektüre etlicher, sich mit Terror auseinandersetzender Bücher anders drüber: Wenn man die Motive von Terroristen wissenschaftlich analysiert, ist Hass stets eine absolut erwünschte Reaktion, denn die Täter wollen ernst genommen werden und Reaktionen wie Rache etc. hervorrufen. Wenn man dann noch den Krieg gegen den Terror ausruft, haben sie eines ihrer wesentlichen Ziele erreicht. Verweigert man ihnen diese emotionale Anerkennung ihrer Aggression und geht man gegen sie mit klassischer Polizeiarbeit, Aufklärung und nüchterner Politik, wird man langfristig eher Erfolg haben. Das war bei der RAF so, bei der IRA anderen Terroristen. Insofern ist Leiris Buch so bemerkenswert, da gerade aus Opfersicht diese nüchterne Haltung nur schwer einzunehmen ist. Empfehlenswert dazu: Louise Richardson, Was Terroristen wollen.

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      • Naja, das ist ja eine andere Ebene. Von der Politik wünsche ich mir ebenfalls eine nüchterne, überlegte und auf Fakten basierende Reaktion. Aber die Opfer haben nun mal Emotionen und die unterliegen nicht dem Verstand. Natürlich kann man sich zu einem gewissen Verhalten entscheiden, aber das ändert nichts an den Gefühlen. Die Wegdrücken zu wollen führt meiner Erfahrung nach eher zu Problemen. Und zum Gegenteil von Lebendigkeit.
        Wobei das jetzt eher allgemein gesprochen ist… vom Buch kenn ich schließlich nur den Titel und Deinen Kommentar.
        „Was Terroristen wollen“ klingt ganz interessant. Was auf meiner persönlichen Was-ich-demnächst-Lesen-werde-Liste ganz oben steht ist „Radikalisierung“ von Farhad Khosrokhavar.

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      • Klar reagierst du als Opfer emotional. Aber mit Hass zu reagieren ist mit Sicherheit auch für das eigene emotionale Heil nicht die beste Lösung – und ganz sicher Wasser auf terroristische Mühlen. Von daher zeigt Leiris Buch für mich Grösse …

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