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Eine Geschichte des sinnlichen Schreibens / Werner Fuld

Wer sich mit erotischer Literatur und Erotica auseinandersetzt oder gar entsprechende Lektüre sammelt, wird sich bald neben der Frage, was überhaupt sammelnswert (geschweige denn: lesenswert) ist, mit Fragen nach der Geschichte erotischer Literatur auseinandersetzen und dabei auch auf allerhand Mythen stoßen. Einer davon ist der Mythos, dass erst in der Gegenwart Frauen erotische Literatur schreiben, befördert vom Erfolg solcher Schmonzetten wie Shades of Grey – ein anderer, dass erotische Literatur immer vorwiegend für Männer gedacht war.

Beides stimmt nicht. Tatsächlich schrieben schon im Italien der Renaissance Frauen mit einigem Erfolg Erotica, gab es im England des 17. Jahrhunderts und damit lange vor der Aufklärung sinnliche Literatur von Frauen (nicht nur) für Frauen, die gegen konventionelle Ansichten bezüglich des Verhältnisses von Mann und Frau gerichtet waren und zur sexuellen Unabhängigkeit aufriefen. Erotische Literatur wurde von Frauen für Frauen geschrieben – jedenfalls über lange Zeit.

In den Schmutz wurde die von beiden Geschlechtern geschriebene und rezipierte erotische Literatur erst nach der Aufklärung, der französischen Revolution und dem Reüssieren christlich-puritanischer Wertvorstellungen. Erotica wurden zu etwas, was verboten wurde, allenfalls unter dem Ladentisch zu finden war, heimlich gelesen wurde: revolutionäre, auch emanzipatorische Impulse verschwanden zusehends und setzten erst mit der sexuellen Revolution der 1960er und 1970er Jahre wieder ein. Den Mächtigen aus Kirche und Staat war (und ist) eine befreite Sexualität (nicht nur) der Frauen schon immer ein Dorn im Auge gewesen. Kein Wunder, dass es immer wieder zu Verboten kam, zu Inhaftierungen, Prozessen und Verunglimpfungen, da die Mächtigen die revolutionären, befreienden Aspekte bewusst gelebter Sexualität fürchteten.

Fulds Buch, das in der Bandbreite von den frühesten Erotica aus der Römerzeit bis in die Gegenwart reicht, ist auch ein Plädoyer für die Wiederentdeckung klassischer Werke der erotischen Literatur. Dabei findet Fuld eine gute Mischung aus fundierter, intellektuell angereicherter Analyse und nicht selten humorvoller, amüsanter, ja sinnlicher Schreibe. Zitate aus den behandelten Werken fehlen ebensowenig wie Kuriosa am Rande (etwa, das Frauen in Frankreich bis 2013 von Gesetz wegen keine Hosen tragen durften) und eine mit Verve vorgetragene Rehabilitierung des ebenso sinnenfrohen wie gebildeten und respektvollen Casanova, dessen Name ganz zu Unrecht für frauenverschleissende, oberflächliche Männer mißbraucht wird.

Wer beklagt, dass in diesem fulminant recherchierten, überaus gut zu lesenden Werk deutsche Erotica zu kurz kommen, erfährt von Fuld auch gleich den Grund: deutsche Schriftsteller können es einfach nicht – von wenigen Ausnahmen abgesehen. Recht hat er mit seinen süffisanten Bemerkungen zum „deutschen Trauerspiel“ – und zum Glück gibt es ja Übersetzungen aus vielen Sprachen für all das, was es in diesem Genre außerhalb des diesbezüglich drögen deutschen Sprachraums zu entdecken gibt.

Werner Fuld ist ein hervorragend recherchiertes, ebenso amüsantes wie intellektuell anregendes Buch über ein uraltes Genre der Literatur gelungen und den Wechselspielen der Geschichte, denen es ausgesetzt war: das Ganze ist so gut geschrieben, dass man es kaum aus der Hand legen mag. Allen, die sich für die Kulturgeschichte der Erotik und die Beziehung zwischen erotische Literatur und Gesellschaft interessieren, sei es wärmstens ans Herz gelegt.

8 thoughts on “Eine Geschichte des sinnlichen Schreibens / Werner Fuld

  1. Wieder einmal: Vielen Dank für den Tipp. Erotische Literatur ist nach wie vor schwer zu finden, will man auf einem gewissen literarischen Niveau lesen – und das gilt (das sei mal gesagt) nicht nur für deutsche AutrInnen (nein, Shades of Grey, ich gucke Dich nicht an🙂 ). Umso mehr freue ich mich, dass Du solch einen Reiseführer gefunden und besprochen hast. Merci!

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    • Gern geschehen. Leider ist das meiste, was an erotischer Literatur in deutschen Buchläden steht, ziemlich unterirdisch. So wie Shades of Grey (habe da tatsächlich mal einen Blick reingeworfen und verstehe nicht, wie man das öde Zeug lesen, geschweige denn gut finden kann) und alle fiktionalen Epigonen, wie auch immer sie heißen mögen.
      Viel Spaß bei der Lektüre des durchaus amüsanten, kenntnisreichen Werner Fuld wünscht dir
      Jarg

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