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Haut nah : Alles über unser größtes Organ / Yael Adler

Wer hätte bis vor drei Jahren gedacht, dass man bei Frühstückspausen oder launigen Kaffeerunden ohne Scheu über den Darm reden würde, sich Hocker aufs Klo stellt und plötzlich kalter Reis plötzlich nicht mehr als lästiger Rest vom Mittagessen gesehen, sondern neben Lauch, Frühlingszwiebeln und anderem als Dopingsubstanz für die guten unter den eigenen Darmbakterien begehrt ist? Wahrscheinlich niemand! Und dennoch traten solche und andere Effekte ein, nachdem „Darm mit Charme“ von Giulia Enders im März 2014 erschien.

Vielleicht ist ein ähnlicher Effekt durch die Lektüre von „Hautnah“ der Berliner Dermatologin Yael Adler zu erwarten. Zwar ist die Haut als größtes Organ des Körpers auf den ersten Blick nicht so tabuisiert wie der Darm. Dennoch halten sich hier auch viele Mythen und Missverständnisse, ist die Hautoberfläche insbesondere an Gesicht und Händen als sichtbares Zeichen unserer Persönlichkeit stark für den Eindruck verantwortlich, den wir bei anderen erwecken: dementsprechend negativ reagieren wir bei Erkrankungen der Haut oder natürlichen Alterungsprozessen, die wir mit aller Macht aufzuhalten oder zu verbergen versuchen.

Yael Adler gelingt es in ihrem ebenso humorvollen wie informativen Buch nicht nur, bei uns die Faszination über den Aufbau der Haut und ihre vielfältigen Funktionen zu wecken. Sie räumt auch mit etlichen Mythen, Missverständnissen und Vorurteilen betreffen unserer Haut sowie den mit ihr verbundenen Krankheiten, Alterungsprozessen, sowie mit hygienischen und medizinischen Maßnahmen auf. Ausgehend vom ersten Teil, in dem der Aufbau der Haut in Epidermis, Lederhaut und Unterhaut erklärt wird, widmet sie sich dabei Themen wie Falten, Sonnenschutz, der Körperpflege (die nicht überall der Seife bedarf und bei der zuviel an Cremes oder Salben auch zuviel sein kann), der Haut als Sinnesorgan und Schutzmantel.

Auch wenn Adlers Buch explizit kein Ratgeber ist, gibt sie jedoch wertvolle Hinweise etwa bei der Haar- und Hautpflege (weniger Seife ist definitiv mehr), bei Hautkrebsvorbeugung, Insektenschutz, Kosmetik und Schönheitsmanipulationen wie Botox oder Aufspritzungen. Gerade hier erweist sie sich nicht nur als profunde Fachfrau, sondern vermittelt eben solche Dinge mit einer gehörigen Portion feinem Humor: so etwa, wenn sie von Tattoos als „Splatter-Movie für die Haut“ spricht und eindringlich vor der tickenden Zeitbombe der in der Haut und den Lymphen eingelagerten Farbe warnt. Auf der anderen Seite ist sie abwägend genug, um behutsame Botoxbehandlungen etwa der Zornfalte maßvoll abzugrenzen gegenüber kompletten Faltenstillegungen, die zu maskenhaftem Aussehen führen und selbst bei manchem Schönheitsarzt nach Selbstbehandlungen eher zu karikaturenhaftem Aussehen führen. Ausführlich geht sie auch auf die Haut als Sexualorgan, auf Sexualität als Quelle von Schönheit und Wohlfühlen sowie auf klassische Haut- und Geschlechtskrankheiten und ihre oft vermeidbaren Ursachen ein. Auch die Verbindungen zwischen unserer Haut und seelischen Befindlichkeiten und Erkrankungen werden ebenso deutlich wie der Zusammenhang zwischen Hautgesundheit und -schönheit mit Ernährung und den Einfluss von Alkohol und Nikotin.

Ob Käsefüße, Leberflecken, Mikrobiom der Haut, Cellulite oder Ohrenschmalz – Yael Adler schafft es, mit „Hautnah“ unseren Blick auf die Haut und ihre nicht selten schambesetzten Phänomene und Eigenschaften zu verändern. Dabei weiß sie komplizierte Fakten gut darzustellen und zugleich ohne jeglichen missionarischen Eifer, aber mit spürbarer Fazination für ihr Fachgebiet so gut zu unterhalten, dass man das Buch nicht mehr aus der Hand legen mag. Am Ende legt man es beiseite, betrachtet eigene und fremde Haut und auch so manche olfaktorische oder haptische Hauterscheinung der eigenen oder fremden Haut mit anderen Augen – und ist bestrebt, besser mit seiner Haut umgehen zu wollen. Im Wissen, dass die Haut auch aus medizinischer Sicht dort am jüngsten bleibt, wohin die Sonne nicht scheint, dürfte Adlers Buch mindestens zu einem starken Anstieg des Verkaufs von Kopfbedeckungen für die auch bei Wolken durchaus sonnengeplagte Gesichtshaut führen – hoffentlich aber zu mehr, denn „Hautnah“ vermag die Wertschätzung für die eigene Haut enorm zu steigern.

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2 Kommentare zu “Haut nah : Alles über unser größtes Organ / Yael Adler

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