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Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur / Andrea Wulf

Humboldt trug die Daten zusammen, die er brauchte, um die Natur als einheitliches Ganzes zu begreifen. Wenn sie ein Netz des Lebens war, reichte es nicht, sie mit den Augen eines Botanikers, eines Geologen oder einen Zoologen zu betrachten. Er benötigte Informationen von überall, sagte Humboldt, weil „Beobachtungen aus den verschiedenen Erdstrichen miteinander verglichen werden“ müssen. Er trug so viele Ergebnisse zusammen und stellte so viele Fragen, dass einige Leute ihn für dumm hielten, weil er sich nach „Selbstverständlichkeiten“ erkundigte. Einer der Führer berichtete, Humboldts Jackentaschen waren wie die eines kleinen Jungen – vollgestopft mit Pflanzen, Steinen und Papierschnipseln. Nichts war zu klein oder zu unbedeutend, um nicht untersucht zu werden. Alles hatte seinen Platz in dem großen Teppich, den das Leben knüpfte. (S. 125)

Die Bedeutung Alexander von Humboldts für unser heutiges Verständnis der Natur kann gar nicht hoch genug geschätzt werden. Der Kosmopolit Humboldt, der vielleicht einer der letzten Universalgelehrten und zu seiner Zeit weltberühmt und global vernetzt war, ist trotzdem heutzutage weitgehend vergessen. Die 1972 in Indien geborene, in Deutschland aufgewachsene und in Großbritannien lebende Kulturwissenschaftlerin Andrea Wulf legt mit ihrem Buch „Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur“ mehr als eine Biografie vor.

Ihr in fünf Teile gegliedertes Buch folgt den Lebensspuren Humboldts, beleuchtet dabei seine frühe Faszination für die Naturwissenschaften und seine schier grenzenlose Neugier. Deutlich wird aber auch rasch, dass für Humboldt das Forschen aus mehr bestand als Messen, Zählen und Wiegen: in seinem Verständnis war wirkliche Erkenntnis, wirklicher Wissensfortschritt nur möglich, wenn man die Exaktheit von Daten mit sinnlichen Eindrücken verband: „Die Natur muss gefühlt werden“, schrieb er an Goethe und betonte damit, dass Fantasie zur Erforschung der Natur ebenso notwendig sei wie rationales Denken.

Die Auswertung seiner berühmtesten Reise nach Südamerika, die ihn in die Llanos und an den Orinoco, über die Anden und zum Chimborazo führte, beschäftigte ihn bis kurz vor dem Tod, führte zu einer Reihe auch international beachteter Publikationen sowie natürlich zu Humboldts gegenwärtig noch bekanntestem Werk, dem seinerzeit mehrbändigen „Kosmos“. In einer Zeit, in der die Wissenschaft sich zunehmend zu spezialisieren begann, behielt Humboldt trotz seiner bis in kleinste Details gerichtete Interessen stets auch das große Ganze im Blick und war der erste, der die Natur als etwas verstand, in der alles mit allem zusammenhing. Er beschäftigte sich mit Geologie und Biologie ebenso wie mit Landwirtschaft, Physik, Astronomie und Klimaforschung, Wirtschaft, Ethnologie und gesellschaftspolitischen Themen und sah Verbindungen, die vorher nicht gezogen wurden, dachte und arbeitete interdisziplinär. eine Haltung, die über viele Jahrzehnte und zunehmende Spezialisierung der Wissenschaft in vielen Bereichen verloren ging und erst in den letzten Jahren wieder zunehmend an Bedeutung gewinnt.

Andrea Wulf arbeitet neben der Lebensgeschichte Humboldts und seiner sich bis in die literarischen Werke desselben auswirkenden Freundschaft zu Goethe insbesondere seinen Einfluss auf andere Naturwissenschaftler, Künstler und Dichter seiner Zeit heraus: er beeinflußte den jungen Charles Darwin ebenso wie Henry David Thoreaus, wurde für George Perkins Marsh, Ernst Haeckel und John Muir zu einer inspirierenden Quelle von Ideen und Gedanken und hat mit Thomas Jefferson und Simon Bolivar auch politische Größen seiner Zeit maßgeblich beeinflußt. Gebannt folgt man den Lebens- und Einflußspuren Humboldts, die bis in die heutige Zeit zu Begriffen wie Klimawandel, Nachhaltigkeit und Ökologie reichen und ist gleichermaßen fasziniert von Humboldts weitem, freiem geistigem Horizont und seiner geradezu weltbürgerlichen Lebensweise, die ihm die Rückkehr nach Deutschland im Alter nicht eben leicht machte. Seine Spuren sind in der modernden Umweltbewegung ebenso sichtbar wie in zeitgenössischer Literatur (Thoreaus „Walden“, Goethes „Faust“ und „Wahlverwandtschaften“) und Forschung.

Humboldt steht aber auch für etwas, dass wir heute – gerade in einer Zeit zunehmender nationalistischer Strömungen und einer nicht selten stark im Hinblick auf wirtschaftliche Verwertbarkeit arbeitenden Wissenschaft – nicht verlieren dürfen: die Internationalität der Forschung und des intellektuellen Austauschs sowie den möglichst freien Austausch von Gedanken und Wissen über alle Grenzen, Sprachbarrieren und Meinungsverschiedenheiten hinweg.

Ein wunderbares, auch in sprachlicher Hinsicht ungemein überzeugendes literarisches Sachbuch – Biografie, Wissenschafts- und Gesellschaftsgeschichte zugleich – über einen faszinierenden, ungemein wachen Menschen, der unser Bild von der Welt nachhaltig verändert und beeinflusst hat.

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22 Kommentare zu “Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur / Andrea Wulf

  1. Hallo Jarg,

    ich könnte Deinen Beitrag 1:1 unterschreiben, ich habe das Buch auch mit großer Begeisterung gelesen. Neben der Begeisterung für Alexander von Humboldts Wirken und Denken hat mich außerdem sehr beeindruckt, wie Andrea Wulf dies anschaulich und lebendig darstellt. Absolut lesenswert – schön, das auch hier nachzulesen. 🙂

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    • Hallo Andrea,
      Danke für deinen Kommentar. Es freut mich, dass ich mit meiner Begeisterung nicht allein bin. 😀
      Ein zauberhaftes Wochenende wünscht dir
      Jarg

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  2. Guten Morgen Jarg, du wirst so langsam aber sicher zu meinem Favorit bei all den Blogs, die Bücher vorstellen, ob es nun Kinderbücher sind oder eben solche, wie dieses hier. Ich habe das Buch auf meine Liste gestellt, vielen Dank für diese Besprechung.
    herzliche Grüsse
    Ulli

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