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Über das seltene Glück, mit dem Fahrrad zur Arbeit zu fahren

Ich beneide ja jeden, der täglich mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren kann, auch wenn ich über die Jahre durchaus die Vorzüge des Pendelns mit U-Bahn und Regionalexpress zu schätzen gelernt habe: schlummern, den Blick ins Land richten, Menschen sehen, mit manchen interessante Gespräche zu führen und – vor allem – Unmengen von Büchern lesen.

Da mich seit der Radtour an der Nordseeküste grössere Distanzen nicht mehr schrecken und ich meine Kraft in Verbindung mit dem neuen Rad mittlerweile gut einschätzen kann, war es in Anbetracht des verlockenden Wetters natürlich an der Zeit, mich nicht nur für kleinere zwei- bis dreistündige Touren in Hamburgs Nordwesten, Südwesten und Süden herumzutreiben. Was lag da näher, als einfach mal zur Arbeit zu radeln? Reine Strassendistanz: 88 km hin und zurück.

Aufgrund beruflicher Notwendigkeiten ergab sich dabei bei meinen zwei Fahrten am Samstag und Montag ein sehr direkter, montags auch von viel Autoverkehr begleiteter und erst nach etwa fünfzehn bis zwanzig Kilometern landschaftlich reizvoller werdender Hinweg über etwa 45 Kilometer an Hauptverkehrstrassen entlang. Auch sind manche Radwegabschnitte in den an der Strecke liegenden Gemeinden wohl dem Planungshandbuch „100 Velorouten zur Hölle“ entsprungen und nur mit den dicken 55er-Reifen halbwegs ohne Ermüdungsbrüche an Knochen und Rahmen zu ertragen: Wurzelaufbrüche, Schlaglöcher und Wellen waren über weite Strecken prägend. Dazu kamen einige Abschnitte, an denen ich laut Strassenverkehrsordnung auf dem kombinierten Rad- und Fussweg fahren musste, entgegenkommenden Passanten aber eigentlichnur mit einem beherzten Fallenlassen in die den Weg säumende Hecke hätte ausweichen können. Deutschland ist im Bezug auf das Fahrrad eben eigentlich Entwicklungsland.

Der Rückweg erfolgte dann über Nebenstrecken mit Abschweifungen, so dass am Ende jeweils knapp 100 Kilometer auf dem GPS-Zähler standen. Doch der Lohn war gross: lange Streckenabschnitte, die gefahrloses Schnellfahren ermöglichten und das Rad nur so schnurren liessen ; kurze Stopps mit weitem Blick in die eiszeitgeprägte Landschaft ; Rückfahrten, die mich über alte Bahntrassen, asphaltierte Wirtschaftswege und schotterige Waldpfade führten, durch kleine, eigentümliche schöne kleine Ortschaften mit seltsamen Namen, durch die Oberalsterniederung, den Jersbeker Park, den Wohldorfer Wald, das Duvenstedter Brook (eine meiner langjährigen Lieblingslandschaften), den mit Kindheitserinnerungen verbundenen Tangstedter Forst, das Ohemoor und das komplette Alstertal bis Winterhude.

Immer wieder hatte ich auf der Fahrt den Sommerduft in der Nase: warmes Gras, Wald, Wiesen, manchmal Tiere, siedlungsnah hier und da berauschender Jasminduft. Immer wieder ertappte ich mich bei einem breiten Grinsen, manchmal einem lauten Lachen. Seltsam, wie sich die Erinnerungen an das erste „richtige“ Fahrrad vor Jahrzehnten mit der in der Gegenwart erlebten Freude verbinden, einen ganz im Augenblick versinken und die Zeit an Bedeutung verlieren lassen.

Dann kommt man heim nach so einer Fahrt, besoffen vor Glück, wünscht sich, dass dieser Sommer nie vorbeigeht, und überlegt schon, wann neben all den anderen kurzen und langen. dem Familien- und Berufsalltag abgerungenen Touren die nächste Gelegenheit für eine Pendlerextravaganz mit dem Fahrrad sein könnte. Um es in einer Variation von Albert Camus zu sagen: Man muss sich Radfahrer als glückliche Menschen vorstellen.

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9 Kommentare zu “Über das seltene Glück, mit dem Fahrrad zur Arbeit zu fahren

    • Wie schön! Ich freue mich für jeden, der mit dem Rad zur Arbeit fahren kann. Bei mir wäre die Distanz auf Dauer zu gross. Aber manchmal, wenn ich am Sonntagmorgen mit dem Rad durch den frühen Tag schnurre, träume ich davon, dass meine Arbeit nöher an meiner Wohnung liegt …

      Gefällt 1 Person

    • Danke!!!! 😊 Fahrradfahren sorgt bei mir derzeit für so viel Glückshprmonausschüttung – da kommt dir Kraft fast allein.
      Sonnige Grüsse dir aus dem sommerlichen Hamburg!
      Jarg

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    • Das ist ja lustig. Wir sind da immer von Hamburg-Schnelsen aus im weissen, rot gepolsterten Ford 15 m hingefahren, haben uns mit leichten Holzklappstühlen und Essen in Tupperware auf einer Lichtung eingerichtet, Federball auf Waldwegen gespielt und so. Walderdbeeren gab es da … jedenfalls gaukelt mir das die Erinnerung vor. Gibt schon schöne Ecken hier um Hamburg rum: mit meinem ersten 28er-Rad bin ich damals bis Kaltenkirchen hoch und weiter. Und da ich derzeit viel herumfahre mit meinem neuen Rad, habe ich neben etlichen Neuentdeckungen ständig Deja-vus. 😊
      Bin gerade aus dem Volkspark zurück und sende sonnige Grüsse aus Hamburg, wo gerade der Autoverkehr zusammenbricht

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  1. Hat dies auf bike-a-razzi rebloggt und kommentierte:
    …Immer wieder ertappte ich mich bei einem breiten Grinsen, manchmal einem lauten Lachen. Seltsam, wie sich die Erinnerungen an das erste „richtige“ Fahrrad vor Jahrzehnten mit der in der Gegenwart erlebten Freude verbinden, einen ganz im Augenblick versinken und die Zeit an Bedeutung verlieren lassen.…

    Genau wie er schreibt.

    Gefällt 1 Person

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