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Wörterbuch des besorgten Bürgers

Donald Trump und all die anderen an die Macht gespülten Populisten wie Orban, Putin und Erdogan sind letztlich Ausdruck eines Diskussionsklimas, das zumindest Teile der politischen Öffentlichkeit erfasst hat: da werden munter Bedrohungsszenarien erfunden oder tatsächliche Mißstände über alle Maßstäbe aufgebauscht, um Ängste zu schüren und dann schnell mit vermeintlichen Lösungsvorschlägen zur Stelle zu sein, deren Schlichtheit im diametralen Gegensatz zur Komplexität der tatsächlichen Probleme stehen. Verschwörungstheorien machen die Runde. Kennzeichnend für die so agierenden besorgten Bürger ist, dass auch die Schuldigen schnell gefunden sind – mal in den sowieso natürlich korrupten Politikern, mal in den Asylbewerbern oder den angeblich nicht frei agierenden Medien, die gerne mal als „Lügenpresse“ oder „Mainstreammedien“ bezeichnet werden.

Das vorliegende Wörterbuch führt durch den Wortschatz des besorgten Bürgers und lotet nicht nur dessen Untiefen auch, sondern auch zuweilen komische Zusammenhänge. Gleichzeitig entlarven die Herausgeber die trübe Geschichte so manchen Schlagworts, die nicht selten rassistische oder nationalsozialistische Wurzeln haben und machen deutlich, worum es den Verwendern der hier zusammengestellten Begrifflichkeiten wirklich geht: um eine Vereinfachung einer als komplex empfundenen Welt, um klare Schuldzuweisungen und Diffamierungen, um das Schüren von Ängsten und Vorurteilen. Damit eignet es sich aber auch und gerade in der Auseinandersetzung mit Demagogen in den sozialen Medien als Argumentationsgrundlage, mit der man nicht selten den scheinbar so einleuchtenden Schlagworten der besorgten Bürger den Teppich unter den Füßen wegzieht, auch wenn das meistens Wutattacken oder Schweigen zur Folge hat und weitaus seltene eine Rückkehr zum respektvollen Diskurs in gegenseitiger Wertschätzung.

Im Wahljahr 2017 und in Zeiten zunehmender Polarisierung vor allem von rechts und im besonderen durch Pegida, AfD und Co. ein überaus wichtiges, lesenswertes Buch und zugleich ein zeitgeschichtliches Dokument.

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13 Kommentare zu “Wörterbuch des besorgten Bürgers

  1. Ich wollte gerade schreiben, dass ich von diesem Verlag schon „Wir sind die Mehrheit. Für eine offene Gesellschaft gelesen habe“, aber dann fiel mir auf, dass nur das Cover ähnlich ist. Egal! Das Buch klingt sehr interessant, allerdings finde ich den Titel unglücklich gewählt, weil er wieder zwei Pole aufmacht, wo ich doch eine Schließung der Fronten in der Geselslchaft erstrebenswerter fände (besonders wenn ich hier schon wieder einige Kommentare sehe…)

    Deswegen finde ich es gut, dass man durch deine Rezension auch mal über solche Titel hinwegsehen kann und merkt, dass sich der Inhalt lohnt. Danke!

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    • Gern geschehen. Ich denke, der Titel ist bewusst gewählt, weil sich gerade die rechten Vereinfacher gerne als „besorgte Bürger“ aufführen, wenn sie ihre kruden Thesen mit Absolutheitsanspruch absondern. Aber natürlich gebe ich dir recht: die Vereinfacher und Simplifizierer gibt es sowohl am extremen rechten Rand (Afd und Co.) als auch bei extrem linken Positionen. Die Frage ist, ob es wirklich zwei Pole gibt: ich habe schon das Gefühl, dass die große Masse der Bürgerinnen und Bürger zumindest unseres Landes nach den zweifelhaften Erfolgen von Populisten wie Trump und Co. den Polarisierern nicht mehr so leicht auf den Leim geht. Hoffen wir es zumindest im Angesicht der bevorstehenden Wahl, die leider wohl trotzdem am Ende zum ersten Mal seit dem 2. Weltkrieg dazu führen wird, dass wieder Nazis (diesmal in Blau) im Parlament sitzen werden.
      Die Lektüre ist übrigens ausgesprochen anregend.

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      • Es wäre halt gut, wenn auch eben die „besorgten Bürger“ dies Buch lesen würden, man hätte ja auch das ganze „Alles über Fakenews“ oder sonst wie nennen können, aber das ist ja jetzt eher Diskussionssstoff für den Verlag.
        Aber jetzt weiß ich ja, was mich in dem Buch erwartet, also kommt es auf die Leseliste^^

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      • Die Frage ist halt, ob die, die sich von den Vereinfachern bereits haben überzeugen lassen, sich mit diesem Buch von ihrer Haltung abbringen lassen werden. Oder ob es mehr ein Buch ist, um im öffentlichen oder direkten Diskurs die Argumente der Vereinfacher besser entlaven zu können (was letztlich auch die „besorgten Bürger“ erreichen könnte).

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      • Mh, ja, verstehe vorauf du hinaus willst. Und eigentlich ist deine Frage der springende Punkt: Was hilft überhaupt gegen das Besorgtsein? Ich hatte die Chance mir das von einem Sozialpsychologen erklären zu lassen (also das Thema Vorurteile und Stereotypen) und am Ende hilft nur (nachhaltig) die eigene Erfahrung. Wenn sich nämlich Argumente aufgrund von Emotionen in der gefestigt haben, kann auch ein belegbares Gegenargument dies nicht aus deinem Kopf verbannen.

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      • Deswegen muss man ja die Ängste auch ernst nehmen, auch wenn die Argumente dahinter nicht stichhaltig sind. Ist letztlich wie mit Höhenangst – ohne die Erfahrung, trotz Höhenangst mal einen Kletterparcours bewältigt zu haben, wirst du sie weiter behalten 😉

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  2. Populismus ist zu einem Reizwort geworden. Im Kern ist aber Politik jeder Couleur populistisch. Sie muß ja komplizierte Sachverhalte vereinfacht darstellen, um die Stimmen des Wahlvolkes zu ergattern. Populismus entspricht wohl dem Zeitgeschmack, denn auch an diesesm Buch klebt er in seiner linksverdrehten Ausprägung.

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