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Kulturlandschaften lesen : vielfältige Lebensräume erkennen und verstehen / Bruno P. Kremer

Wenn man an Naturschutz denkt, an schützenswerte Arten oder Lebensräume, denkt man gerne an eine ursprüngliche Wildnis, an zivilisationsferne Wälder oder Küstenabschnitte und vergisst schnell, wie artenreich, ökologisch wichtig und vielfältig Landschaftsformen sein können, die vom Menschen geschaffen wurden oder eine mittelbare Folge seiner landschaftsformenden Aktivitäten sind. Ob Kiesgruben oder Bahndämme, Deiche oder Kopfbäume, Industriebrachen oder Ruinen – überall in der überformten, umgestalteten oder durch Nutzung nachhaltig veränderten Landschaft finden sich nicht selten auf kleinstem Raum entdeckens- und schützenswerte Biotope.

Kremer zeigt eindrücklich, wie aus dem eigentlich für dichte Bewaldung prädestinierten Mitteleuropa ein Patchwork unterschiedlichster Lebensräume wurde, die vom Trockenrasen bis hin zu den durch Beweidung erhaltenen Alpenwiesen mit ihrer regional sehr unterschiedlichen Flora und Fauna reichen. Streuobstwiesen gehören ebenso dazu wie Niederwälder, bunte Wegränder oder Hochstaudenfluren. Der Autor stellt die einzelnen Landschaftsformen vor, beschreibt typische Tier- und Pflanzenarten und stellt einzelne von ihnen in schönen Fotos vor. Beispielhaft zeigt er auf, welche Arten erst durch solche kulturnahen Lebensräume zurückkehren oder ihre Bestände erhalten konnten. Schematische Gliederungen der jeweils vorgestellten Naturräume verdeutlichen ihren besonderen Aufbau und damit auch die Gründe für die jeweils vorzufindende Artenvielfalt.

Sehr deutlich wird, dass nicht immer aufwändige Renaturierung der richtige Weg sein muss: nicht selten kann es nachhaltiger sein, eine aufgelassene Kiesgrube, eine Industriebrache oder einen alten Bahndamm sich selbst zu überlassen. In anderen Fällen wie etwa bei den artenreich besiedelten Kopfbäume muss der Mensch regelmäßig nachhelfen oder – wie bei den Alpenwiesen – durch nachhaltige Beweidung mit Kühen, Schafen oder Ziegen die ökologischen Bedingungen der jeweiligen Biotope erhalten helfen: in diesem Fall würde ansonsten die Erle übernehmen, artenarme Biotope schaffen und überdies die Lawinengefahr erhöhen.

Kremer verschweigt natürlich nicht die Schattenseiten menschlicher Aktivitäten. Deichbau und Landgewinnung hat nicht nur Landschaften geschaffen, sondern auch andere zerstört. Und so manche brachliegende Wiese wäre besser ungenutzt geblieben statt bebaut zu werden. Ganz zu schweigen von der zerstörenden Kraft der industriellen Landwirtschaft. Dabei plädiert er für einen Erhalt kleinteiligerer, vernetzter Lebensräume, die auch der ästhetischen Wirkung von Landschaft förderlich sind.

Ein schön aufgebautes, für den Naturfreund ausgesprochen spannend zu lesendes Buch, dass die Augen öffnet für die Vielfalt der mittelbar durch menschliche Einflüsse entstandenen Landschaftsräume Mitteleuropas. Wer es liest, wird danach mit geschärftem Blick durch die Lande reisen und mehr zu schätzen und zu sehen wissen, was wir haben und was es zu schützen und zu fördern gilt.

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