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Nichts bleibt! : Roman / Willi Achten

Vielleicht besteht der Kern des Lebens, der schöne Kern, aus solchen Momenten der Nähe, des Anvertrauens zwischen zwei Menschen. Wahrscheinlich gibt es nicht mehr, und es rettet uns vor dem, was dort draußen auf uns wartet, das in unser Leben schlägt wie ein Sturm, der in die Bäume fährt. Er knickt und fällt sie, so wie auch wir fallen, und wenn wir brechen, stehen nicht mehr auf. (S. 92)

Franz Matthys, ein Mann in mittleren Jahren, lebt mit seinem rüstigen Vater, einem ehemaligen Bäcker, und seinem Sohn abgelegen im Wald. Er ist Kriegsfotograf und bekam einen bedeutenden Preis für das Foto von einer Steinigung. Doch glücklich ist Franz nicht: er zweifelt an seiner Arbeit, empfindet Schuld und wird von den erlebten schrecklichen Momenten im Schlaf verfolgt. Der Rückzug in die unaufgeregte Abgeschiedenheit verschafft Ruhe, und insbesondere der Sohn entwickelt eine innige Beziehung zum Großvater, der ihn in die Taubenzucht einführt. Franz selbst macht sich Hoffnungen auf eine neue Liebe zu Karen.

Auf dem Rückweg nahm sie meine Hand. Das Gras stach in die Kniekehlen. Unter den Sohlen brach Löwenzahn. Sie strich mit dem Daumen über meinen Handballen. Es war dunkel, bevor wie den Wald erreichten. Die Bäume standen wie Schattenrisse im Nachtblau. Der Wald ist in der Nacht ein anderer als am Tag. Auch wir werden andere, wenn wir in die Nacht gehen. Manchmal werden wir wahrer. Es gab keine Hast. Es war zuerst der Duft ihres Atems, ehe die Lippen sich berührten und später ausgestreckt im Gras der Taumel begann und schließlich dieses lange Fallen am Ende. (S. 114)

Doch die Schatten der Vergangenheit lassen ihn nicht los. Als sein Vater nachts im Wald von zwei Männern niedergeschlagen und so schwer verletzt wird, dass er sich davon nicht mehr wird erholen können, sinnt Franz, der – wie man nach und nach erfährt – zusätzlich seit längerem an der schweren, durch die Tauben ausgelösten Erkrankung seines Sohnes verzweifelt – auf Rache. Je näher er den Tätern kommt, um so mehr entfernt er sich von den Menschen, die er liebt und die ihn lieben, und versinkt in einem Alptraum von Rachegelüsten, dunklen Erinnerungen und Reflexionen über das zerbrechliche Glück, bis es hoch oben in den Alpen zu einer düsteren Wendung der Ereignisse kommt.

Das Glück, wir wissen nie, wann es endet. Wir spüren, wenn es beginnt. (S. 138)

Mit der Lektüre von Willi Achtens „Nichts bleibt“ musste ich mir Zeit lassen. Allein die dichte, zum Teil verknappte, zum Teil überaus komplexe und immer im Sinne der Wahrhaftigkeit und Authentizität sowie der Beschreibung innerer und äußerer Zustände und Betrachtungen „schöne“ Sprache schlug mich rasch in den Bann: oft musste ich das Buch beiseite legen, während ein Satz oder Absatz noch in mir nachklang, ich sogar noch ein zweites oder drittes Mal die selbe Stelle lesen musste, bis ich mit der Lektüre weiter fortfahren konnte. Achtens Roman entwickelt nichtsdestotrotz den Sog eines Thrillers, behält dabei aber eine unerhörte psychologische Tiefe, die einen vor allem in der zweiten Hälfte das Buch kaum noch aus der Hand legen lässt. Allein schon für Reflexionen wie diese lohnt sich die Lektüre:

Die Natur ist Natur, sie kennt uns nicht, so wie ein Virus und ein Bakterium uns nicht kennen. Sie agieren ohne Willen, ohne Absicht. Gleichwohl töten sie uns, wenn sie können. Der Berg, der Schnee, der Föhn, das Eis wissen nichts von uns. Sie sind ohne uns. Wir treten in keinen Dialog mit der Natur. Wir sprechen zur Natur, sie aber nicht mit uns. Nicht der Berg, nicht der Sturm, nicht die Wiesen haben ein Interesse an uns, so sehr wir auch eines an ihnen haben. Nicht einmal die Blutung in Vaters Hirn hat ein Interesse an Vater. Wir verbinden uns mit der Natur. Die Natur schweigt. Wenn sie vermeintlich spricht, führen wir ein Selbstgespräch. (S. 323)

