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Der Lärm der Zeit : Roman / Julian Barnes

Lass der Macht die Worte, denn Worte können Musik nicht beflecken. Musik entflieht den Worten: Das ist ihr Zweck und darin liegt ihre Erhabenheit. (S.80)

Jede Nacht steht ein Musiker vor der Fahrstuhltür mit einem gepackten Koffer, um seiner Frau und seinem Kind in der Wohnung den Moment ersparen zu können, zu dem sie ihn abholen werden. Es ist Dmitri Dmitrijewitsch Schostakowitsch, einer der berühmtesten Komponisten seiner Zeit. Zwei Jahre nach der Uraufführung seiner Oper Lady Macbeth von Mzensk, die seither in 200 Aufführungen und zahllosen Kritiken viel Zuspruch bekam, kommt plötzlich Stalin zu einer Aufführung, verlässt diese aber vor dem Ende.

Angst. Was wussten die, die Angst auslösten? Sie wussten, dass sie funktioniert, sogar wie sie funktioniert, aber nicht, wie sie sich anfühlt. „Der Wolf kann nicht von der Angst der Schafe reden“, wie man so sagt. Während er auf Anordnungen aus dem Großen Haus in St. Leninsburg wartete, hatte Oistrach in Moskau auf seine Verhaftung gewartet. Der Violinist hatte ihm geschildert, wie sie Nacht für Nacht Menschen aus seinem Haus abholten. Nie eine Massenverhaftung; immer nur ein Opfer und in der nächsten Nacht dann ein anderes – ein System, das die Angst für die Verbliebenen, die einstweilig Überlebenden in die Höhe trieb. Schließlich waren sämtliche Bewohner abgeholt worden, nur die in seiner und der gegenüberliegenden Wohnung nicht. In der nächsten Nacht kam der Polizeiwagen wieder, sie hörten, wie unter die Tür zuschlug, Schritte den Korridor entlang kamen … und zu der anderen Wohnung gingen. Exakt von diesem Moment an, sagte Oistrach, hatte er ständig Angst und würde sie, wie er wusste, ein Leben lang nicht verlieren. (S. 88)

Wenige Tage später erscheint ein Artikel in der Prawda, der Schostakowitsch kleinbürgerlichen Formalismus vorwirft: alle Aufführungen werden gestoppt und jene, die vorher voll des Lobes waren, beeilen sich, ihren Irrtum öffentlich einzugestehen und deutliche Kritik am Komponisten zu äußern. Für Schostakowitsch, der jetzt stark im Fokus der Staatsmacht steht und unter Druck gesetzt wird, beginnt eine Zeit der Depressionen und der Selbstmordgedanken, die ihn bis an sein Lebensende verfolgen sollen und seine künstlerische Arbeit: vieles, was er gerne an Musik schreiben und veröffentlichen möchte, bleibt unveröffentlicht zugunsten systemkonformerer Werke, eine weitere Oper wird er nie schreiben.

Was konnte man dem Lärm der Zeit entgegensetzen? Nur die Musik, die wir in uns tragen – die Musik unseres Seins – , die von einigen in wirkliche Musik verwandelt wird. Und die sich, wenn sie stark und wahr und rein genug ist, um den Lärm der Zeit zu übertönen, im Lauf der Jahrzehnte in das Flüstern der Geschichte verwandelt. Daran hielt er fest. (S. 168)

Julian Barnes gelingt ein bedrückendes literarisches Porträt des berühmten russischen Komponisten, der zeitlebens am Spagat zwischen der überlebensnotwendigen Anbiederung an die Macht und der Distanz zu ihr litt. Dabei beleuchtet er das Spannungsfeld zwischen der Freiheit der Kunst und der Unterdrückung durch einen allmächtigen Staatsapparat, der Diktatur und dem kreativen Schaffensprozess und macht so en paasant mehr als deutlich, dass Kunst Freiheit braucht. Barnes Schostakowitsch leidet an der Repression, aber auch an der eigenen Unfähigkeit, sich zu widersetzen, und sieht sich am Ende nicht nur als Feigling, der sich als Spielball der Macht mißbrauchen lässt, sondern zugleich betrogen um die Werke, die er aufgrund politischer Vorgaben nicht komponieren durfte. Er stirbt als unglücklicher Mensch.

Ein Künsterroman von großer Aktualität, der tief in die Seele des russischen Komponisten eintaucht und zugleich ein zutiefst deprimierendes Porträt einer Gesellschaft zeichnet, die zur Befreiung von Knechtschaft und Tyrannei aufbrach, aber in Unterdrückung endet. Der sprachlich anspruchsvolle, hoch verdichtete Roman lässt den Leser die tägliche Angst spüren und die Ohnmacht des begabten Einzelnen, der sich der Macht ergeben muss.

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2 Kommentare zu “Der Lärm der Zeit : Roman / Julian Barnes

  1. Der „Lärm der Zeit“ liegt schon zum Lesen bereit. Nun, nachdem Du auch noch einmal die Bedeutung der Freiheit und die Konsequenzen von Tyrannei und Unterdrückung für die Kunst deutlich gemacht, und so auch einen Bogen in unsere manchmal sehr beunruhigende Zeit geschlagen hast, freue ich mich doppelt auf die Lektüre.
    Viele Grüße, Claudia

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