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Die Irren mit dem Messer / Verena Lugert

Vor Köchinnen und Köchen habe ich schon immer Respekt gehabt: wer weiland Gregor Webers „Kochen ist Krieg“ gelesen hat, dessen Achtung vor diesem ungemein anstrengenden Beruf dürfte bereits damals ins Unermessliche gewachsen sein. Die deutsche Journalistin Verena Lugert macht mit Reportagen und Stories für verschiedene Magazine Karriere, als sie sich mit Ende Dreissig an ihre zweite Leidenschaft neben dem Schreiben erinnert: das Kochen.

Nach einigem Überlegen hängt sie ihren Beruf mehr oder weniger an den Nagel, lässt sich in einem Crash-Kurs an der Londoner Dependance der weltberühmten Kochschule Le Cordon Bleu zur Köchin ausbilden und fängt danach als in der Hackordnung weit unten stehender Commis de cuisine in einem Restaurant des britischen Kochgiganten Gordon Ramsey an. Eine entbehrungsreiche Zeit beginnt für sie, die sie psychisch und physisch an den Rand des Zusammenbruchs und darüber hinaus treibt: 16-Stunden-Tage in der Küche, massiver Qualitätsdruck von ganz oben und zunächst wenig Respekt von dem eingespielten Team steigern den Druck in ungeahnte Höhen und lassen Lugert mehr als einmal daran zweifeln, ob der Wechsel in die verrückte Welt der Gourmetküche der richtige Schritt war.

Sie hält durch, verrichtet ihre Arbeit, macht kaum Pausen, schläft wenig und verschafft sich nach Monaten erste Anerkennung von den Kollegen, für die sie eigentlich viel zu langsam ist. Doch dann bricht sie zusammen und es scheint, als wäre alles aus. Lugert kündigt – und erlebt eine Überraschung.

Verena Lugert ist die Begeisterung für das Kochen und die Küche von der ersten Zeile an anzumerken. Ihr Buch, mit den Fähigkeiten der routinierten Journalistin geschrieben, ist nicht nur ein Einblick in die hoch verdichtete Arbeitswelt der Spitzenküche und die Leidenschaft, die dort bis an den Rand des Wahnsinns gelebt wird, sondern auch ein sehr persönlicher Erlebnisbericht einer spätberufenen Köchin, die fast an ihrem eigenen Anspruch scheitert und die eigenen Grenzen auf eine Art erfährt, dass es einem Bange werden kann. Ein spannender Bericht über eine Welt, die weit jenseits der alltäglich erscheinenden Arbeitswelten des Normalbürgers erscheint und der Arbeitsethos und Emotion zu einer Arbeitsatmosphäre führen, die wohl nur mit wahrer Leidenschaft, ja Obsession für den Beruf zu ertragen sein dürfte.

Ein detailreicher, spannender und gut zu lesender Blick hinter die Kulissen der Gourmetküche, den man kaum aus der Hand legen mag.

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