Widerwillig identifiziert sich der Leser mit dem Protagonisten, der sich schon bald in eine kaum zu durchbrechende Spirale aus Verzweiflung, Rachegelüsten und Gewalt begibt, bis die Grenzen zwischen schönen und schrecklichen Erinnerungen, tatsächlich erlebten Ereignissen und Phantasien zu verschwimmen scheinen und man sich zum Ende hin unwillkürlich manchmal fragt, ob all das, was Franz Matthys schildert und erlebt, tatsächlich passiert oder er in seiner Gegenwart gefangen ist von Gefühlen und Gedanken, die machtvoll von seinen verdrängten Erfahrungen als Kriegsfotograf, der Trauer um den ihm durch eine schwere Krankheit verloren zu gehenden Sohn, der am Ende zur Mutter zieht, und der Wut über die schweren Verletzungen seines Vaters durchzogen sind.

Franz Matthys lässt uns spüren, wie dünn die zivilisatorische Firnis ist, die zwischen uns und unseren Aggressionen liegt und wie rasch ein Leben sich durch Zufall und Unglück einem Zustand nähern kann, in dem kein Raum mehr ist für Abwägungen, für das Innehalten. Einzig die Musik scheint Matthys in manchen Momenten noch innerlich für Momente befreien zu können. Ähnlich wie in „Winter in Maine“ von Gerard Donovan oder „Krieg“ von Jochen Rausch scheint das Ende bald unvermeidlich, während der an wachsender Verzweiflung leidende Leser doch noch hofft, dass sein Protagonist sich besinnt, andere Wege sucht, statt das Unglück zu mehren.

Allein die Schwerkraft hielt mich in der Welt. Unter meinen Schuhen Schnee und um mich herum war das Nichts. An das Nichts kann sich unsere Wahrnehmung, die visuelle im Besonderen, nicht binden. Man kann nicht das Nichts sehen. Und sieht man es dennoch, das Nichts, so kommt alsbald Schwindel, und wir beginnen zu schwanken – eine Warnung unseres Körpers, dass jeder Schritt unsicher und ein Wagnis ist, weil nichts mehr verlässlich ist, da die Koordinaten links und rechts, oben und unten, nicht mehr zuverlässig zu bestimmen sind, wir taumeln, geraten ins Rutschen, schlittern in diese weiße Leere, die uns umgibt. (S. 324)

Mit „Nichts bleibt“ ist Willi Achten ein ebenso düsterer wie sprachmächtiger Roman gelungen, der weit über sein Genre hinausragt. Er zeigt die Zerbrechlichkeit von Glück ebenso wie er die leichte Verfügbarkeit von Gewalt, von Rachegelüsten thematisiert, die uns als gewalttätigem Tier stets naheliegender zu sein scheinen, weil der Weg von der Wut, dem Hass zur Gewalt kürzer ist, leichter und rasch in einen Rausch münden kann, der die uns ebenso mitgegebene Vernunft überblendet. En passant stellt sich Achten über den Protagonisten Franz die Frage, ob sich mitschuldig macht, wer Gewalt fotografisch dokumentiert, ohne einzuschreiten, wie rasch ein Leben, ein Glück zerbrechen kann und wie nah das einigermaßen intelligente Tier Mensch der Gewalt, der Aggression ist, der jähen oder der perfide geplanten. Auf einer tieferen Ebene ist das Buch auch eine Reflexion über die größte Kränkung des Menschen: das Bewusstsein vom unvermeidlichen Tod und dem durch das Leben, das Erlebte selbst in Frage gestellten Sinn des Ganzen.

Ein tief berührendes, sprachlich überaus ansprechendes Buch, das ich gerne empfehle und für mich bereits jetzt zu den intensivsten Lektüreerfahrungen dieses Jahres zählt. Vielen Dank an Caterina von SchöneSeiten für den Tipp und die Vermittlung des Leseexemplars.

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4 Kommentare zu “Nichts bleibt! : Roman / Willi Achten

  1. Pingback: Auf Jagd – Willi Achten „Nichts bleibt“ – Zeichen & Zeiten

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