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Die Honigfabrik : Die Wunderwelt der Bienen – eine Betriebsbesichtigung / Jürgen Tautz ; Diedrich Steen

[…]Bienen lehren uns, wieder zu staunen über die Wunder, von denen wir umgeben sind. Die Schratigkeit mancher Bienenhalter mag gerade darin ihren Grund haben: Erwachsene Menschen, die immer wieder erleben, was sie als Kind zuletzt erlebt haben. Bienen zeigen ihnen eine welt voller Überraschungen, Geheimnisse und Rätsel. Bienen bringen ihnen in der entzauberten Wirkklichkeit unseres Zeitalters ein Gefühl für den Zauber des Daseins zurück, dass alles mit allem zusammenhängt. Darum hat der Umgang mit Bienen auch eine spirituelle Dimension. Bienen führen zu den großen Fragen. Bienen halten heißt auch, dem Leben beim Leben zuzuschauen – und mehr noch zu erfahren, dass dieses Leben nicht ein irgendwie gehandhabtes Gegenüber ist, sondern etwas Anvertrautes, von dem man selbst ein Teil ist. Bienen lehren uns, dass wir […] Leben sind inmitten von Leben, dass Leben will (S. 242)

Vollbremsungen lege ich mit dem Fahrrad bei meinen Touren im Norden Hamburgs eigentlich nur hin, wenn ich an einem Imker vorbeikomme: dann kaufe ich meistens ein Glas Honig für den heimischen Bedarf im guten Gefühl, dabei auch das Imkerhandwerk zu unterstützen. Das in den letzten Jahren gewachsene Interesse an der eigentlichen Quelle des Honigs ist auch an mir nicht spurlos vorbeigegangen: immerhin haben es in letzter Zeit vier Bienenbücher auf meinen Leseplatz geschafft. „Die Honigfabrik“ von renommierten Bienenforscher Jürgen Tautz und Hobbyimker und Verlagsmitarbeiter Diedrich Steen ist das fünfte Bienenbuch in kurzer Zeit und wurde in diesem Frühjahr zum heimlichen Bestseller. Zu Recht.

Tautz und Steen beschreiben überaus anschaulich und unterfüttert mit neuesten Erkenntnissen und faszinierenden Beobachtungen Struktur, Abläufe und Besonderheiten im Bienenstaat, diesem erfolgreichen Superorganiswmus, dessen süßes Produkt für die frühen Menschen lange einzige und daher begehrte Süßigkeit war. En passant spielt dabei auch die Geschichte der Imkerei, die vom zerstörenden Wabenraub über die Zeidlerei im Wald, dem modernen, im 19. Jahrhundert seine Wurzeln findenden Imkern mit Bienenstöcken und -kästen bis hin zur oft hobbymäßig betriebenen, manchmal mehr auf Bestäubungsdienstleistungen fokussierten Imkerei der Moderne reicht. Die Autoren räumen dabei auch mit vielen Mythen rund um die Bienen auf, ersetzen überkommene, einst populäre Erkenntnisse über Eigenschaften der Bienen wie den Bienentanz durch moderne Forschungsergebnisse und zeigen auch auf, wo es noch an Wissen mangelt. Das Verhalten der Bienen, das an geplantes, selbstloses und intelligent gesteuertes Handeln erinnert, wird dabei auch thematisiert.

Bienen verhalten sich so, als ob sie denken könnten, als ob sie planen würden und als ob sie selbstlos wären. Mehr können wir nicht sagen. Das nimmt den Bienen aber keineswegs ihre Faszination., sondern ganz im Gegenteil: Mit dem Bienenstaat hat die Natur einen Superorganismus hervorgebracht, der (fast) alles richtig macht, auch wenn er wohl nicht wirklich denken und planen kann und seine Mitglieder nicht wirklich selbstlos sind. Diese Tatsache entzaubert die Bienen nicht, sondern vertieft in meinen Augen die Ehrfurcht und den Respekt vor der Natur und vor diesem Insekt (S. 238 f).

Bei ihrer Schilderung der Betriebsabläufe gehen sie dabei tief ins Detail: Materialkunde am Beispiel von Wachs, dem Klebstoff Propolis, Bienenbrot gehören ebenso dazu wie die Jahreszeiten, die Beschreibung der einzelnen Aufgaben, die eine Biene im Verlauf ihres Lebens übernimmt, die Bedeutung von Königin, Drohnen und eine Erläuterung spezifischer, für Bienen besonders hervorzuhebender organischer Eigenschaften und Fähigkeiten bis hin zur Wahrnehmung über Gesichtssinn und Gefühl. Die Produkte der Bienen stehen danach im Fokus, angefangen vom Honig und seiner Erzeugung aus Nektar oder Blattlaussekret, dem Bienengift und seiner medizinischen Wirkung, dem Propolis, dass eigentlich als Superklebstoff dient und dem Wachs, ausgeschwitzt aus dem Hinterleib der Arbeiterinnen. Natürlich dürfen auch Phänomene wie der Schwarmtrieb und seine Folgen sowie die Bedeutung solcher Ereignisse für den Imker nicht fehlen, gefolgt von Erkenntnissen zu Diebstahl, Überfällen und Verteidigung. Das viel thematisiserte Bienensterben wird ebenfalls genauer unter die Lupe genommen und die Wahrheit sauber vom Mythos getrennt, ohne deshalb Entwarnung zu geben.

Dabei kritisieren die Autoren auch fast schon industriell betriebene Formen der Imkerei, die die Tiere zum Beispiel durch häufige Ortswechsel (bedingt durch einen Fokus auf die Bestäubungsleistung) erheblichrm Stress aussetzen. Deutlich wird, dass ein verantwortungsvoller Imker immer das wirtschaftliche Interesse mit dem langfristigen Überleben und der Gesundheit seiner Bienenvölker in Einklang bringen muss.

Tautz und Steen verstehen es, ihr Thema äußerst spannend und anregend aufzubereiten und die Neugier auf diese überaus faszinierenden Insekten zu wecken: viele Details wie etwa die Bedeutung von Propoplis als Klebstoff im Stock, die Ereignisse beim Schwärmen oder die Existent von Spurbienen, Heizerbienen und Spähern waren mir bisher unbekannt, ebenso viele Faktoren, die die Bienen im Stock selbst beeinflussen können (Belüftung, gegenseitiges Wärmen im Winter). Überraschend war für mich auch, dass Bienen eigentlich Tiere des Waldes sind, die in Baumhöhlungen ihr Zuhause suchen: gerade hier scheint die moderne Forschung anzusetzen und die Zeidlerei wieder zu beleben, um neue, eventuell auch gegen das Bienensterben zu verwertende Erkenntnisse zu gewinnen. Nicht zuletzt aber wohnt der Beschäftigung mit Bienen nach Überzeugung der Autoren auch eine spirituelle Dimension inne:

Und auch wenn imkerliches Pathos hier vielleicht etwas überzieht: Eine kleine Welt zu kennen, in der Gegenseitigkeit funktioniert, hilft, an einer Welt, die in immer egoistischerem Streben immer mehr auseinander zu fliegen scheint, nicht zu verzweifeln. Bienen geben Hoffnung und – sie machen glücklich (S. 244).

Ein überaus faszinierendes Buch über ein wunderbares Tier, das nicht nur unser Leben versüßt, sondern auch unsere Aufmerksamkeit verdient: nicht nur aus Eigeninteresse, sondern weil Bienen uns viel über das Leben und den Tod lehren können. Für alle Tier-, Bienen- und Honigfreunde gern empfohlen.

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