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Captain Fantastic – Einmal Wildnis und zurück / Regie: Matt Ross. Darst.: Viggo Mortensen, Steve Zahn, Frank Langella (u.a.)

Vor Jahren sind Ben und Leslie, zutiefst deprimiert vom American Way of Life und dem Kapitalismus, in die abgelegene Wildnis im Nordwesten der USA gezogen, wo sie ihren sechs Kindern mittels hartem mentalem und körperlichem Training, Philosophie und den Idealen linker Politik auf das Leben vorbereiten: täglich wird hart im Wald das Überleben trainiert, Yoga gemacht, meditiert und im Heimunterricht schulisches Wissen vermittelt. Statt Weihnachten gibt es den Noam-Chomsky-Day, Tiere werden selbst erlegt, die Bill of Rights auswendig gelernt. Man diskutiert über Marxismus und redet auch vor den Kindern offen über Sexualität.

Als Leslie, die an einer bipolaren Störung leidet und bereits seit einigen Monaten bei ihren Eltern lebt, Selbstmord begeht, stehen Ben und seine Kinder vor einem Problem: Leslie wollte als überzeugte Buddhistin verbrannt und ihre Asche in einer öffentlichen Toilette heruntergespült werden – ihre Eltern sehen jedoch ein klassisches Begräbnis im Sarg vor, bei dem Ben und die Kinder unter Androhung von Polizeigewalt nicht erwünscht sind. Doch Ben macht sich letztlich doch mit den Kindern in einem alten umgebauten Schulbus namens Steve auf den Weg nach New Mexiko: eine Reise voller absurder und skurriler Hindernisse und Erlebnisse beginnt, denn die zivilisationsunerfahrenen Kinder, die über den Materialismus der Zivilisation erschrocken sind, und der in seiner Ablehnung der Moderne konsequente, freiheitsliebende Ben fallen überall auf und ecken an.

Matt Ross ist ein tragikomischer Roadmovie der besonderen Art gelungen, der sich mit großer Ernsthaftigkeit und Respekt den Sehnsüchten und Ängsten seiner Protagonisten widmet. Der feine Humor des Films trägt dazu bei, dass die Sehnsüchte der handelnden Personen, die sich im Kontrast zur erfahrenen Wirklichkeit befinden, niemals bloßgestellt werden. Klassische Lebens- und Erziehungsmodelle prallen mit den anarchischen Austeigeridealen zusammen, was zu überaus komischen wie bewegenden Augenblicken führt. Die Reise von Ben und seinen Kindern erschüttert ihr Lebensmodell, ja stellt es in Frage. Am Ende steht dann Veränderung – doch anders, als man als Zuschauer denkt und erwartet.

Ein Film voller überraschender Volten, warmherzigem Humor und berührender Lebenstiefe, der einen etwas anderen Blick auf die Frage wirft, was Familie eigentlich bedeutet und zugleich auf einer zweiten Ebene subtil die Spaltung der amerikanischen Gesellschaft und des zunehmend durch moderne Lebensweisen von seinem Wesenskern entfernten Menschen zum Thema macht. der stark von Viggo Mortensen als Hauptdarsteller geprägt wird, dem für die Rollen der Kinder bemerkenswert starke Darstellerinnen und Darsteller zur Seite gestellt wurden. Man sollte sich Zeit nehmen für diesen aussergewöhnlich schönen, fein ausbalancierten und einfallsreichen Film.

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23 Kommentare zu “Captain Fantastic – Einmal Wildnis und zurück / Regie: Matt Ross. Darst.: Viggo Mortensen, Steve Zahn, Frank Langella (u.a.)

    • Nicht war? Regt doch sehr zum Nachdenken an. Die harte körperliche Ertüchtigung im naheliegenden Wald kriege ich bei meinen Kinder aber irgendwie nicht durch … und als Vegetarier kriegen wir das mit dem Hirsch nicht hin. 😉

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      • Einen Hirsch könnte ich als Veganer auch nie töten 😉
        Aber etwas mehr Bewegung an der frischen Luft würde vielen Menschen wirklich gut tun. Seitdem ich umgezogen bin, verbringe ich nun viel mehr Zeit in der Natur. Auch, wenn es nicht gerade ein Urwald hier ist 😉

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      • Ja, mehr draußen sein ist unbedingt zu empfehlen. Die eigene Kraft in der Natur spüren (beim leichten Klettern, beim Wandern, Radeln, Padeln) kann wie eine Droge wirken. Auch wenn „richtige“ Natur selten geworden ist.
        Und ich tut mich ja schon mit Fliegenklatschen schwer und könnte allenfalls einen wildgewordenen Tofu schlachten: das aber mit Verve und Gebrüll!

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