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Sture Böcke / Regie: Grimur Hákonarson. Darst.: Sigurður Sigurjónsson ; Theodór Júlíusson […]

Ein abgelegenes Tal in Island. Eigentlich haben Gummi und sein älterer Bruder Kiddi, zwei bärtig-zottelige, Wollpullover tragende alte Männer, viel gemeinsam: beide halten Islandschafe einer alten Rasse und gewinnen oft Preise mit ihren Tieren. Doch die alten Männer haben seit vierzig Jahren kein Wort mehr miteinander gewechselt und tauschen allenfalls im Notfall mal kurze Zettelbotschaften über Kiddis Hund aus.

Nach einem Wettbewerb, bei dem Kiddi mit seinem Schafbock den ersten Platz gewinnt, entdeckt Gummi bei einem der Tiere in seines Bruders Herde Scrapie. Der Verdacht bestätigt sich und alle Schafzüchter in dem Tal müssen ihre Tiere töten lassen, zwei Jahre auf Schafe verzichten und ihre Ställe desinfizieren. Während der oft betrunkene Kiddi sich weigert, tötet Gummi seine 147 Tiere eigenhändig mit dem Bolzenschussgerät. Alle, bis auf ein paar, die er heimlich in seinem Keller unterbringt. Tatsächlich sorgt der prächtige Schafbock kurz vor Weihnachten dafür, dass alle Schafe trächtig werden. Doch nicht nur Kiddi, den Gummi wiederholt nach Alkoholexzessen aus dem Schnee ziehen muss, entdeckt die Tiere …

Knorrige, bärtige Männer mit filzigen Wollpullis, karge Landschaften, zottelige Schafe: das ist die Kulisse für Hákonarsons Drama um zwei alte Männer, die nach jahrelangem Schweigen erst in der Krise wieder zueinander finden. Der Film überzeugt dabei nicht nur durch die ruhigen, langen Einstellungen und eindrucksvolle Aufnahmen der kargen Landschaft, sondern auch durch das subtile Spiel der Hauptdarsteller. Man ahnt, dass es einen schrecklichen Streit gegeben haben muss, der zu dem Zerwürfnis und dem jahrzehntelangen Schweigen geführt hat. Der dem Alkohol ergebene Kiddi scheint zum Jähzorn zu neigen, während Gummi seine Sorgen udn Gedanken mit sich selbst ausmacht. Einzig die Schafe, zu denen die erfahrenen Schafbauern eine innige Beziehung haben, sind das Verbindende zwischen den beiden.

Hákonarsons erzählt seine Geschichte unprätentiös, pathosfrei, fast schon lakonisch und gibt ihr Raum, sich langsam zu entfalten und an Tiefe zu gewinnen. Ebenso wie Balthasar Kormakur in „The Deep“ setzt er auf ein existentielles Thema: hier die jahrelang verschütette Verbindung zweier Brüder, die erst durch Krise und die Rauheit der Natur wieder zum Vorschein kommt. Leiser Humor ist dabei kennzeichnend für diese letztlich tragische Geschichte, die auf eine Weise endet, die den Zuschauer erschüttert zurücklässt, nicht wissend, ob es gut oder schlecht ausgeht für die beiden Brüder.

Ein ebenso berührender wie trauriger Film vor der grandiosen Kulisse Islands.

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7 Kommentare zu “Sture Böcke / Regie: Grimur Hákonarson. Darst.: Sigurður Sigurjónsson ; Theodór Júlíusson […]

  1. Mein Schwager, der Mann meines Bruders, ist Finne. Er hat mir so einiges über den Charakter der Menschen und das Verhalten im Hohen Norden erzählt. Ich versuche zwar in meinem Denken Stereotypen zu vermeiden, aber manche davon scheinen gar nicht so verkehrt zu sein.

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    • Wahrscheinlich prägt die lange Dunkelheit im Winter doch mehr als man denkt. Und manche Stereotypen über die Menschen hierzulande finden ja auch hartnäckig Bestätigung. Zum Beispiel, dass man in Deutschland nicht Schlange stehen kann (schrieb er, nachdem er sich endlich erfolgreich gegen den Strom ungeduldiger, drängelnder einsteigender Fahrgäste aus der Bahn gequält hatte).
      Herzlich grüßt Jarg

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      • Ich habe in meinem Leben einiges kennengelernt und (hoffentlich) ein bißchen gelernt. Aber ich bin leider zur Ansicht gelangt, das Schlimme an Stereotypen und so genannten Vorurteilen ist nicht das es sie gibt, sondern das sie so verdammt oft zutreffen.

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      • Ja, leider. Wie das notorische „Auf-Rolltreppen-links-im-Weg-stehen“ in Deutschland, das einen eilenden Pendler wie mich zur Weißglut treiben kann 😉

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      • So wie die Schlange an der Supermarkt-Kasse. Die, an der man selbst steht, ist immer die ‚langsamste‘. Nee, so funktioniert das nicht mit der de-eskalation. Es wäre schön, wenn das so ginge.

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      • Wenn du immer versuchst achtsam zu sein und ewig nur verarscht wirst, von Menschen die das ausnutzen, ist es zwar nicht egal, aber frustrierend. Die Aussicht auf ein ‚Paradies‘ bringt mich da zu keiner Heiterkeit. Da sind wir wieder am Ausgangspunkt. Ich finde nicht den Gordischen Knoten in meinem Kopf. Nur über eines bin ich mir absolut sicher: ich habe, hatte und werde nie im Sinn haben anderen Menschen zu schaden. Nein, ich bin kein verkappter Amokläufer, sonst würde ich so ein Gespräch nicht führen. Danke. Bis demnächst, über ein anderes Thema. ROLF

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